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Waldorfschule: 100 Jahre Eurythmie und Gartenbau | BR24

© BR/Ulrich Trebbin

Am 7. September 1919 ist in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet worden. Weltweit sind es inzwischen mehr als 1.250. In Bayern gibt es derzeit 25 - Tendenz steigend. Die Pädagogik des Gründers Rudolf Steiner ist offenbar immer noch zeitgemäß.

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Waldorfschule: 100 Jahre Eurythmie und Gartenbau

Am 7. September 1919 ist in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet worden. Weltweit sind es inzwischen mehr als 1.250. In Bayern gibt es derzeit 25 - Tendenz steigend. Die Pädagogik des Gründers Rudolf Steiner ist offenbar immer noch zeitgemäß.

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Eine Gesamtschule ohne Noten oder Sitzenbleiben und einen spannenden Unterricht mit vielen handwerklichen, musischen und künstlerischen Elementen, das wollte der umstrittene Schulgründer Rudolf Steiner, als er zusammen mit dem Fabrikbesitzer Emil Molt vor 100 Jahren eine Schule ins Leben rief. Dorthin konnten die Arbeiter der Zigarettenfabrik Waldorf Astoria ihre Kinder schicken.

Kinder sind von sich aus neugierig

Die Schülerinnen und Schüler sollten ihren Lernstoff nicht vorgesetzt bekommen und dann auswendig lernen, sondern ihn selbst entdecken. Wie das funktioniert, hat die Dokumentarfilmerin Maria Knilli acht Jahre lang beobachtet. Dafür ist sie jeden Monat eine Woche lang nach Landsberg am Lech gefahren und hat sich mit der Kamera immer in dieselbe Schulklasse gesetzt. Daraus ist ihre vielbeachtete Dokumentarfilmreihe entstanden.

"Es war mit Händen zu greifen, dass das Kind, das in die Schule kommt, nichts anderes will als lernen. Das war mir vorher nicht klar. Das Kind sitzt da und saugt auf, was die Umgebung und der Erwachsene anbietet. Das ist Lernen pur. Wie ein Schwamm. Es geht nur darum, diese Begeisterung und Bereitschaft nicht zu stören. Da muss sich niemand einen Kopf machen: Wie kriege ich Kinder zum Lernen." Maria Knilli, Dokumentarfilmerin

Acht Jahre mit dem Klassenlehrer zusammen

Die Waldorfpädagogik hat die Dokumentarfilmerin überzeugt. Es geht ihr nicht darum, zu entscheiden, ob sie die bessere Schule sei, sondern sie als einen pädagogischen Versuch unter vielen zu betrachten. Über acht Jahre hinweg konnte sie beobachten, wie die Kinder "ihrer" Klasse gelernt und sich entwickelt haben. Eine große Wirkung hat es ihrer Meinung nach, dass die Klasse die ersten acht Jahre mit ihrem Lehrer zusammenbleibt, durch alle Höhen und Tiefen. So könne eine tiefe Bindung enstehen und eine Gemeinschaft, in der man sich kennt und schätzt - mit allen Stärken und Schwächen.

Das ist auch die Erfahrung von Thomas Bauer, der an der Waldorfschule in Prien am Chiemsee unterrichtet:

"Wenn man eine erste Klasse aufnimmt, dann ist das, wie wenn man seine Familie erweitert. Dann muss man sein Herz öffnen, um diese Gemeinschaft von Kindern da hereinzulassen, und stellt sich drauf ein, dass man über acht Jahre mit diesen Kindern zu tun hat, und bei jedem Kind die Qualitäten entdeckt und versucht, die Kinder in ihren Stärken zu unterstützen und auf einen guten Weg zu bringen." Thomas Bauer, Waldorflehrer in Prien am Chiemsee

Unterricht in "Epochen"

Der Klassenlehrer ist jeden Tag in den ersten beiden Stunden in der Klasse. In diesem sogenannten Hauptunterricht wird in "Epochen" gelernt, das heißt, die Kinder beschäftigen sich etwa sechs Wochen lang fächerübergreifend mit einem Thema: In der Griechenlandepoche hören sie zum Beispiel die Mythen der Antike, erfahren, wie Heinrich Schliemann Troja ausgegraben hat, malen die sonnendurchflutete Küstenlandschaft Griechenlands, deklamieren originale altgriechische Texte, üben sich in der olympischen Disziplin des Ringens oder bereiten gemeinsam ein Tsatsiki zu.

Das Wichtige: Ihr Lehrer arbeitet sich in alle Stoffe selbst ein, von Geschichte und Geografie über Singen und Deutsch bis zu Mathematik oder Chemie. In diesen ersten Jahrgangsstufen kein Fachlehrer zu sein, ist eher förderlich, sagt der studierte Mathematiker und Waldorflehrer Thomas Bauer. Denn im Matheunterricht führe sein Expertentum regelmäßig dazu, dass er die Schüler der Mittelstufe überfordert, weil ihm zu vieles selbstverständlich ist.

"Aber im Geschichtsunterricht, den ich mir selber im ersten Durchgang hart erarbeiten musste, waren die Kinder Feuer und Flamme. Weil sie eben nicht nur Inhaltliches erleben, sondern weil sie das Bemühen des Lehrers erleben, der selbst um eine Sache ringt." Thomas Bauer

Studie: Weniger Schulangst und mehr Freude am Lernen

Eine Studie der Universität Düsseldorf aus dem Jahr 2011 stellt der Waldorfschule ein gutes Zeugnis aus. Im Vergleich zu ihren Altersgenossen an den öffentlichen Schulen lernen die Waldorfschüler mit mehr Freude und Interesse, haben weniger Angst vor der Schule und weniger schulbedingte Schlafstörungen, dafür mehr Selbstbewusstsein.

Waldorfschüler schaffen staatliche Schulabschlüsse

Der Erfolg der Waldorfpädagogik spiegelt sich in den erreichten staatlichen Abschlüssen wider. Im Jahr 2017 schafften knapp 50 Prozent der deutschen Waldorfschüler das Abitur (an öffentlichen Schulen knapp 35 Prozent). Weitere 34 Prozent machten die Mittlere Reife (öffentliche Schulen: 43 Prozent) und gut fünf Prozent den Qualifizierenden Hauptschulabschluss (öffentliche Schulen: 16 Prozent). Die Zahl der Schüler, die 2017 gar keinen Abschluss schaffte, lag an öffentlichen und Waldorfschulen gleichermaßen bei sechs Prozent.

Waldorfschulen in Bayern nur staatlich genehmigt

In Bayern sind die Waldorfschulen indes nicht "staatlich anerkannt", sondern nur "staatlich genehmigt". Das bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler ihren Abschluss an einer staatlichen Schule ablegen müssen und damit nach den Maßstäben einer ihnen fremden Pädagogik beurteilt werden. Vor allem das Abitur zu schaffen ist für die meisten Waldorfschüler deshalb eine große Paukerei.

Die Schauspielerin, Dozentin und Moderatorin Sofie Gross ist froh, dass sie auf der Waldorfschule war. In der Rückschau findet die 30-Jährige vor allem, dass sie in ihrer Schulzeit gelernt hat, Dinge anzupacken und Verantwortung zu übernehmen.

"Mein Freund ist nicht auf eine Waldorfschule gegangen, und wenn ich mit meinen Waldorffreunden unterwegs bin, sagt er immer: Er findet erstaunlich, wie wach und interessiert wir sind, auch an dem, was alle anderen machen, und wie die Gesellschaft funktioniert." Sofie Gross, ehemalige Waldorfschülerin

Kritik am Gründer und am esoterischem Ansatz

Trotz der Erfolge sind Waldorfschulen umstritten, vor allem wegen des esoterischen Ansatzes der Pädagogik, die auf Steiners Antroposophie-Lehre beruht. Anthroposophen glauben an eine geistige, übersinnliche Dimension und an Reinkarnation. Einblick in das Übersinnliche erlangen Eingeweihte demnach durch hellseherische Fähigkeiten. Kritik an Steiner gibt es auch wegen seiner Äußerungen zur Rassenfrage und zum Judentum.

Laut der genannten Studie der Universität Düsseldorf von 2011 werden Waldorfschüler jedoch nicht zur Anthroposophie erzogen, da ihre weltanschaulichen Inhalte im Unterricht kaum auftauchen. Knapp zwei Drittel der befragten Waldorfschüler gab zwar an, die Ideen zu kennen, die hinter der Waldorfpädagogik stehen, aber auf konkretere Nachfrage konnten die meisten nicht viel mehr als den Namen von Rudolf Steiner nennen. 13 Prozent der befragten Schüler waren in der anthroposophischen Christengemeinschaft konfirmiert.

© BR

Am 7. September 1919 startete die Waldorfpädagogik mit ihrer ersten Waldorfschule in Stuttgart. Heute gibt es in Deutschland über 245 Rudolf-Steiner- oder Waldorfschulen.