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Warum so viele Tiere durch Plastikmüll im Meer sterben | BR24

© Uncredited/SEAME/Sardinia Onlus/dpa/dpa-Bildfunk

Anfang April ist ein Pottwal vor Sardinien entdeckt worden - mit 22 Kilogramm Plastik im Magen.

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Warum so viele Tiere durch Plastikmüll im Meer sterben

Zwanzig Kilogramm in einem Pottwal und sogar vierzig in einem Schnabelwal: Das sind nur zwei der Tiere, die in jüngster Zeit Plastikmüll zum Opfer gefallen sind. Viele Lebewesen verenden daran unbemerkt - und es werden wohl noch mehr werden.

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Vor der Küste Sardiniens wurde Anfang April ein toter Pottwal angeschwemmt, der mehr als zwanzig Kilogramm Plastik im Magen hatte. Ein schwangeres Weibchen, der zwei Meter große Fötus in seinem Bauch war bereits verwest. Mitte März strandete ein junger Cuvier-Schnabelwal auf den Philippinen - er hatte sogar vierzig Kilogramm Plastikmüll verschlungen. Ende 2018 wurden knapp sechs Kilogramm Plastik, darunter 115 Becher, 25 Tüten und mehr als 1.000 weitere Plastikteile, in einem in Indonesien angespültem Pottwal entdeckt. 2017 stießen norwegische Forscher auf rund dreißig Plastiktüten im Bauch eines Cuvier-Schnabelwals.

Künftig werden noch mehr Tiere am Plastik im Meer sterben

Das war nur eine beispielhafte Auswahl von Meldungen über gestrandete Meeressäuger mit massenhaft Kunststoff im Magen. Solche Nachrichten gab es in letzter Zeit häufiger. Was variiert, sind die Tierart, der Ort und die Plastikmenge. Was sie alle gemeinsam haben: Tüten, Säcke, Teller, Becher, Flaschen, Feuerzeuge, Zahnbürsten, Einmalrasierer, Schuhe, Schläuche, Schnüre, Kabel sowie undefinierbare Teile aus Plastik waren in den Tieren gelandet. Die meisten Lebewesen wurden entweder tot gefunden oder mussten getötet werden, um ihnen weiteres Leid zu ersparen. In Zukunft werden es nicht weniger werden - weil immer mehr Plastik produziert wird und davon auszugehen ist, dass es auch weiterhin in die Meere gelangt.

"Trotz aller politischen Anstrengungen und Verordnungen wird sich weltweit die Menge an Plastikmüll bis 2030 um bis zu 80 Prozent erhöhen." Analyse der Unternehmensberatung McKinsey

Hohe Dunkelziffer an Plastik-Opfern im Meer

Bei wie vielen Tieren Plastik hinter der Todesursache steckt, weiß niemand. Nicht alle toten Tiere werden überhaupt entdeckt, nicht alle entdeckten werden untersucht und bei den untersuchten lässt sich auch nicht immer zweifelsfrei feststellen, ob sie tatsächlich am Plastik verendet sind. Der WWF spricht vage von Zehntausenden Tieren jährlich.

"Die Dunkelziffer ist vermutlich groß, weil viele Tiere auf dem offenen Meer verenden und uns somit nicht zur Untersuchung zur Verfügung stehen." Bianca Unger, Biologin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover

Verschlucktes Plastik lässt Wale bei vollem Bauch verhungern

Experten wie Bianca Unger vermuten, dass ein Wal, der kiloweise Plastik in sich trägt, tatsächlich auch daran gestorben ist. Verhungert. "Da ist das Problem, dass die Tiere ein Sättigungsgefühl haben, weil ihr Magen voll ist, der Müll sie aber nicht mit den nötigen Nährstoffen versorgt", erklärt Unger.

Michael Dähne, Kurator für Meeressäugetiere am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, vermutet, dass gerade die tieftauchenden Wale wie Pottwale Plastikteile über ihre Echo-Ortung irrtümlich für Beute halten. "Die Reflexion ähnelt ihrer Hauptnahrung: Tintenfischen."

Bis zu 99 Prozent des Plastikmülls befinden sich nach Einschätzung des United Nations Environment Programme (UNEP) schwebend in der Wassersäule oder am Meeresboden - aber nicht an der Wasseroberfläche. Bei dem Pottwal, der im April vor Sardinien verendet ist, waren zwei Drittel des Magens mit Plastik gefüllt, berichtet der WWF. Die Tiere können davon auch eine tödliche Verstopfung erleiden oder ersticken. In ihren Mägen sind zudem oft Verletzungen durch scharfkantige Plastikteile oder Schnüre erkennbar. Der WWF weist darauf hin, dass im Plastik auch Giftstoffe wie Weichmacher oder Flammschutzmittel enthalten sein können, die den Meeresbewohnern schaden.

"Plastik ist einer der schlimmsten Feinde der Arten im Meer." Pressemitteilung WWF Italien
© Christoph Noever/Universität Bergen/dpa/picture-alliance

Die Universität Bergen hat den 2017 gestrandeten Schnabelwal obduziert. In seinem Magen: rund 30 Plastiktüten.

Plastikmüll im Meer gefährdet nicht nur Wale

Der Plastikmüll im Ozean setzt jedoch nicht nur den Walen zu. Der WWF schätzt, dass mehr als 800 Tierarten, die im Meer oder in Küstenbereichen leben, davon beeinträchtigt werden. Meeresschildkröten verwechseln Kunststofftüten mit Quallen, von denen sie sich ernähren. Viele Tiere, zum Beispiel Robben und Seehunde, verheddern und strangulieren sich in den sogenannten Geisternetzen - Fischernetzen aus Plastik, die entsorgt wurden oder verloren gegangen sind. Selbst Vögel, Albatrosse und Eissturmvögel etwa, bleiben nicht verschont. Fast alle an deutschen Nordseestränden tot aufgefundenen Eissturmvögel haben laut Umweltbundesamt Kunststoffe im Magen.

"An der Nordsee finden wir 390 Müllteile pro hundert Meter, an der Ostsee 70 – und der Großteil davon ist aus Plastik." Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes
"Was wir hier an unseren Stränden haben, sind so dramatische Mengen, dass wir gar nicht weit wegschauen müssen." Nadja Ziebarth, Leiterin BUND-Meeresschutzbüro

Mikroplastik: Vom kleinen Plastik geht eine große Gefahr aus

Bedenklich ist auch das Mikroplastik im Meer. Damit werden Kunststoffteilchen bezeichnet, die kleiner sind als fünf Millimeter. Mit bloßem Auge sind sie oft nicht zu sehen. Mikroplastik kann zum Beispiel von größeren Plastikteilen stammen, die zerfallen oder zerschmurgelt werden, von Kosmetikprodukten oder Autoreifen. Studien zufolge soll das meiste Mikroplastik im Meer tatsächlich vom Reifenabrieb stammen. Kleinstorganismen nehmen das Plastik auf, über die Nahrungskette wird es an immer größere Arten durchgereicht. Bis hin zum Menschen: Im Oktober 2018 wurden die winzigen Partikel erstmals im menschlichen Darm nachgewiesen.

"Bei der Vermüllung der Meere reden wir nicht nur von großen Plastikobjekten, sondern auch von Mikroplastik." Bianca Unger, Biologin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover

💡 Was ist Mikroplastik?

Als Mikroplastik werden kleinste Plastikpartikel und -fasern – feste und unlösliche Kunststoffe – bezeichnet, die in Länge, Breite und Durchmesser zwischen wenigen Mikrometern bis unter fünf Millimeter liegen. Es wird unterteilt in primäres Mikroplastik wie sogenannte Basispellets, das Grundmaterial für die Plastikproduktion und Kunststoffe in der Kosmetik sowie in sekundäres Mikroplastik, das beim Zerfallen größerer Plastikteile entsteht. (Erklärt von Anja Bühling, BR24-Wissen)

Bis zu 13 Millionen Tonnen Plastik landen im Meer - pro Jahr

Pro Jahr werden auf der Welt rund 300 Millionen Tonnen Plastik produziert. Verschiedenste Schätzungen gehen weltweit von rund fünf bis 13 Millionen Tonnen Plastikmüll aus, die jährlich in den Meeren landen. Laut WWF bestehen drei Viertel des Mülls im Meer aus Plastik. In jedem Quadratkilometer würden hunderttausende Teile Plastikmüll schwimmen.

Die größten Plastiksünder: Philippinen, Indonesien, China

Studien gehen davon aus, dass das meiste Plastik von Ländern in Südostasien aus ins Meer gelangt. Hier würde zwar Einweg-Plastik in rauen Mengen verbraucht, der Müll aber kaum recycelt. Umweltschützer merken an, dass beispielsweise auf den Philippinen seit Jahren Plastikmüll illegal im Meer entsorgt werde. Zwar gebe es strikte Abfallgesetze - eingehalten würden sie jedoch nicht. Laut einem vor wenigen Wochen veröffentlichten Bericht des Globalen Bündnisses für eine Alternative der Müllverbrennung (Gaia) werden allein auf den Philippinen jährlich 60 Milliarden Einzelverpackungen benutzt. Neben den Philippinen und Indonesien gilt China als einer der größten Verursacher der Plastikverschmutzung in den Ozeanen.

Nach China ist Europa der größte Plastikproduzent der Welt

Forscher wie Umweltschützer sind sich einig, dass Plastikmüll generell vermieden werden sollte. Doch das klappt selbst bei uns noch nicht wirklich: Laut WWF ist Europa nach China der größte Plastikproduzent der Welt. "Wir sind in Europa das Spitzenland beim Verpackungsverbrauch pro Kopf", sagt Bernhard Bauske, Meeresexperte bei der Umweltschutzorganisation WWF. Einem Bericht der EU-Kommission vom März 2019 zufolge fallen in Europa jährlich 26 Millionen Tonnen Plastikmüll an. Und mit 37,4 Kilo Müll pro Einwohner produziert Deutschland davon deutlich mehr als der EU-Durchschnitt (31,1 Kilo pro Einwohner).

Verkaufsverbot für klassische Wegwerfprodukte aus Plastik

Seit 2016 gibt es in Deutschland eine Selbstverpflichtung vieler Unternehmen, Plastiktüten nicht mehr kostenlos auszugeben. Im März 2019 hat das EU-Parlament ein Verkaufsverbot für Wegwerfprodukte wie Wattestäbchen, Einweggeschirr und Trinkhalme auf den Weg gebracht. Ab 2021 soll es gelten. Biologe Michael Dähne vom Deutschen Meeresmuseum Stralsund hat noch einen anderen Vorschlag: "Warum verbietet die EU nicht alle Plastiktüten?" Die EU könnte eine Vorreiter- und Vorbildfunktion einnehmen - und auch bei uns würde weniger Plastikmüll in der Umwelt - in Wäldern, Feldern und Flüssen und dadurch letztlich auch im Meer - landen.

"Alle Flüsse führen ins Meer und letztendlich kann jedes Stück Plastik, das in die Umwelt gelangt, dann eben auch im Meer landen." Dorothea Seeger, BUND-Meeresschutzbüro

Es dauert Jahrhunderte, bis sich Plastik zersetzt

Kunststoffe sind leider langlebig. Auch noch längst nach ihrem Gebrauch, als Müll in den Weltmeeren. Bis zur völligen Zersetzung von Plastik können rund 400 Jahre vergehen. Bis dahin zerfällt es lediglich in immer kleinere Teile.

"Jetzt geht es darum, sein eigenes Verhalten zu ändern." Michael Dähne, Kurator für Meeressäugetiere, Deutsches Meeresmuseum in Stralsund

Tipps zum Vermeiden von Plastikmüll

  • Meiden Sie Produkte aus Plastik generell. Nutzen Sie die, die Sie besitzen, so oft es geht. Verzichten sie auf Plastikverpackungen, billige Wegwerfartikel und Einwegprodukte aus Plastik. #fragBR24 erklärt, welche Alternative die beste zur Plastiktüte ist.
  • Sparen Sie auch im Urlaub Plastik. Hinterlassen Sie in Ländern, die ihren Müll wahrscheinlich nicht recyceln, so wenig Plastik wie möglich.
  • Egal, ob im Wald, am Fluss, See oder Meer: Müll bitte wieder mitnehmen.
  • Bioplastik ist leider auch (noch) keine Alternative.
  • Setzen Sie auf Mehrwegverpackungen.
  • Lassen Sie die kostenlosen Tüten für Obst und Gemüse im Supermarkt. Sie schälen und waschen es doch sowieso.
  • Verzichten Sie auf To-Go-Kaffeebecher samt Plastikdeckel. Besorgen Sie sich einen eigenen Becher, den Sie immer wieder verwenden können. Der isoliert dann auch und läuft nicht aus.
  • Essen zum Mitnehmen? Auch hier können Sie mittlerweile in vielen Läden ein eigenes Behältnis mitbringen. Oft gibt's dann sogar Rabatt.
  • Hinterfragen Sie Produkte Ihres täglichen Bedarfs: Mittlerweile gibt es zum Beispiel Shampoos, Duschgele und Bodylotions in fester Form. Sie kommen ohne Verpackung aus.
  • Ersetzen Sie Kosmetikprodukte wie Peelings oder Zahnpasten, die Mikroplastik enthalten, durch natürliche Alternativen.
  • Erwerben Sie Nachfüllpackungen.
  • Kaufen Sie mal wieder auf dem Markt ein.
  • Testen Sie einen verpackungsfreien Laden.
  • Trennen Sie Ihren Müll, das erleichtert die Sortierung und das Recycling.
  • Wer ein neues Hobby oder eine Challenge sucht: Machen Sie mit bei einer Müll-Sammel-Aktion.
  • Für Lehrer & Schüler: Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde und das Ozeaneum Stralsund haben kostenlose Lehrmaterialien zum Thema „Plastik im Meer“ entwickelt.
© BR/radioWelt

Wie viel Plastik nach wie vor in den Meeren landet, zeigt ganz dramatisch der Fall eines Pottwals, der gerade vor Sardinien angespült wurde: In seinem Magen hat man über 20 Kilogramm Plastikmüll gefunden.