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Was macht "Social Distancing" mit unserer Psyche? | BR24

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Was macht der Lockdown mit unserer Psyche?

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Was macht "Social Distancing" mit unserer Psyche?

Zu Hause bleiben und zwei Meter Abstand zu unseren Mitmenschen sollen uns vor Ansteckung schützen und das Corona-Virus aufhalten. Aber wochenlange soziale Distanz und kaum Kontakt mit Freunden, Kollegen und Eltern - was macht das mit unserer Psyche?

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Unsere Welt ist auf dem Kopf gestellt. Wir müssen während den Ausgangsbeschränkungen auf vieles, was vor Corona selbstverständlich war, verzichten - und das Schlimmste ist für die meisten Menschen: der fehlende Kontakt zu Freunden. Viele Freizeitbeschäftigungen wie Fußball, Fitnessverein, Club- oder Restaurantbesuche, bei denen wir uns entspannen oder ablenken konnten, sind eingeschränkt oder untersagt. Wir würden sonst mit zu vielen Menschen zu eng in Kontakt kommen und so die Rate der Infektionen mit dem Corona-Virus erhöhen. Nun arbeiten wir im Homeoffice, gehen kaum aus dem Haus und wenn, dann nur kurz einkaufen, in der Natur joggen oder spazieren. Wir halten Abstand und vermeiden jegliche Berührung aus Respekt und gegenseitiger Fürsorge. Obwohl wir gerade jetzt, um gemeinsam diese Krise leichter bewältigen zu können, dringend Nähe bräuchten, hilft uns nur soziale Distanz. Niemand weiß, wie er eine mögliche Infektion überstehen würde und ein wirksames Mittel gegen Covid-19 ist noch nicht auf dem Markt. Das macht vielen Menschen Angst.

Gibt es einen Ersatz für mangelnde Berührungen?

Bei einer Umarmung könnten wir so manche Sorge vergessen und uns beruhigen. Denn Berührungen setzen das Hormon Oxytocin frei, betont der Psychologe Martin Grunwald von der Universität Leipzig. Es hilft Stress abzubauen und das Immunsystem zu stärken. Social Distancing bedeutet aber einen Verzicht auf Berührung. Wer nun als Single lebt und sich nach einer Umarmung von der besten Freundin sehnt, kann nur auf die Zeit nach Corona hoffen. Auch die Großmutter zu umarmen, um ihr Trost zu geben, fällt im Moment komplett aus. Diesen Mangel an Berührung mit Hunden oder Katzen zu kompensieren kann nur begrenzt gelingen, erklärt Tastsinn-Forscher Prof. Dr. Martin Grunwald.

© BR/Gut zu wissen

Berührungen sind für uns Menschen sehr wichtig. Doch in Corona-Zeiten müssen wir Abstand halten. Was macht das mit uns, wenn wir keinen direkten Kontakt zu anderen mehr haben können?

Gibt es auch positive Auswirkungen von Social Distancing?

Der Rückzug in die eigenen vier Wände bringt aber für einige wenige Menschen sogar positive Aspekte mit sich. Sie entwickeln neue kreative Ideen, haben mehr Zeit mit der Familie, weniger Termindruck und empfinden es als Entschleunigung. Das kann aber nur gelingen, wenn keine finanziellen oder gesundheitliche Sorgen im Vordergrund stehen. Aktuelle Studien bestätigen aber eher das Gegenteil: Seit dem Ausbruch der Pandemie gibt es einen deutlichen Anstieg von Depressionen und Angstzuständen.

Soziale Isolation verstärkt psychische Erkrankungen weltweit

Weltweit wird von Psychologen und Psychiatern beobachtet, dass Menschen, die bereits unter einer psychischen Krankheit leiden, diese durch die soziale Isolation noch mehr verstärkt wird. Je länger die Maßnahmen andauern, desto eher werden auch gesunde Menschen psychische Leiden entwickeln. In Großbritannien veröffentlichte die Fachzeitschrift "Lancet Psychiatry" einen Aufruf von Psychiatern, die psychischen Folgen nicht zu vernachlässigen. Zunehmende Einsamkeit, gesundheitliche Sorgen, Stress und finanzielle Probleme belasten die psychische Gesundheit. „Das Problem ist zu wichtig, um es zu ignorieren“, betont Rory O’Connor von der Universität Glasgow. In Amerika wird in einem Brief des Psychiatrischen Verbandes an den US-Kongress darauf hingewiesen, dass mehr als ein Drittel der Amerikaner angeben, das Corona-Virus und die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung würden ernsthaft ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen.

Verschlechterung der psychischen Gesundheit auch in Deutschland

In Deutschland erforscht das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz die psychischen Auswirkungen der Corona-Krise. In einer Online-Befragung sollen die psychischen Reaktionen zur Bewältigung der Krise untersucht werden. Die ersten Ergebnisse zeigen: Bereits 37 Prozent der Befragten sorgen sich um ihre seelische Gesundheit. Ein Vergleich mit einer Untersuchung von 2017 deutet bereits eine Verschlechterung während der Corona-Ausgangsbeschränkungen an.

Wann wird ein Leiden krankhaft?

Die Grenzziehung, wann ein Leiden zu einer ernsthaften psychischen Erkrankung werden kann, ist in der momentanen Situation nicht leicht, denn wann wird Händewaschen zum Zwang oder eine bedrückte Stimmung zur Depression. Wer sich frühzeitig Hilfe sucht, der kann sich jedoch schneller aus einem Teufelskreis befreien. Als erste Maßnahme wird von den meisten Psychotherapeuten empfohlen: Seinen Tag zu strukturieren. Darüber hinaus ist es wichtig weiterhin soziale Kontakte zu pflegen, aber eben online oder telefonisch. Dabei sollte man am besten über positive Themen sprechen.

Psychische Widerstandsfähigkeit trainieren

Resilienzforscher wie Professor Raffael Klatsch vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz möchte mit der Online-Studie herausfinden, wie jeder einzelne mit den Einschränkungen umgeht, um daraus Empfehlungen abzuleiten. Die Corona-Krise ist für alle Menschen eine neue große Herausforderung und darf nicht nur als eine wirtschaftliche und gesellschaftliche, sondern sollte auch als eine psychische Krise gesehen werden, aus der wir hoffentlich gestärkt herausfinden. Es ist ein Stresstest für die Gesellschaft und für jeden einzelnen. Es ist aber keine angeborene Fähigkeit, optimistisch und ohne psychischen Beeinträchtigungen Krisen zu bewältigen, sondern ein Anpassungsprozess. Die Hoffnung der Resilienzforschung: Psychische Widerstandsfähigkeit kann man lernen und trainieren.

© BR/Gut zu wissen

Bei früheren Pandemien hatten infizierte Menschen später ein höheres Risiko für Depressionen, Ängste und Psychosen. Weil sich diese Menschen intensiv mit dem Tod auseinandersetzen mussten. Wie können wir das bei Covid-19 vermeiden?