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Welche Folgen hat die Angst vor Corona für Kinder? | BR24

© dpa

Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort.

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    Welche Folgen hat die Angst vor Corona für Kinder?

    Welche Auswirkungen hat es, wenn Kinder Angst vor einer Corona-Infektion haben? Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort erklärt im Interview, dass es vor allem damit zusammenhängt, wie Eltern kommunizieren.

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    Am 08. September hat in Bayern wieder die Schule begonnen - mit vielen Hygiene-Vorschriften, Abstandsgebot und Maskenpflicht im Klassenzimmer für die ersten neun Tage. Wir haben Kinderpsychiater Prof. Dr. Michael Schulte Markwort gefragt, was das mit den Kindern macht.

    BR24: Herr Schulte-Markwort. Beschäftigt Kinder die Corona-Krise eigentlich genauso wie uns Erwachsene?

    Schulte-Markwort: Je aufgeregter und ängstlicher Eltern sind, desto ängstlicher sind auch Kinder. Man muss aber auch sagen, dass das insgesamt altersabhängig ist. Kleine Kinder nehmen das sehr viel natürlicher als ältere. Dafür haben sie etwas mehr darunter gelitten, dass sie ihre Freunde nicht gesehen haben.

    BR24: Was ist das Schwierigste für Kinder an der derzeitigen Situation?

    Schulte-Markwort: Das Schwierigste ist tatsächlich, dass sie aus ihren sozialen Bezügen rausfallen. Wobei wir sehr spannende Erfahrungen gemacht haben, dass manche Kinder tatsächlich gesagt haben: „Ich kann zuhause viel besser lernen. Mein Vater kann das viel besser erklären.“ Ich habe auch Sätze gehört wie: „Ich habe gerade gemerkt, dass ich ohne Lehrer besser lernen kann.“

    Wir haben es auch mit Kindern zu tun, die durch die sozialen Kontakte eher belastet sind und für die das Homeschooling ein Segen war.

    BR24: Viele machen sich Sorgen, dass die Kinder aufgrund der Maskenpflicht Schäden davontragen, weil sie die Mimik des Gegenübers nicht erkennen können. Stimmt das, oder ist das Quatsch?

    Schulte-Markwort: So schnell entsteht natürlich kein Schaden. Aber wir haben sowohl in der Klinik als auch in den Ambulanzen Psychotherapie ohne Mundschutz gemacht. Die Kinder haben sehr schnell gesagt: „Ich sehe gar nicht, wie du mich anschaust. Und der mimische Ausdruck ist ja auch innerhalb von Psychotherapie sehr wichtig.

    Auch bei Vorträgen habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sehr anstrengend ist, einen Vortragenden zu verstehen, ohne die Mimik zu sehen. Das heißt, ein Lehrer, der unter Umständen einen Mundschutz trägt, ist für die Schüler viel anstrengender. Ob das aber gleich zu Schäden führt, wage ich zu bezweifeln. Für mich ist es viel wichtiger, dass es aus ärztlicher Sicht gar nicht nötig ist, dass die Schüler einen Mundschutz tragen.

    BR24: Sind die Kinder mental gut vorbereitet auf die ganze Situation? Stellen wir uns vor, jemand in der Klasse hat Corona. Wie kann man das auch kleineren Kindern erklären?

    Schulte-Markwort: Mein Eindruck ist, dass das bisher überhaupt gut an alle Kinder weitergegeben worden ist. Das hängt aber tatsächlich sehr davon ab, wie Erwachsene reagieren. Man kann ja gerade bei Kindern davon ausgehen, dass der Infektionsverlauf milde ist und man sich keine großen Sorgen machen braucht. Insofern wäre ich da sehr entspannt. Wenn aber Eltern da überhaupt nicht entspannt reagieren, wird auch ein Kind ängstlicher sein. Ich sehe es als unsere Aufgabe an, Kinder zu entängstigen.

    BR24: Es gab ja auch Erstklässler, die gesagt haben, sie haben Angst, sich mit dem Corona-Virus in der Schule zu infizieren.

    Schulte-Markwort: Das wäre dann aber wirklich Ausdruck einer falschen Information an die Kinder. Denn Kinder brauchen sich überhaupt keine Sorgen zu machen, wenn sie sich tatsächlich infizieren. Wir machen sowieso den Fehler, dass wir immer Infektion mit Erkrankung gleichsetzen, was ja überhaupt gar nicht richtig ist.

    BR24: Wie bewerten Sie die Maßnahmen an den Schulen generell? Was würden Sie aus psychologischer Sicht anders machen?

    Schulte-Markwort: Ich würde mir wünschen, dass Schulen und Lehrer mit großer Selbstsicherheit und wenig Angst an das Thema gehen. Und ich würde mir wünschen, dass Lehrer mit gutem Beispiel vorangehen und eine angemessene Normalität leben. Natürlich schadet es niemandem, mehr auf Hygiene-Regeln zu achten. Das schadet auch keiner Schule, wenn sie hygienischer wird.

    BR24: Wenn Corona irgendwann vorbei ist: Haben Maßnahmen wie Abstandhalten und Maskenpflicht langfristige Folgen für die Kindespsyche oder ist das zu vernachlässigen?

    Schulte-Markwort: Ich glaube, das ist insgesamt zu vernachlässigen, weil Kinder ausgesprochen flexibel sind und mit großer Anpassungsfähigkeit reagieren. Wie sich das alles aber insgesamt auswirkt, wird man schwer vorhersagen können. Das gilt aber auch für das Erwachsenenleben. Bleiben wir zum Beispiel dabei, uns eher mal nicht die Hand zu geben und uns cheek to cheek zu begrüßen? Und werden wir - wie im asiatischen Raum - sowieso Masken tragen, wenn wir uns in Menschenmengen bewegen? Das wird sich zeigen.

    BR24: Welche Rolle spielt das Alter der Kinder?

    Schulte-Markwort: Natürlich sind das unterschiedliche Bedürfnisse. Je kleiner die Kinder sind, desto schwerer werden sie sich daran halten können. Dann gibt es, glaube ich, so eine Mittelstufe, zwischen sechster und zehnter Klasse. Danach kommt dann aber ein bisschen der pubertäre Größenwahn, wo man sich auch naturgemäß für relativ unverwundbar hält und sich auch nicht an alle Regeln hält. Das gehört in dieser Altersstufe dazu, dass man auch gegen Regeln aufbegehrt.

    BR24: Was würden Sie Lehrern in so einem Fall raten, wenn die Maske beispielsweise mal nur unter dem Kinn sitzt?

    Schulte-Markwort: Das bleibt im Spannungsfeld zwischen äußeren Anforderungen und dem, was aus ärztlicher Sicht tatsächlich geboten ist. Ich kann es nur wiederholen: Die Gruppe, mit denen Lehrer es zu tun haben, ist überhaupt keine Risikogruppe. Wenn man sich da an ein paar wenige Regeln hält, ist das alles überhaupt kein Problem. Deswegen würde ich mich sehr freuen, wenn Lehrer mit einem entängstigendem Vorbild vorangehen.

    BR24: Viele Menschen kritisieren in den Sozialen Netzwerken, dass wir zu viel über Virologie und zu wenig über die Kinder und ihre Bedürfnisse sprechen. Sehen Sie diese Kritik auch?

    Schulte-Markwort: Ich glaube, dass wir tatsächlich zu viel über Epidemiologie reden. Es gibt kein einziges Krankheitsbild aus der jüngeren Vergangenheit, über das wir so intensiv informiert hätten. Obwohl es viel gefährlichere Erkrankungen gibt, auch mit viel größeren Todeszahlen. Viele Kinder sagen mir: „Jetzt hört doch endlich auf, nur darüber zu reden. Es gibt ja auch noch andere Themen. Ich mache mir auch Sorgen, dass andere wichtige Nachrichten aus der Welt untergehen.

    "Lernen trotz Corona?" Darüber diskutierte die Münchner Runde am 09.09.2020 u.a. mit Kultusminister Michael Piazolo, dem Virologen Oliver T. Kepler (LMU) und Michael Schulte-Markwort.