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Wasserkraft: klimafreundlich - aber umweltfeindlich? | BR24

© Johannes Hofmann/BR

Eine Forscherin untersucht einen Fisch aus einem Wasserkraftwerk.

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    Wasserkraft: klimafreundlich - aber umweltfeindlich?

    Wasserkraftwerke gelten als emissionsarm und nachhaltig. Über die Auswirkungen auf Fische und Ökosysteme wird aber immer wieder gestritten. Eine neue Untersuchung kommt nun zu dem Ergebnis: Es gibt Nachholbedarf - auch bei neueren Anlagen.

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    Die Idee, die Kraft des Wassers zur Energiegewinnung zu nutzen, ist Jahrtausende alt. Doch während früher kleine Mühlräder an Flüssen und Bächen Säge- und Hammerwerke in Bewegung setzten, produzieren heute oft riesige Wasserkraftwerke mit mächtigen Turbinen Strom.

    Richtig so, meinen die einen: Mit Wasserkraft kann die Energiewende vorangetrieben werden. Besonders Bayern setzt wegen der günstigen Lage zu den Bergen auf diese regenerative Energieerzeugung. Etwa 4.200 Wasserkraftanlagen gibt es im Freistaat — deutlich mehr als in jedem anderen Bundesland. Und mit einem Anteil von etwa 15 Prozent an der bayerischen Bruttostromversorgung ist Wasserkraft der Spitzenreiter unter den erneuerbaren Energien.

    Wasserkraft kann Ökosystemen schaden

    Umweltschützer bemängeln jedoch schon lange, dass Strom aus Wasserkraftanlagen eher grau als grün ist: Die Energieerzeugung durch Wasser sei zwar klimafreundlich, dafür aber umweltfeindlich. Gemeint sind die erheblichen Eingriffe in die Natur zu Lasten von Fischen und Ökosystemen.

    Belastbare Daten kommen nun auch von der Technischen Universität München. Jürgen Geist, Professor für Aquatische Systembiologie, und sein Team sind seit 2014 der Frage nachgegangen, ob es fischverträgliche Wasserkraftwerke gibt. Dazu haben sie sieben Anlagen mit vier unterschiedlichen Kraftwerkstechnologien in Bayern analysiert.

    Fische mit verletzten Schwimmblasen

    Stromabwärts von Turbinen, Überläufen und Fischpässen haben die Forscher Netze aufgestellt und mehr als 70.000 Fische gefangen, um zu untersuchen, ob und wie Fische durch die Anlagen verletzt werden. 8.500 Fische wurden zusätzlich geröntgt, um Hinweise auf mögliche innere Verletzungen zu bekommen.

    Zusätzlich haben sie sogenannte Sensorfische eingesetzt, um noch genauere Daten zu bekommen. Jürgen Geist und sein Team schmeißen sie vor einer Wasserkraftanlage ins Wasser und ziehen sie, nachdem sie die Turbinen durchlaufen haben, stromabwärts wieder aus dem Wasser. Am Computer kann man dann grafisch genau sehen, was Fische in den Turbinen erleben.

    Der Sensorfisch zeichnet einerseits auf, welche Schläge der Fisch abbekommt, wie er in die verschiedenen Richtungen beschleunigt wird, erklärt Geist. Und er zeichnet auf, welchen Druckunterschieden er ausgesetzt ist. Meistens gebe es erst einen Überdruck, dann einen Unterdruck, und das könne bei den Fischen zum Beispiel zum Platzen der Schwimmblase führen, so Geist.

    Entscheidend ist der Standort des Kraftwerks

    Am Anfang der umfangreichen Untersuchung stand die Frage: Welche unter den verschiedenen Anlagetypen ist am fischverträglichsten. Das Ergebnis hat Geist überrascht: Eine Musterlösung oder einen Kraftwerkstyp, der jetzt besonders fischschonend wäre, gebe es nicht, so der Biologe. Vielmehr seien die lokalen Standortfaktoren entscheidend. Überraschend sei, dass bei manchen Anlagetypen, die als innovativ, manchmal als besonders frischfreundlich vermarktet werden, zum Teil Schädigungen am Fisch hervorgerufen würden, die größer waren als bei konventionellen Anlagen, so Geist.

    Laut Studie gibt es keine Anlagen- und Turbinentechnik, die Fische prinzipiell besser schützt als andere. Bislang war man davon ausgegangen, dass moderne Anlagen, wie etwa Wasserkraftschnecken oder Kraftwerke mit VLH-Turbinen mit niedriger Fallhöhe, Fische besser schützen können.

    Quetschungen, Schuppenverlust, Flossen-Einrisse, oder gar tödliche Amputationen: Dass Fische unter Wasserkraftanlagen leiden, das zeige die Studie, lasse sich kaum vermeiden. Der Forscher hofft aber nun, dass die Ergebnisse dabei helfen, die Anlagen zumindest so fischverträglich zu machen wie nur möglich, etwa indem die Anlagen standortbezogen ganz individuell eingestellt werden.

    Deutsche Wasserkraft erschöpft?

    Thomas Funke vom Landesfischereiverband bemängelt vor allem die vielen Kleinanlagen in Bayern. Ihm zufolge produzieren sie kaum Energie, dafür richten sie aber erheblichen ökologischen Schaden an. Ein weiterer Ausbau der Wasserkraft wäre für ihn ohnehin unsinnig:

    "Vom Umweltbundesamt gibt es eine Studie, Energieziel 2050, die kommt zu dem Ergebnis, dass das Potenzial an Wasserkraft in Deutschland bereits ausgeschöpft ist, und dass sie keinen großen Beitrag zur Energiewende mehr leisten kann." Thomas Funke, Landesfischereiverband Bayern

    Dem widerspricht Stefan Pastötter von der Vereinigung Wasserkraftwerke in Bayern. Er meint, auch Kleinanlagen seien für die bayerische Bruttostromerzeugung essenziell. Die Kritik von Naturschützern hält er hinsichtlich der Energiewende für nicht pragmatisch. Die Wasserkraftenergie sei vergleichsweise umweltschonend, negative Begleiterscheinung gebe es immer.

    "Es gibt keine einzige Form der Energieerzeugung, die null Einfluss, die null Einwirkung auf irgendwas hat." Stefan Pastötter, Vereinigung Wasserkraftwerke Bayern

    Trotzdem möchte auch er die neuen Erkenntnisse aus der Studie der TU München nutzen, um die Wasserkraftanlagen fischfreundlicher zu machen.

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