BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance / Zoonar | DesignIt
Bildrechte: picture alliance / Zoonar | DesignIt

Das Ökosystem unserer Welt ist fragil und kann schnell aus den Fugen geraten,

2
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Am Abgrund: Was das Artensterben für den Menschen bedeutet

Kornrade und Wiesenknopf-Ameisenbläuling: Geheimnisvoll klingende Namen, doch dahinter verbergen sich Tragödien. Diese Arten - wie Dutzende weitere in Deutschland - sind vom Aussterben bedroht. Das hat dramatische Auswirkungen. Auch für uns Menschen.

2
Per Mail sharen
Von
  • Katharina Zeckau
  • Martin Jarde

Das Surren von Insekten sowie der Gesang von Feldvögeln ist in Deutschland mittlerweile selten geworden. In ihrer Kindheit war das noch anders, erinnert sich Beate Jessel. Die 59-Jährige ist Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz und damit sozusagen oberste Naturschützerin des Landes.

Kipp-Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gibt

Obwohl sie in einer intensiv genutzten Agrarlandschaft aufgewachsen sei, habe es noch viele Wegraine, Feldsäume und Gehölzstrukturen gegeben, erzählt sie. "Überall liefen einem Rebhühner über den Weg und in der Luft hat man den Gesang der Feldlerchen gehört."

Die Feldlerche als bodenbrütende Vogelart ist mittlerweile sehr selten geworden. Das mache deutlich, "da kommen wir mittlerweile an Kipp-Punkte, wo unter Umständen es für bestimmte Arten auch kein Zurück mehr geben wird", sagt Jessel.

Artensterben in Deutschland ist dramatisch

Der Rückgang der Arten ist dramatisch - auch und gerade in Deutschland. Laut Bonner Rote-Liste-Zentrum ist ein Viertel der hiesigen Pflanzen-, Pilz- und Tierarten in seinem Bestand gefährdet. Zweieinhalb Prozent gelten bereits als verschollen oder ausgestorben. Die Zahl der Insekten ist sogar um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen.

Bei den Säugetieren ist hierzulande knapp ein Drittel gefährdet. Darunter sind der Luchs, der Feldhase, die Alpenspitzmaus, der Schweinswal oder auch der Feldhamster, wie Albert Wotke, Referent bei der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF, erklärt: "Feldhamster waren noch in den 50er Jahren unglaublich zahlreich überall vertreten, so kleine süße Hamster mit so schönen großen Augen, wie man sie so kennt." Inzwischen sei der Feldhamster in Deutschland aber fast ausgerottet, sagt Wotke.

Deutschland beim Artensterben in Europa auf einem Spitzenplatz

Grundsätzlich gilt: Je extremer die Lebensbedingungen und je spezieller die Futter- und Brutgewohnheiten einer Spezies, desto gefährdeter ist diese. Der Feldhamster zeige allerdings, dass der Artenschwund längst auch breit in der Fläche und bei den etablierten Arten angekommen ist. Zwar nehme das dicht besiedelte Deutschland mit seiner intensiven Forst- und Landwirtschaft beim Artensterben in Europa einen Spitzenplatz ein, das Problem aber sei global, sagt Wotke.

"Wir befinden uns im sechsten Massenaussterben, das es auf dieser Erde gegeben hat. Und dieses Massenaussterben ist menschengemacht." WWF-Referent Albert Wotke

Zur Einordnung: Das letzte Massenaussterben war vor etwa 65 Millionen Jahren, als unter anderem die Dinosaurier ausstarben. Viele Experten gehen davon aus, dass von den sechs Millionen Tierarten weltweit bis zum Ende dieses Jahrhunderts eine Million ausgestorben sein könnte. Und das Tempo nimmt immer weiter zu.

Ursache für sechstes Massenaussterben: der Mensch

Die Ursache dafür ist die menschliche Lebensweise, erklärt die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. Etwas mehr als die Hälfte der Fläche in Deutschland sei landwirtschaftlich genutzt, deshalb habe die Landwirtschaft einen sehr großen Einfluss auf die Artenvielfalt: "Das sind der hohe Einsatz an Pflanzenschutzmitteln, aber auch an Düngemitteln, das ist der Landnutzungswandel, der in unserer Agrarlandschaft dazu geführt hat, dass Strukturen wie Hecken oder auch blütenreiche Säume zunehmend verschwunden sind."

Ebenso habe eine zunehmende Nutzungsintensität einen Einfluss auf die Artenvielfalt, so Jessel: Wiesen und Grünländer etwa würden nicht wie früher zwei oder drei Mal gemäht, sondern vier bis fünf Mal. Dies führe zu einem starken Rückgang der Artenvielfalt, aber auch zu einem starken Rückgang des Blühangebotes, auf das wiederum viele Insekten angewiesen sind.

© BR
Bildrechte: BR

Wiesen werden mit moderner Mähtechnik immer öfter und immer früher gemäht. Dabei werden Bienen beim Nektar sammeln getötet, besonders durch sogenannte Aufbereiter, die mit ihren Zinken die Insekten zerfetzen.

Auch Klimawandel spielt eine zentrale Rolle

Auch die Klimakrise spielt eine zentrale Rolle, sagt der Biologe Albert Wotke. Sie befördere beispielsweise mit Dürren den starken Rückgang von Feuchtlebensräumen. Das habe drastische Konsequenzen für die dort lebenden Tiere und Pflanzen und letztlich für den Menschen.

"Man muss sich diese Artenvielfalt so vorstellen wie ein Netz mit vielen Knoten. Und wenn man jetzt ein oder zwei da rausnimmt, dann bricht vielleicht nicht das ganze Netz entzwei", erläutert Wotke, "aber wenn das immer weiter geht, irgendwann sind diese Verbindungen so stark verändert, dass alles zerbricht. Wir sind da wirklich sehr, sehr abhängig!"

Aussterben einzelner Tierarten führt zu Domino-Effekt

Es gibt Experten, die sagen: Die Klimakatastrophe bedrohe die Art und Weise, wie wir leben. Das Artensterben aber ziele auf die Frage, ob wir leben. Beate Jessel verweist auf den gefährlichen Domino-Effekt, der durch das Verschwinden einzelner Arten entstehen kann: "Wenn man an den Rückgang der Insekten denkt, der wirklich breit in der Fläche nachgewiesen ist, der schlägt mittlerweile auch beim Rückgang vieler Agrarvögel durch." Welche weiteren Folgen dies alles noch in die Nahrungsketten hinein habe, sei aktuell nur schwer überschaubar.

Beispiel Bestäubung: 80 bis 90 Prozent der Pflanzen weltweit sind von Bestäubern, also Insekten, abhängig. Was nun tun, wenn diese fleißigen Helfer verschwinden? Von Hand bestäuben, wie es teils schon in China geschieht? Das wird teuer: Auf über eine Milliarde Euro pro Jahr wird der Anteil der bestäubungsabhängigen Produktion allein für Deutschland geschätzt.

Auch ökonomische Gründe gebieten Artenschutz

Es sprechen also nicht nur ethische, ökologische sowie ökonomische Gründe dafür, sich um die Erhaltung der Arten auf unserem Planeten zu kümmern. Es geht, so pathetisch das klingen mag: Um nicht weniger als unser Überleben.

Sie interessieren sich für Themen rund um Religion, Kirche, Spiritualität und ethische Fragestellungen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter. Jeden Freitag die wichtigsten Meldungen der Woche direkt in Ihr Postfach. Hier geht's zur Anmeldung.