Historische Aufnahme eines Fußballspiels um 1920
Bildrechte: picture alliance / imageBROKER | Rosseforp

Der Fußball als Massensport etablierte sich erst um 1920 in Deutschland. Frühere Ballspiele waren deutlich brutaler als das Fußballspiel heute.

Per Mail sharen
Artikel mit Audio-InhaltenAudiobeitrag

Ur-Geschichte des Fußballs: Ein Blick auf frühere Ballspiele

Im Fußball wird gefoult, gekämpft, manchmal auch gebissen. Im Vergleich zu Ballspielen früher ist das aber eher harmlos. Menschenopfer gehörten dort untrennbar zum Ballsport. Ein Sporthistoriker über Rituale, Regeln und den Sinn früherer Ballspiele.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Abend am .

Stellen Sie sich vor: Eine hitzige Partie geht zu Ende und nach dem Abpfiff wird dem Kapitän das Herz herausgeschnitten. Was für uns heute unvorstellbar klingt, war bei früheren Ballspielen durchaus üblich und oft fester Bestandteil der Spielregeln.

Auch ging es damals nicht ums Gewinnen. Ballspiele hatten früher, also zum Teil schon weit vor Christus, eine viel tiefgreifendere Bedeutung. Andreas Luh, Sporthistoriker an der Ruhr-Universität Bochum, über die Regeln und Rituale früherer Ballspiele, warum von damals keine Gewinner oder Verlierer überliefert sind und wie der Fußball zur Massensportart wurde.

Die Geschichte der Ballsportarten: Kein Spiel über 90 Minuten bei den Mayas

Ballsportarten gebe es, solange es Menschen gibt, sagt Luh, der in Bochum zu Sportgeschichte und Sportsoziologie forscht. "Ein rundes Ding, vielleicht mit Federn geziert, sodass es besser fliegt, durch die Gegend zu werfen, mit dem Fuß zu betätigen, das gab es in fast allen Kulturen".

Am besten erforscht sind die Rituale und Regeln der Ballspiele von den Mayas, einer Steinzeit-Hochkultur aus Mittelamerika, die längst untergegangen ist. Ihre Blütezeit hatten sie von 250 bis 900 n. Chr.. Ihre Ballspiele dauerten allerdings keine 90 Minuten. Stundenlang standen die Mayas wohl auf dem Platz, auf dem sie gespielt "und sich selber in einen Zustand der Reinheit gebracht" hätten, erzählt der Sporthistoriker. "Und dann haben sie vielleicht eine halbe Stunde lang gespielt. Und nachher haben sie mit Weihrauch und verschiedenen Salbungen den Ballspielplatz wieder in einen heiligen Ort verwandelt", so Luh.

Auch anderswo spielten Menschen schon vor Jahrtausenden mit Bällen. Das waren aber eher Geschicklichkeitsspiele oder Duelle mit Schlägern, einem Vorgänger zum heutigen Tennis, keine mannschafts- oder wettbewerbsorientierten Ballspiele.

Ballspiele – wie sie früher abliefen

In Mittelamerika betrieben die Menschen hingegen schon um 2000 v. Chr. Mannschaftssport mit einem Ball. Der war allerdings ganz anders als der heutige Fußball. Laut Andreas Luh ein "Vollgummiball", hergestellt aus Kautschuk. Mehrere Kilos schwer, sprang er blitzschnell und unberechenbar übers Spielfeld. Gespielt wurde der Ball nicht mit der Hand oder dem Fuß, sondern mit Hüfte, Po oder Schulter – je nach Kultur und Stadt waren die Regeln unterschiedlich. Immer aber war das Spiel hochakrobatisch, rasant und gefährlich – bei dem nicht nur Verletzungen drohten. Oft wurde der Mannschaftskapitän geopfert – von diesem brutalen Ritual zeugen laut Luh zahlreiche Reliefs beziehungsweise Fresken.

Die Bedeutung der früheren Ballspiele

Wer geopfert wurde – ob Gewinner oder Verlierer des Spiels – ist bis heute nicht klar. Damals ging es speziell bei den Mayas, deren Ballspiel am besten erforscht ist, eben nicht ums Gewinnen. Es ging um viel mehr. Das Spiel hatte für sie eine starke religiöse Bedeutung.

Das blutende Herz stand für den Sitz der Seele und des Verstandes und konnte "einen missgestimmten Gott am meisten gnädig stimmen", erklärt der Sportwissenschaftler. Wer bereit war, sein Blut zu opfern, so der Glaube der Mayas, der hatte auch etwas für die Gemeinschaft getan, nämlich sie vor vorzeitiger Vernichtung gerettet. Mit ihrem Ball spielten sie quasi ihren Schöpfungsmythos nach. Der Ball stand für die Sonne, der immer in Bewegung bleiben musste. Das Ziel des Spiels war es, dass der Ball durch einen der vertikal an den Seitenwänden des Spielfeldes angebrachten Ringe ging. Wenn das geschah, so Experte Luh, bedeutete das, dass der Mond die Sonne befruchtet hatte "und das Spiel wurde sofort beendet."

Wie Fußball zur Massensportart wurde

Und heute? Die beliebteste Ballsportart bei uns ist zweifellos Fußball. Wer dort gewinnt oder verliert, ist zumindest für den Fußballfan – anders als bei den Mayas – sehr wichtig. Doch was machte König Fußball, der so viele fasziniert und der uns ab Freitag wieder in seinen Bann ziehen wird, zur Massensportart?

Das Fußballspiel kommt ursprünglich aus England, so viel ist klar. Dort war Fußball aber laut Andreas Luh erst "eher Elitensport". Zur Massensportart wurde Fußball ab den 1890er-Jahren in den sich immer mehr ausbreitenden Industriestädten.

"Fußball ist erstmal in Städten entstanden. In Homburg, in Düsseldorf, in Berlin. In Städten, wo es erstmal nicht von der Arbeiterschaft gespielt worden ist", erklärt der Sporthistoriker. Der Grund: Fußbälle und Fußballschuhe waren damals sehr teuer. "Es war eine Mittelschicht-Sportart bis in die 1920er, 1930er-Jahre hinein, wo es eben im Ruhrgebiet zu einer Arbeiter-Sportart geworden ist", sagt der Sportwissenschaftler über die Geschichte des Fußballs.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!