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Warum Wohnen immer mehr Fläche raubt | BR24

© pa/dpa/Geisler-Fotopress

In Deutschland ist die Wohnfläche auf der durchschnittlich gelebt wird, in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen.

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Warum Wohnen immer mehr Fläche raubt

Obwohl die Bevölkerung in den vergangenen Jahren nur langsam gewachsen ist, steigt der Flächenverbrauch immer stärker an. Denn die Ansprüche ans Wohnen sind gestiegen, ebenso die Zahl der Single-Haushalte. Über Folgen und Maßnahmen wird gestritten.

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"Das eigene Haus ist der Mittelpunkt der Welt", sagte der amerikanische Architekt Charles Moore einst. Und tatsächlich träumen viele angesichts weltweiter Umwälzungen von einem geräumigen, heilen Rückzugsort. Idealerweise am grünen Stadtrand, wie der Bundesverband Boden bestätigt. Als Massenerscheinung erzeuge der Wunsch nach der "Residenz im Grünen" dichtgedrängte Reihenhausgebiete und Schlafstätten fernab der nur im morgendlichen Dauerstau erreichbaren Arbeitsplätze, heißt es auf der Website des Verbands.

Die Deutschen verfügen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes derzeit über mehr Wohnfläche als je zuvor – etwa 46,7 Quadratmeter pro Person. Trotz höherer Mieten und geringerer Geburtszahlen.

Mehr Single-Haushalte und höherer Wohnstandard

Eine Ursache ist neben den steigenden Ansprüchen an die Wohnqualität das Anwachsen der Single-Haushalte. Seit 1991 ist ihre Zahl laut dem Statistischen Bundesamt um 46 Prozent gestiegen. Im Jahr 2018 gab es in Deutschland 41,1 Millionen private Haushalte. Menschen, die allein lebten, hatten mit 42 Prozent den größten Anteil daran – das war etwa jeder fünfte. In drei Prozent der Haushalte lebten fünf oder mehr Personen.

Nachkriegsjahre: Nur 15 Quadratmeter pro Person

Vor wenigen Jahrzehnten war die Situation noch umgekehrt: Es gab wenig Platz für wenige Menschen. In den 1950ern standen den Menschen in der Bundesrepublik laut dem Eigenheimer Verband Bayern durchschnittlich circa 15 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Eine vierköpfige Familie musste mit etwa 50 Quadratmeter zu Recht kommen. In einer Wohnung lebten in Deutschland damals durchschnittlich 4,9 Personen, in der DDR waren es circa 3,6. In Ostdeutschland war die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg wegen dem massiven Aufbau an Plattensiedlungen jedoch weniger gravierend als im Westen.

Geringes Bevölkerungswachstum versus zunehmende Bebauung

Seitdem verlief der Flächenverbrauch wesentlich schneller als die Einwohnerentwicklung: Die Siedlungs- und Verkehrsfläche nahm im Freistaat nach Angaben des Bayerischen Ministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz, zwischen 1980 und 2017 um 51 Prozent zu. Die Einwohnerzahl wuchs jedoch nur um 19 Prozent. Am meisten Fläche wird derzeit mit 4,4 Quadratmeter pro Einwohner und Jahr in Sachsen verbraucht, Bayern befindet sich mit 3,3 Quadratmeter ebenfalls unter den Spitzenreitern. Am Tag sind das 11,7 Hektar, was einer Fläche von circa 17 Fußballfeldern entspricht (Stand 2017).

Mehr Single-Haushalte in Bayern

Denn auch die Bayern nehmen immer mehr Wohnraum in Anspruch: Jedem Bewohner des Freistaats standen 2017 etwa 47,8 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, das sind zehn Quadratmeter mehr als noch vor 30 Jahren. Und auch hier geht der Trend laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik zum Einpersonenhaushalt. Im Jahr 2017 waren es 42 Prozent, gemessen an der Gesamtzahl der bayerischen Privathaushalte. In den Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern lebte in mehr als jedem zweiten Haushalt (53 Prozent) nur eine Person, während der Anteil an Single-Haushalten in kleinen Gemeinden mit rund 33 Prozent wesentlich niedriger war. In den Einpersonenhaushalten leben vor allem Seniorinnen und Senioren ab 60 Jahren sowie jüngere Personen unter 35.

Risiken des hohen Flächenverbrauchs

Umweltschützer und Experten warnen seit langem vor den Folgen des hohen Flächenverbrauchs für die Ökosysteme. "Boden ist ein knappes Gut, das nicht vermehrbar ist", sagte etwa Beate Jessel, die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz Anfang Juli. Der Boden biete Lebensräume für Pflanzen und Tiere, in Deutschland werde zu viel Fläche bebaut.

Damit einhergehen neben dem Verlust an fruchtbarem Boden, die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes, Reduktion der Wasserversickerung und die Verschärfung von Hochwasser. Deutschland will bis 2030 den Verbrauch von Fläche auf unter 30 Hektar am Tag zu senken, momentan liegt er bei rund 60 Hektar. Ursprünglich wollte man bereits 2020 bei 30 Hektar ankommen.

Mögliche Maßnahmen

Wegen des anhaltenden Flächenverbrauchs wird nach wirksamen Lösungen für den Schutz des Bodens gesucht. Dazu könnte zum Beispiel die Förderung von flächensparenden Baumethoden, wie der Ausbau von Dachgeschossen oder die Aufstockung von Gebäuden gehören. Bayerns Bauminister Hans Reichhart (CSU) hat dazu bereits Mitte Juli entsprechende Maßnahmen angekündigt. So soll im Freistaat zukünftig engeres Bauen erlaubt sein und der Dachgeschossausbau soll ohne Genehmigungen möglich werden.

Grüne Opposition fordert Obergrenze für Flächenverbrauch

Die Opposition im bayerischen Landtag erhöhte zuletzt beim Thema Flächenverbrauch ebenfalls den Druck auf die Koalition aus CSU und Freien Wählern. Die Grünen hatten im Juli einen Gesetzesentwurf vorgelegt, in dem sie eine verbindliche Obergrenze von fünf Hektar für den täglichen Flächenverbrauch bis 2026 fordern.

Die Landesregierung lehnt dagegen eine gesetzliche Obergrenze für neue Siedlungs- oder Verkehrsflächen ab. Stattdessen soll der Flächenverbrauch in Bayern innerhalb von zehn Jahren halbiert werden. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sagte, dass es Entwicklungen gebe, die nicht vorhersehbar seien, dazu gehörten zum Beispiel ein möglicher Bevölkerungsanstieg oder eine veränderte wirtschaftliche Lage. In solchen Fällen könne eine Obergrenze für den Flächenverbrauch Problem bereiten.

Ein neues Volksbegehren?

Der Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen im bayerischen Landtag, Ludwig Hartmann hat bereits mit einem neuen Volksbegehren gedroht. Sollten die Zahlen für den Flächenverbrauch weiter nach oben gehen und sich seitens der Regierung konkret nichts tun, werde man im Herbst gemeinsam mit den Bündnispartner beraten, ob man ein neues Volksbegehren starte. Mit ihrem Volksbegehren "Betonflut eindämmen“ sind die Grünen vergangenes Jahr vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof gescheitert.

© BR

Fürs Wohnen, Arbeiten und den Weg hin und her wird immer mehr Fläche verbraucht. Ein Blick auf einen der Gründe: die Wohnverhältnisse in Deutschland.