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Welche Rolle spielt Luftverschmutzung in Corona-Pandemie? | BR24

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Luftverschmutzung (Symbolbild)

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    Welche Rolle spielt Luftverschmutzung in Corona-Pandemie?

    Italien und Spanien waren besonders schwer von Covid-19 betroffen. Vor allem einzelne Hotspots wie etwa der Großraum Madrid haben hohe Infektionszahlen. Dabei könnte die Luftverschmutzung als Grund dafür bisher unterschätzt worden sein.

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    Von
    • Doris Fenske
    • Norbert Haberger

    Innerhalb der EU sind Italien und Spanien besonders schwer von Covid-19 betroffen. Bei genauerem Hinsehen weisen aber vor allem einzelne Hotspots, wie die norditalienische Poebene und der Großraum Madrid hohe Infektionszahlen auf. Ursachen dafür gibt es viele. Ein Aspekt könnte dabei bisher unterschätzt worden sein: die Luftverschmutzung.

    Schon bald, nachdem Corona das norditalienische Bergamo mit unvorstellbarer Wucht erfasst hat, hegten italienische Mediziner einen Verdacht: Spielt auch die Luftverschmutzung eine Rolle, wie gravierend sich das Coronavirus auswirkt? Auch in den Niederlanden will man dieser Frage jetzt nachgehen. Denn auffällig ist: Nicht etwa in den Ballungsgebieten um Amsterdam oder Rotterdam ist die Corona-Epidemie als Erstes ausgebrochen, sondern in der Provinz Noordbrabant. Inzwischen sind in dieser Region ein Viertel der niederländischen Corona-Toten zu verzeichnen. In Noordbrabant ist die Luft so schlecht wie nirgendwo sonst in den Niederlanden.

    Ist das Amoniak in der Luft aus der Tierhaltung schuld?

    Liegt das daran, dass die Provinz die höchste Dichte an Tieren in Europa, an Schweinen, Kühen, Hühnern, Ziegen und Schafen aufweist?

    "Epizentrum der Massentierhaltung" wird die Provinz auch genannt. Hier teilen sich 2,5 Millionen Menschen mit 35 Millionen Tieren den Platz. Die Niederlande, von der Fläche her gerade mal so groß wie Nordrhein-Westfalen, sind die zweitgrößte Exportnation von Agrarprodukten der Welt – nach den USA. Industrielle Tierhaltung und intensive Landwirtschaft machen das möglich. Das Problem: In der Tierhaltung entsteht Ammoniak und das ist ein schädlicher Luftschadstoff.

    Die niederländische Agrarministerin Carola Schouten hat nun veranlasst, mit einer staatlichen Untersuchung zu klären, welchen Einfluss die Luftverschmutzung auf den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung hat und welche Rolle die intensive Tierhaltung dabei spielt.

    Stall und Feld: Quellen der Luftverschmutzung

    Luftverschmutzung aus der Landwirtschaft? Auch wenn man da vielleicht zunächst an Traktoren und deren Auspuff-Abgase denken könnte - besonders relevant ist etwas anderes, nämlich die Gülle. In dem Gemisch aus Kot und Harn, vor allem von Rindern und Schweinen, entsteht im Stall und bei der Ausbringung Ammoniak. Auch in Deutschland in erheblichen Mengen, sagt Marcel Langner vom Umweltbundesamt. 95 Prozent der Ammoniak-Emissionen stammen aus der Landwirtschaft.

    Das Problem dabei: Wenn Ammoniak in die Atmosphäre entweicht, verbindet es sich mit anderen Luftschadstoffen und bildet winzige Partikel: den sogenannten sekundären Feinstaub. Die einzelnen Teilchen können so groß wie Rußpartikel aus Dieselmotoren sein, die zum primären Feinstaub gezählt werden. Beide Feinstaubarten sind eine Gefahr für die menschliche Gesundheit. Je kleiner die Partikelgröße, desto tiefer kann der Feinstaub in unseren Körper vordringen, die Lunge schädigen und Entzündungsreaktionen hervorrufen. Diese Entzündungsreaktionen können Herz-Kreislauferkrankungen auslösen.

    Wie kann der Ammoniak-Ausstoß reduziert werden?

    Die einfachste Möglichkeit wäre, weniger Tiere zu halten. An der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft wird aber auch erforscht, was die Höhe der Emissionen noch beeinflusst. Ein Großteil der schädlichen Gase lässt sich beim Ausbringen der Gülle verringern, erklärt Fabian Lichti vom Institut für Landtechnik und Tierhaltung, wenn die Gülle in Streifen möglichst direkt auf den Boden ausgebracht wird. Oder sofort in den Boden eingearbeitet wird. Das wird bisher aber noch nicht flächendeckend in der Landwirtschaft praktiziert.

    Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten, wie vermieden werden kann, dass Ammoniak in die Atmosphäre entweicht. Schon bei der Lagerung der Gülle und im Stall, wo sie anfällt. Darin liegt auch das zentrale Problem: Nur wenn Kot und Harn vermischt werden, kommt es zur Bildung von schädlichem Ammoniak.

    In der Weidehaltung, wo Harn getrennt vom Kot abgesetzt wird, ist das anders. Hier sind die Ammoniak-Emissionen auf einem sehr niedrigen Niveau, sagt Fabian Lichti. Doch nur ein geringer Teil der Rinder in Bayern kommt auf die Weide.

    Auch durch gezielte Fütterung könnte der Ammoniak-Ausstoß verringert werden und noch weitere Methoden wären möglich. Bis jetzt werden sie in der Praxis aber kaum angewandt.

    Landwirtschaft in Bayern könnte bis zu 40 Prozent der Feinstaubbelastung erzeugen

    Marcel Langner vom Umweltbundesamt sieht die Landwirtschaft daher in der Pflicht. Er schätzt, dass sie je nach Region für 25 bis 50 Prozent der gesamten Feinstaub-Belastung in Deutschland verantwortlich ist. In Bayern - nach dem Nordwesten Deutschlands eine weitere Region mit teils hohen Tierzahlen - könnte die Landwirtschaft etwa 30 bis 40 Prozent der Feinstaub-Belastung verursachen. Während in anderen Wirtschaftssparten der Schadstoffausstoß merklich zurückging, hat sich bezüglich Ammoniak seit Jahrzehnten wenig getan.

    Eine überarbeitete EU-Richtlinie sieht vor, dass die Ammoniak-Emissionen aus der Landwirtschaft bis zum Jahr 2030 im Vergleich zum Jahr 2005 um 29 Prozent reduziert werden sollen. Weitere wichtige Feinstaubquellen sind Kraftfahrzeuge und Verbrennungsanlagen – vom Holzofen bis zu Braunkohlekraftwerken. Nach einer Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts in Mainz sind in Deutschland mehr als 120.000 Todesfälle pro Jahr auf Feinstaub-Belastung zurückzuführen.

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