Bildrechte: BR/Christian Riedl

Helmut Raster bespricht mit Nicola Hellmuth von der Aktion Knochenmarkspende seine nächste Tour.

  • Artikel mit Audio-Inhalten
> Wissen >

Unterwegs für das Leben: Helmut Raster transportiert Stammzellen

Unterwegs für das Leben: Helmut Raster transportiert Stammzellen

Seine Verantwortung ist riesig: Helmut Raster transportiert Stammzellen quer durch die Welt. So hilft der 65-Jährige aus dem Landkreis Regen, Leben zu retten. Egal wie weit die Reise geht – in spätestens 48 Stunden muss der Kurier am Ziel sein.

Ein Kurierdienst in München: "Daily Hero Lounge" steht über dem Eingang im schmucklosen Zweckbau. Ein Heldenbereich. Hier erfährt Helmut Raster, wo seine Reise beginnt und wo sein Ziel ist. Der 65-Jährige aus Hartmannsgrub im Kreis Regen bekommt einen Ordner mit jeder Menge Formularen überreicht. Spendernummern, Empfängernummern, Zoll- und Einreiseformulare, gebuchte Tickets und Hotelreservierungen.

Der auf eilige medizinische Transporte spezialisierte Kurierdienst hat so gut wie alles vorbereitet. Akribisch gehen Transportkoordinator Nils de Boer und Helmut Raster die Daten durch, sprechen SMS-Codes ab, über die der Kurier seinen Standort teilt. Außerdem bekommt Helmut Raster eine Kühltasche übergeben: "Medizinischer Transport – Unverzügliche Zustellung" steht auf dem roten Schild außen. Ein Thermometer zeigt die Temperatur innen, spezielle Kühlakkus werden das Stammzellentransplantat kühl halten.

Lebensrettender Transport quer durch die Welt

"Denk dran, was Du machst. Wir danken Dir und der Patient noch umso mehr, auch wenn er Dich nie kennenlernen wird", mahnt Nils de Boer. Und Walter Raster nickt. Oft ist der Niederbayer tagelang quer durch die Welt unterwegs. Trotzdem bekommt er nur eine kleine Aufwandsentschädigung. "Geld soll nicht die Triebfeder dafür sein, dass man das macht", sagt der pensionierte Kriminalpolizist.

Zuverlässigkeit, Verschwiegenheit und Durchsetzungsfähigkeit qualifizieren Helmut Raster für die Aufgabe als Stammzellenkurier. "Besonders dann, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Sich Züge verspäten oder Flüge ausfallen. Dann muss ich rasch Alternativen finden", erklärt der sportive Pensionist. Wir begleiten ihn in ein Krankenhaus. Dort wurden einem freiwilligen Spender Stammzellen entnommen. Auf dem Tisch im kahlen Raum liegen zwei Blutbeutel und mehrere mit Blut gefüllte Röhrchen: die Fracht. Bevor die Helmut Raster in seine Kühltasche packt, werden sein Ausweis kontrolliert und Daten verglichen.

"Wer nervös ist, macht Fehler"

"Ich darf hier keinen Fehler machen", sagt Raster. Die Kühltasche ist mit einer Luftpolsterfolie ausgekleidet. Die lebensrettenden Blutbeutel dürfen nicht direkt mit den Kühlakkus in Berührung kommen, erklärt der Kurier. Sie könnten sonst zerstört werden. Ob sich Helmut Raster dessen bewusst ist, dass er nun als Kurier die Verantwortung für ein Menschenleben übernimmt? "Man darf darüber gar nicht nachdenken. Sonst würde ich nervös werden. Und wenn man nervös ist, macht man Fehler!"

Stammzellen überleben nur 48 Stunden

Ab jetzt läuft die Zeit. Etwa 48 Stunden bleiben die Stammzellen am Leben. In dieser Zeit muss er es schaffen, seine Fracht dort abzuliefern, wo der Empfänger wartet. Egal von wo, egal wohin. Die Empfänger von Stammzellen müssen auf die Transplantation vorbereitet werden. Ihr blutbildendes System wird dabei absichtlich zerstört. Ein Zustand, den Patienten nicht lange überleben können. "Unsere Reisepläne erlauben kaum Spielräume", betont Helmut Raster.

Nach mehreren Stunden sitzt Helmut Raster dann in einem ICE. Die letzte Etappe zum Zielkrankenhaus. Das Thermometer an seiner Transporttasche hat er immer wieder im Blick. "Passt alles", sagt er. Trotzdem wirkt der Stammzellenkurier angespannt. Er prüft wieder Dokumente, schaut stets prüfend auf die Tasche, die er auf dem Boden zwischen seinen Beinen abgestellt hat. "Die lasse ich nie unbeaufsichtigt und nehme sie auch mit auf die Toilette. Die darf man einfach nicht verlieren!"

Improvisationstalent gefragt

Dieses Mal muss der 65-Jährige nicht improvisieren. Der Zug ist pünktlich. So reibungslos läuft es nicht immer. "Einmal war ich im Süden der USA, zwei Flüge wurden gestrichen. Ich habe dann mit viel Überzeugungskraft den letzten Platz in einer Ersatzmaschine bekommen und konnte die Stammzellen gut eine Stunde vor deren Verfallszeitpunkt abgeben. Ein gutes Gefühl", erinnert sich Helmut Raster. In der Klinik ist es dieses Mal entspannt.

Zwei Ärztinnen empfangen den Kurier. Erneut vergleichen sie Daten und übernehmen das Transplantat. "Wir sind immer froh, wenn die Stammzellen bei uns sind und freuen uns deswegen, die Kuriere zu sehen. Wir wollen dann auch immer den Spendern danken. Für uns ist das niemals Routine", sagt Oberärztin Nora Naumann-Bartsch bewegt.

Die nächsten Reisetermine stehen schon

Und bei Helmut Raster fällt sichtlich eine Last ab, als die Medizinerin die Blutbeutel und Blutröhrchen übernimmt. Die nächsten Kurierreisen stehen inzwischen schon in seinem Kalender. "Man macht das aus Idealismus", lacht er, "jetzt freue ich mich dann auf ein kleines Bier." Das hat er sich zum Ritual gemacht – auch wenn er normalerweise keinen Alkohol trinkt, ein Belohnungsschluck darf es nach jeder geglückten Reise sein. Das Schicksal der Patienten wird Helmut Raster nie erfahren. Aber er hat dazu beigetragen, dass ein Leben möglicherweise gerettet werden kann.

Bildrechte: BR/Christian Riedl

Die wertvolle Spende wird verpackt.

💡 Hintergrund Stammzellenspende

Jedes Jahr bekommen bis zu 15.000 Menschen in Deutschland die Diagnose Leukämie. Darunter auch viele Kinder und Jugendliche. Vielen von ihnen kann mit einer Stammzellentransplantation geholfen werden. Dafür muss allerdings ein "genetischer Zwilling" gefunden werden, damit es nicht zu Abstoßungsreaktionen kommt. Deswegen rufen Spenderdatenbanken wie die AKB (Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern) dazu auf, sich typisieren zu lassen. Dafür reicht zunächst ein Wangenabstrich mit einem Wattestäbchen. Die AKB verschickt sogenannte "Lebensrettersets" auch per Post, wenn man sie unter akb.de bestellt. Die Kosten für die Typisierung übernimmt die Stiftung, sie werden nicht von den Krankenkassen getragen. Die Spenderdatenbank ist deswegen auch auf Geldspenden angewiesen.

Bei einer Stammzellentransplantation werden beim Spender Stammzellen aus dem Blut gewonnen oder in einer kleinen Operation aus dem Beckenkamm entnommen. Allein die Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB) verschickt pro Jahr bis zu 400 Stammzellenspenden in alle Welt.

Im Körper des Empfängers heilen diese Stammzellen dann das blutbildende System. Die Heilungschancen sind vor allem bei Kindern und Jugendlichen groß, wenn geeignete Spender gefunden werden. Mediziner sprechen von bis zu 80 Prozent Erfolgsquote. Geheilte Patienten können in der Regel nach vergleichsweise kurzer Zeit wieder ein normales Leben führen.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!