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Greenwashing bei Altplastik: Mehr Image als Recycling | BR24

© pa/dpa/Hans Lippert

Was bedeutet "100% aus Altplastik"?

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    Greenwashing bei Altplastik: Mehr Image als Recycling

    Wer umweltfreundlich leben will, greift meist auch in der Drogerie gern zu Pflege- und Putzmitteln, deren Verpackungen laut Aufdruck gänzlich aus recyceltem Plastik hergestellt wurden. Doch auch hier geht es oft mehr um Image als um Wahrhaftigkeit.

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    Auf immer mehr Shampoos, WC-Reinigern, Spül- oder Waschmitteln prangt in den Drogeriemärkten der Aufdruck "100 Prozent aus recyceltem Plastik". Fast alle großen Konzerne wie "Procter & Gamble", "Henkel" oder auch der US-Riese "Unilever" haben mittlerweile eine Marke am Start, deren Verpackung – laut Aufdruck – aus recyceltem Altplastik (Rezyklat) hergestellt wird.

    Als Branchen-Primus gilt aber das Familienunternehmen "Werner & Mertz", zu dem auch die Reinigungsmittelmarke "Frosch" gehört. "Man kann über 60 Prozent des CO2 einsparen, wenn man Rezyklate verwendet anstatt frisches Rohöl", sagt Reinhard Schneider, Vorsitzender der Geschäftsführung von "Werner & Mertz", "und man kann nochmal CO2 einsparen, wenn das Plastik am Ende der Nutzungsdauer nicht – wie in Deutschland – verbrannt wird, sondern eben im Kreislauf gehalten wird."

    Nachhaltigkeit verkauft sich gut

    Weil Nachhaltigkeit und Plastikvermeidung mittlerweile aber auch ein kaufentscheidendes Kriterium für viele Kunden sind, spielen bei vielen Unternehmensentscheidungen auch Marketinggründe eine entscheidende Rolle. Da gibt es dann plötzlich eine "Limited Edition" von Verpackungen aus Altplastik oder "Ocean Plastic", angeblich aus Plastikmüll aus den Weltmeeren aufbereitet.

    Zu teuer: Plastik wird nur wenig recycelt

    Die meisten Deutschen, die zu Hause ordentlich ihren Plastikmüll trennen und im Gelben Sack oder der Wertstofftonne sammeln, glauben, dass das Material wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückkommt. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus.

    Lediglich 16 Prozent der Gesamtmenge des deutschen Plastikmülls – das wurde im sogenannten Plastikatlas berechnet – wird tatsächlich wieder als Rezyklat aufbereitet. Der meiste Plastikmüll wird verbrannt oder in die Welt verschifft, daran hat auch das neue Verpackungsgesetz, das seit Januar 2019 gilt, nicht viel geändert.

    Letztlich ist Neuplastik derzeit einfach zu billig. Auch, weil die Erdölpreise niedrig sind. Rezyklat aus dem Gelben Sack ist etwa 20 Prozent teurer als Neuplastik. Staatliche Anreize könnten helfen, die Situation zu verbessern. "Also vorübergehend sollte das gefördert werden, weil die Sortier-Technologie, die wir verwenden, sogar geeignet ist, um aus stark verschmutzten Quellen wie im Gelben Sack – sogar nach amerikanischen Regeln – lebensmitteltaugliche Verpackungen upzucyceln", sagt Reinhard Schneider, "diese Technik kostet erst mal mehr, wenn sie noch nicht richtig ausgelastet ist."

    Für den Verbraucher nur schwer zu beurteilen

    Streit gibt es bei der Frage, was als echtes Rezyklat bezeichnet werden darf. Für Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ist es eindeutig: "Unter Einsatz von Recyclingmaterial, versteht der Verbraucher eigentlich, dass Verpackungen aus dem Gelben Sack wiederverwendet und stofflich zu neuen Verpackungen verarbeitet werden." Für Kunden vor dem Verkaufsregal lässt sich das aber nur schwer überprüfen.

    Zum Beispiel hat die Deutsche Umwelthilfe kürzlich ein Toilettensteinkörbchen von Henkel kritisiert, das angeblich aus "100 Prozent recyceltem Plastik" hergestellt wurde. "Wenn die strahlend weiß sind", erklärt Thomas Fischer von der DUH, "dann weiß ein Experte, das ist kein sogenanntes Post Consumer Recyclate aus dem Gelben Sack, sondern das Material muss irgendwo anders herkommen."

    Streng genommen: Was ist echtes Rezyklat?

    Henkel sah kein Problem darin, dass auch Industrie-Rezyklate und nicht nur Granulat aus wieder aufbereiteten Altplastik der Verbraucher verwendet worden war. Industrierezyklat kommt aber nie beim Kunden an, sondern ist eben Abfall, der bei der Produktion anfällt. Streng genommen Neuplastik, das eben beim Ausstanzen anfällt und wieder eingeschmolzen wird.

    Nach der sogenannten ISO-Norm wäre das auch in Ordnung, aber für Reinhard Schneider ist das nur Trickserei und ärgerlich: "Weil der Konsument erwartet, wenn da steht "100 Prozent Rezyklat", dass das auch tatsächlich von ihm zurückgeholt wurde. Da wünsche ich mir schon mehr Klarheit." Zumindest für Deutschland hat Henkel den – laut Stuttgarter Landgericht (Mai 2019) – irreführenden Aufdruck wieder entfernt. Ein Interview zum Thema "Rezyklat" hat das Unternehmen kurzfristig abgesagt.

    "Werner & Mertz" hat auch den Konkurrenten "Procter & Gamble" verklagt und vor dem Landgericht Stuttgart im April Recht bekommen. Laut Aufdruck sollte eine Flasche des Spülmittels "Fairy" aus mindestens zehn Prozent recyceltem "Ocean Plastic" bestehen. Wie sich herausstellte, waren nur zwei Prozent tatsächlich aus aufbereitetem Meeresplastik, der Rest stammte aus gesammeltem Plastik in Gewässer- und Ufernähe. Procter & Gamble musste den Aufdruck entsprechend ändern lassen.

    Standards und Siegel tun not

    Prinzipiell wäre eine Überprüfung schon möglich, wenn sich die Branche auf gemeinsame Standards und Mindestanforderungen einigen könnte. Zum Beispiel über die Rezyklat-Initiative oder ein Siegel. Schließlich trifft der Kunde seine Kaufentscheidung am Regal innerhalb von Sekunden

    So gäbe es Nachweise, die von den Herstellern erbracht werden müssten, wie Wiegescheine oder Quellennachweise. "Wir haben ein Gütezeichen zusammen mit dem RAL (Anmerkung der Redaktion: Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung e. V.) entwickelt, sagt Reinhard Schneider von "Werner und Mertz", "das genau das überprüfen soll. Derjenige, der das ausweist, muss nachweisen, was er denn tatsächlich mit dem Plastik macht. Und dann könnte auch mal, wie bei der Steuerprüfung, zum Teil auch unangemeldet untersucht werden."

    Wirtschaftskreislauf-Experte Thomas Fischer, von der DUH setzt dagegen auf den "Blauen Engel" als Siegel für den gesicherten Einsatz von Rezyklat: "Und wenn man das Siegel dann beispielsweise sieht, was auch sehr bekannt aus anderen Bereichen ist, dann kann man sich daran orientieren. So wie es momentan läuft, kriegt der Verbraucher eigentlich keine brauchbaren Informationen und steht ein bisschen bedröppelt da."