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Weitere Klinik-Schließungen: Was spricht dafür, was dagegen? | BR24

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Die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland sinkt seit Jahren.

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    Weitere Klinik-Schließungen: Was spricht dafür, was dagegen?

    Die Zahl der Klinik-Standorte in Deutschland sinkt. Manche Gesundheitsökonomen wollen sie weiter verringern und fordern mehr Zentralisierung, andere warnen vor langen Wegen.

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    Von
    • Nikolaus Nützel

    Die Diskussion über Klinikschließungen in Deutschland wird seit einigen Jahren immer intensiver geführt – mit verschiedenen Argumenten für und gegen die Schließungen. Wie ist die Situation in Deutschland? Was spricht für, und was gegen Klinikschließungen? Und: Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie dabei?

    Deutlich mehr Ärzte in weniger Kliniken

    Obwohl die Zahl der Kliniken und der Krankenhausbetten bundesweit in den vergangenen Jahren gesunken ist, werden die Patienten von mehr ärztlichem Personal betreut als früher. Wenn man alle Beschäftigungsverhältnisse in sogenannte "Vollzeitäquivalente" umrechnet, ergibt sich von 1991 bis 2018 bei der Zahl der Krankenhausärzte ein Anstieg um 73 Prozent.

    Die größere Zahl von Ärzten behandelt aber auch immer mehr Fälle. Deren Zahl ist zwischen 2008 und 2018 um rund ein Zehntel angewachsen, von 17.519.579 auf 19.392.466. Dafür, dass mehr Menschen behandelt werden, obwohl die Zahl der Klinikbetten schrumpft, gibt es eine Erklärung: Die Zahl der Tage, die Patienten für eine Behandlung in der Klinik verbringen, sinkt seit langem. 1991 waren es im Schnitt 14 Tage, im Jahr 2008 waren es 8,1 Tage, im Jahr 2018 nur noch 7,2 Tage – also eine Halbierung innerhalb von 27 Jahren.

    Diese kürzere sogenannte Verweildauer sorgt auch dafür, dass die Auslastung der Betten in deutschen Krankenhäusern heute deutlich niedriger ist als noch Anfang der 1990er-Jahre. Damals lag die Auslastung bei 84,1 Prozent. Dann sank sie rund ein Jahrzehnt lang auf dann gut 77 Prozent. Bei diesem Wert liegt sie auch heute.

    Es werden auch neue Kliniken eröffnet

    Es machen allerdings nicht nur Krankenhäuser dicht, es werden auch neue eröffnet. Oft seien es Spezialkliniken in privater Trägerschaft, erklärt die Bayerische Krankenhausgesellschaft BKG. Diese Entwicklung schlägt sich insbesondere in Bayern in der Statistik nieder. Im Freistaat hatte die Zahl der Kliniken nach Daten der BKG im Jahr 2009 mit 343 einen Tiefpunkt erreicht. Fürs Jahr 2020 stehen dagegen 373 Kliniken im bayerischen Krankenhausplan, ein Zuwachs um 8,7 Prozent.

    Mehr Intensivbetten

    Trotz des allgemeinen Bettenabbaus in deutschen Kliniken ist über die vergangenen Jahrzehnte hinweg die Zahl der Intensivbetten gestiegen. Im Zeitraum von 1991 bis 2018 verzeichnete das Statistische Bundesamt eine Zunahme um 36 Prozent, auf 27.500. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie wurden die Intensiv-Kapazitäten weiter ausgebaut.

    International immer noch weit oben

    Gesundheitsökonomen verweisen dabei darauf, dass auch nach jahrelangem Abbau die Dichte an Krankenhäusern in Deutschland noch immer deutlich höher ist als in anderen Industriestaaten. Nach Daten der Industriestaaten-Organisation OECD kamen in Deutschland zuletzt rund sechs Krankenhausbetten auf 1.000 Einwohner. In Frankreich beträgt die entsprechende Zahl 3,1, in Italien 2,6, in den USA 2,4 und in Schweden 2,0.

    Was spricht für weitere Klinikschließungen?

    Schon seit längerem gibt es von verschiedenen Seiten Forderungen, die Zahl der Klinik-Standorte weiter zu senken. Für eine geringe Anzahl an Kliniken spricht nach Einschätzung vieler Fachleute, dass es in größeren Zentren einfacher sei, sich medizinische Expertise zu erarbeiten.

    Das Aktionsbündnis Patientensicherheit, in dem Verbände und Einzelpersonen aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens zusammengeschlossen sind, betont, wie wichtig Routine sei: "Die Durchführung von komplizierten Eingriffen, für die weder die Operateur*innen noch die betreuenden Teams über regelmäßige Erfahrung verfügen, ist nachweislich mit höheren Risiken für Patient*innen verbunden."

    Der Gesundheitsökonom Prof. Boris Augurzky vom RWI-Leibnizinstitut für Wirtschaftsforschung in Essen formuliert es so: "Wenn ich etwas oft mache, dann werde ich darin immer besser." Das sei auch in der Corona-Pandemie von Vorteil, weil die Behandlung von schweren Corona-Verläufen in besonders gut ausgerüsteten Zentren besser zu gewährleisten sei als in kleinen Krankenhäusern. Die Befürworter sehen durch die Coronakrise ihre Forderung nach einem weiteren Umbau der deutschen Krankenhauslandschaft bestätigt.

    Augurzky sagt: "Obwohl die Corona-Pandemie eine große Gefahr ist, spricht nichts dagegen, Klinikkapazitäten stärker zu zentralisieren. Es geht dabei nicht in erster Linie um die Reduktion von Kapazitäten, sondern um ihre Bündelung."

    Klinikschließungen schon lange vor Corona

    Der Grund für den erhöhten Druck auf Kliniken, Bettenkapazitäten abzubauen, ist vor allem die Umstellung auf eine Bezahlung nach Fallpauschalen (DRGs) ab dem Jahr 2003. Bis zu der Vergütungsreform erhielten die Kliniken umso mehr Geld, je länger ein Patient auf Station blieb. Das wollte die Bundesregierung ändern. Denn nach ihrer Einschätzung war "die stationäre Verweildauer im internationalen Vergleich sehr hoch". Sprich: Die Patienten blieben nach Ansicht der Politik länger im Krankenhaus als medizinisch nötig. Das hat sich nach Einschätzung der Bundesregierung durch die Reform der Klinikfinanzierung geändert. Die Regierung schreibt dazu, die Krankenhäuser hätten "ihre Prozessorganisation verbessert und Wirtschaftlichkeitsreserven realisiert; Fusionen und Kooperationen haben zugenommen".

    Was spricht gegen die Klinikschließungen?

    Die Argumente der Befürworter einer weiteren Verringerung der Zahl der Klinik-Standorte stoßen allerdings auch auf Widerspruch. In Bayern etwa vertritt die "Aktionsgruppe Schluss mit Kliniksterben in Bayern" die Auffassung, die entsprechende Politik der vergangenen Jahre verschlechtere die Versorgung. Nach Ansicht der Aktionsgruppe können auch kleine und mittelgroße Krankenhäuser eine optimale Versorgung der Patienten gewährleisten. Gleichzeitig hält es die Gruppierung für schädlich, wenn Patienten und ihre Angehörigen längere Wege zurücklegen müssen.

    Auch bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) stößt die Forderungen nach Klinikschließungen auf Widerspruch: Nicht nur große Krankenhäuser könnten gute Qualität liefern. Im Hinblick auf die Demografie würden geriatrische medizinische Behandlungen immer wichtiger – und die bedürften keiner Spezialisierung. In einer Pressemeldung schreibt die DKG, "wer auf Zentralisierung und Selektivverträge setzt, riskiert große Versorgungslücken und Wartelisten für die Patienten, wie wir sie aus anderen Ländern kennen."

    Wie muss man Klinikschließungen in der Corona-Pandemie einordnen?

    Rainer Hoffmann von der „Aktionsgruppe Schluss mit Kliniksterben in Bayern“ hält es aber für "hanebüchen", wenn die Diskussion um Krankenhausschließungen als Argument für die Behauptung verwendet wird, Berichte über die Corona-Pandemie seien übertrieben. „Viele Krankenhäuser sind durch Corona an der Belastungsgrenze“, betont Hoffmann.

    Auch der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Roland Engehausen, sagt: "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die strukturelle Diskussion wird völlig unabhängig von Covid-19 seit Jahren und Jahrzehnten geführt, und zwar überall auf der Welt."

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