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Hormonspiralen zur Verhütung sind niedriger dosiert als die Pille und auf die Dauer gerechnet preisgünstiger. Umstritten sind sie wegen ihrer Nebenwirkungen wie Depressionen.

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Hormonspirale: Mehr Aufklärung über Nebenwirkungen gefordert

Hormonspiralen sind niedriger dosiert als die Pille und auf die Dauer gerechnet preisgünstiger. Umstritten sind sie wegen ihrer Nebenwirkungen wie Depressionen. Ein Psychiater-Team aus Ulm fordert mehr Aufklärung durch Frauenärztinnen und -ärzte.

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Von
  • Julia Smilga
  • Carola Brand

Professor Carlos Schönfeldt-Lecuona ist Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III am Universitätsklinikum Ulm. In den letzten zwei Jahren behandelte er zehn an starken Depressionen erkrankte Frauen. Ihm fiel auf: Sie alle verhüteten mit der Hormonspirale Mirena.

Beipackzettel: Depressionen als häufige Nebenwirkung

Keine seiner Patientinnen wusste, dass Depressionen zu den häufigen Nebenwirkungen der Hormonspirale gehören, erzählt der Psychiater. Dabei sind im Beipackzettel der Hormonspiralen depressive Verstimmungen und Depressionen unter häufigen Nebenwirkungen aufgelistet.

Auch die Frauenärztinnen und -ärzte seiner Patientinnen glaubten oft nicht an einen Zusammenhang, berichtet der Psychiater. "Gehen Sie zu ihrem Gynäkologen, sagen Sie, dass sie schwerst depressiv sind und, dass sie sogar Suizidgedanken haben", riet Schönfeldt–Lecuona den betroffenen Frauen. Doch die Gynäkologen hätten den Patientinnen meist erklärt, dass ihre Beschwerden nicht von der Hormonspirale kämen und es keinen Grund gebe, diese zu entfernen.

Studie aus Dänemark weist auf Risiken hin

Dabei gibt es eine Reihe von Studien, die einen klaren Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und der Entwicklung von Depressionen herstellen. Eine der Studien stammt aus Dänemark. Frauenärzte und Psychiater vom Rigshospitalet, einem der größten Krankenhäuser Dänemarks, haben Daten von knapp 1,1 Millionen dänischen Frauen im Alter zwischen 15 und 34 ausgewertet.

In ihrer Studie fanden sie heraus: wenn Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 begannen, mit der Hormonspirale zu verhüten, hatten sie ein dreifach erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken im Vergleich zu Frauen ohne hormonelle Verhütung.

Umfangreiche Aufklärungspflichten für Ärzte

Frauenärzte sind laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte verpflichtet, ihre Patientinnen vor dem Einsetzen einer Hormonspirale über mögliche Nebenwirkungen aufzuklären.

Zudem müssen Gynäkologen ihren Patientinnen den Beipackzettel aushändigen und die Frauen eine Einverständniserklärung unterschreiben lassen. Eigentlich müssten die Frauen also umfassend informiert sein über Vor- und Nachteile dieser Verhütungsmethode.

2016 hat die Verbraucherzentrale Hamburg mit Hilfe von Testpersonen die Qualität der Verhütungsberatung in 28 Frauenarztpraxen untersucht. Fazit: Drei Viertel der Frauenärzte schnitten mit den Noten vier (ausreichend) und fünf (mangelhaft) ab. In einer Facebookgruppe zum Thema Hormonspirale gaben nur 20 Prozent der Frauen an, einen Beipackzettel überhaupt gesehen zu haben.

Dagegen betont der Berufsverband der Frauenärzte auf Anfragen des BR stets, dass die Ärzte ihre Patientinnen gut aufklärten. Außerdem wird darauf verwiesen, dass die Patientinnen die Hormonspirale selbst erwerben und damit den Beipackzettel immer zur Hand hätten.

Werbung mit lokaler Wirkung der Hormonspirale

"Also der Beipackzettel ist mir nicht ausgehändigt worden", sagt Jasmin aus Würzburg, sie habe die Hormonspirale in der Praxis bekommen. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes wurde ihr von der Ärztin diese Verhütungsmethode empfohlen. Auf Jasmins Frage nach Nebenwirkungen habe die Gynäkologin erklärt, es gebe eigentlich keine, weil die Hormonspirale so niedrig dosiert sei und nur lokal wirke.

Tatsächlich wirbt der Hersteller damit, dass das Hormon der Spirale "lokal" in der Gebärmutter wirkt. Mit "lokal" meint Bayer aber lediglich den Verhütungsort der Spirale in der Gebärmutter. Auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks räumt der Pharmakonzern ein, dass das Hormon Levonorgestrel nicht ausschließlich in der Gebärmutter bleibt.

"LNG-IUS (Hormonspiralen, Anm. d. Red.) geben geringe Mengen des Gestagens Levonorgestrel in die Gebärmutterhöhle ab, die von dort in noch geringeren Konzentrationen auch in den Blutkreislauf gelangen können." Stellungnahme Bayer AG

Junge Mutter erzählt von psychischen Veränderungen

Jasmin aus Würzburg schildert, wie sie sich psychisch veränderte, reizbar und labil wurde - und sie führt das auf die Hormonspirale zurück.

"Ich war dann auch wirklich so, dass ich dann auch immer gleich geweint habe und so richtig empfindlich wurde." Jasmin

Ihre Frauenärztin sah jedoch keinen Zusammenhang zwischen Jasmins Beschwerden und der "Mirena", erzählt die junge Frau. Sie habe schließlich die Praxis gewechselt, um sich die Hormonspirale entfernen zu lassen. Seitdem gehe es ihr deutlich besser.

Das Internet ist voller Erfahrungsberichte, die der Geschichte von Jasmin ähneln. Wie reagieren Gynäkologen – ist ihnen das Risiko für psychische Nebenwirkungen von Hormonspiralen eigentlich bewusst?

Frauenärzte-Berufsverband spricht von "extrem seltenen Ereignis"

Auf unsere Anfrage hin antwortet der Berufsverband der Frauenärzte, es sei in jeder Praxis bekannt, dass es unter dem Einfluss von Sexualhormonen zu depressiven Verstimmungen bis hin zur Depression kommen könne. Aber: "Solche Ereignisse unter der Hormonspirale sind extrem selten und damit nicht in jeder Praxis zu sehen", schreibt die Ärzteorganisation.

Diesen Eindruck kann der Ulmer Psychiatrieprofessor Carlos Schönfeldt–Lecuona nicht bestätigen. Zehn Patientinnen in zwei Jahren in seiner klinischen Praxis sind für den Psychiater zwar noch keine repräsentative Fallzahl, jedoch zumindest auffällig.

Psychiater fordern mehr Aufklärung

Zusammen mit seinen Klinikkollegen publizierte er vor kurzem im Ärzteblatt einen Artikel mit dem Titel "Depressionen unter der Hormonspirale". Darin fassen die Ulmer Psychiater ihre eigenen Erfahrungen zusammen, verweisen auf weitere wissenschaftliche Abhandlungen und rufen zu mehr Aufklärung auf. Der Artikel stieß auf große Resonanz:

"Ich habe sehr viele Rückmeldungen erhalten, auch von vielen Frauen, die sogar in der Medizin tätig sind, die tatsächlich mir gebeichtet haben, dass sie auch Betroffene waren.“ Professor Carlos Schönfeldt-Lecuona

Professor Carlos Schönfeldt-Lecuona plant weitere wissenschaftliche Untersuchungen. Sein Team möchte herausfinden, was etwa die Hausärzte und Frauenärzte über die psychischen Nebenwirkungen der Hormonspiralen wissen.

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