Zurück zur Startseite
Wissen
Zurück zur Startseite
Wissen

Warum der Winter müde macht | BR24

© pa/dpa/Sebastian Gollnow

Warum der Winter müde macht

4
Per Mail sharen
Teilen

    Warum der Winter müde macht

    Der Winter ist für viele Menschen eine Durststrecke. Stichwort: Müdigkeit oder gar Winterdepression. Ein Grund: Wir bekommen in der dunklen Jahreszeit hierzulande zu wenig Tageslicht ab. Künstliches Licht ist dafür kein Ersatz. Aber es gibt Tipps.

    4
    Per Mail sharen
    Teilen

    Im Winter bekommt der menschliche Organismus in unseren Breiten zu wenig Tageslicht. Morgens fährt man im Dunkeln zur Arbeit, bleibt acht Stunden bei künstlicher Beleuchtung im Büro und abends geht's in der Dunkelheit wieder nach Hause. Die Folgen sind Schlappheit und schlechte Stimmung oder man kommt morgens nicht aus dem Bett. Der Grund: Künstliche Beleuchtung hat nicht die gleichen Effekte auf den Körper wie Tageslicht und ist - biologisch gesehen - wie Dunkelheit.

    Zu wenig Tageslicht: Da helfen auch keine Weihnachtskerzen

    In der Netzhaut unseres Auges, in der Haut und sogar in den Gefäßen sitzen nämlich lichtempfindliche Zellen, die unseren Aktivitätslevel ebenso steuern wie die Durchblutung und unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Je nach Lichtverhältnissen kommt in diesen Zellen unterschiedlich viel Licht an.

    "Wir sind in der Umwelt draußen an einem schönen Tag bei einem Pegel von 100.000 Lux, wenn man einen nebligen Tag hat, dann sind wir vielleicht noch bei 3.000 oder 4.000 Lux, in Innenräumen vorgeschrieben sind 300 bis 500 Lux." Prof. Dr. med. Herbert Plischke vom Lehrstuhl 'Licht und Gesundheit' an der Hochschule München

    Prof. Herbert Plischke von der Hochschule München plädiert deshalb dafür, künstliches Licht nicht nur nach Energiespar-Aspekten zu planen, sondern auch nach biologischer Wirksamkeit. Kurz gesagt heißt das: Das Licht muss heller und blauer sein.

    Mit blauem Licht gegen den "Winterblues"

    Natürliches Licht signalisiert dem Körper mit hoher Lichtintensität und einem hohen Blauanteil: Der Tag beginnt. Also werden die Stoffwechselprozesse angeregt, und das Aktivitätslevel steigt. Im Laufe des Tages nehmen Blauanteil und Intensität dann ab. Deshalb erscheint das Licht wärmer und signalisiert dem Körper: Komm langsam zur Ruhe! Wenn es abends dunkel wird, schüttet der Körper dann das Schlafhormon Melatonin aus.

    Künstliche Lichtquellen dagegen sind den ganzen Tag über gleich. Sie sollen mit möglichst wenig Energie einen möglichst hellen Eindruck erzeugen und bewegen sich deshalb im grün- und gelbwelligen Bereich. Rote und blaue Lichtanteile sind im Kunstlicht dagegen – im Vergleich zum Tageslicht – völlig unterrepräsentiert.

    Lerchen und Eulen: Die innere Uhr tickt individuell

    Je weniger Lichtreize von außen - sprich: je weniger Tageslicht -, desto mehr richtet sich der Körper nach seiner "inneren Uhr". Die geht bei vielen allerdings nicht exakt im 24-Stunden-Takt. Bei den typischen "Eulen" unter den Menschen ist der Turnus länger: nämlich 24,5 bis 25 Stunden oder sogar noch länger. Das heißt, die "Eulen" wollen dann jeden Tag zum Beispiel etwa eine Stunde später aufstehen.

    Diese individuelle Taktung der inneren Uhr könnte also – zumindest teilweise – erklären, warum manche Menschen empfindlicher für den sogenannten "Winterblues" sind als andere. Bei Völkern, die ihr Leben hauptsächlich unter freiem Himmel bzw. bei natürlichem Tageslicht verbringen, gibt es deshalb auch kaum "Eulen" und "Lerchen".

    Mit besserem Licht Schlafstörungen bekämpfen

    Besonders leiden alte und vor allem demente Menschen im Winter unter dem Mangel an Tageslicht. Denn Dementen geht das Zeitgefühl verloren und sie wandern nachts oftmals herum. Deshalb hat das Arbeiterwohlfahrt-Zentrum für Demenzkranke in Wolfratshausen in den Gemeinschaftsräumen "tageslichtäquivalentes Licht" installiert: Es verändert sich im Laufe des Tages wie natürliches Licht. Das Ergebnis: Auch wenn es vormittags eher kalt und hell wirkt, halten Patienten und Personal sich sehr gerne in dem Licht auf.

    "Die Menschen schlafen seither ruhiger und länger und sie stehen nachts weniger auf." Dieter Käufer, Arbeiterwohlfahrt-Zentrum für Demenzkranke in Wolfratshausen

    Das Licht steuert in der Einrichtung ganz behutsam den Tagesablauf der Bewohner. Motiviert dazu, aus dem Zimmer, in die Gemeinschaftsräume oder gleich ganz ins Freie zu gehen. Licht wird eingesetzt wie Medizin – nur ganz ohne Nebenwirkungen.

    Lichttherapie wirksamer als Medikamente

    Die einfachste Möglichkeit, im Alltag genug Licht zu bekommen, ist immer noch ein Spaziergang. Für die richtige "Lichtsättigung" braucht es aber gerade im Winter etwas Zeit:

    "Man geht davon aus, dass man ungefähr 1.000 Lux über mehrere Stunden am Vormittag braucht." Prof. Herbert Plischke

    Manchen hilft im Winter auch eine sogenannte "Lichtdusche": eine besonders helle Lampe, mit vielen Blauanteilen. Die stellt man am besten leicht versetzt vor sich, z.B. neben den Computer, da die blaulicht-empfindlichen Zellen vor allem am Rand des Gesichtsfelds sitzen. Am besten wendet man die Therapie übrigens in den Morgen- und Vormittagsstunden an.

    "Tatsächlich hat man herausgefunden, dass bei leichten saisonalen Verstimmungen eine Lichttherapie wesentlich effektiver ist als eine medikamentöse Therapie." Prof. Herbert Plischke

    Tipps für den Kauf von Lichtduschen

    Vorsicht: Bei bestimmten Augenerkrankungen – wie der altersbedingten Makula-Degeneration – ist eine Lichtdusche nicht zu empfehlen. Auch bestimmte Medikamente können das Auge lichtempfindlicher machen.

    Für die Lichttherapie eignen sich Lampen mit möglichst großer Fläche (ca. Format eines DIN A 4 Heftes). Je höher die erreichte Luxzahl, desto kürzer muss man davor sitzen. (Auf die Herstellerangaben achten: Bei manchen Produkten wird eine hohe Luxzahl erreicht - allerdings nur im Abstand von 10 cm zum Gerät.) Die Auszeichnung als "Medizinprodukt" garantiert die Einhaltung von Mindeststandards, damit die Lichtdusche dem Auge nicht schadet!

    Punktförmige Lichtquellen wie Taschenlampen eignen sich nicht für eine Lichttherapie - sie können sogar gefährlich fürs Auge sein! Auch LED-Lampen sind als Lichtduschen ungeeignet.

    Die "tageslichtäquivalente Beleuchtung" ist für Privatpersonen noch nicht – oder nur in kostspieligen Varianten – auf dem Markt. Es gibt aber Lösungen z.B. für Büros, Arztpraxen, Krankenhäuser und Altenheime.

    Abends helles oder blaues Licht vermeiden

    Ein weiterer wichtiger Tipp: Abends helles und besonders kaltes, bläuliches Licht vermeiden. Das kann die helle Spiegelleuchte im Badezimmer sein oder der Handybildschirm im Schlafzimmer. Der Grund: Es stört die Ausschüttung von Schlafhormon empfindlich. Im Netz kann man sich übrigens für den Computer Programme herunterladen, die die Farbe und Helligkeit des Bildschirmes nach der Tageszeit abstimmen.