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Übergewicht und Essstörung: Was die Pandemie uns auftischt | BR24

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Nebenbei vor dem Laptop snacken statt gesund zu kochen: so wachsen die Corona-Kilos.

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    Übergewicht und Essstörung: Was die Pandemie uns auftischt

    Mehr Übergewicht, mehr Essstörungen: Ärzte registrieren in der Corona-Krise eine Häufung. Besonders Kinder und Jugendliche sind betroffen.

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    Von
    • Ortrun Huber

    Fastfood, Pizza, Gummibärchen: Der schnelle Snack ist für coronamüde Lockdowner in Homeoffice und Homeschooling schnell zur Hand. Seit Wochen dreimal täglich Gesundes auf den Tisch zu stellen, ist hingegen für viele kaum zu schaffen. Nur die wenigsten entwickeln sich zu Kochkünstlern, bei denen es am heimischen Mittagstisch Frisches und Bekömmliches gibt statt Currywurst mit Pommes. Nicht umsonst betont die Ökotrophologin Astrid Donalies:

    "Bei der Ernährung gibt es gerade Licht und Schatten." Astrid Donalies, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung

    Gesunde Ernährung erfordert Wissen

    Mehr Gemüse, aber weniger Obst, mehr Mineralwasser und weniger Alkohol: Generell ernähren sich die Deutschen zwar zunehmend gesünder. Aber vor allem Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsstand seien die Leidtragenden, wenn es derzeit um gesunde Ernährung gehe, sagt Donalies. Gut gestellte Familien legten auch im Lockdown großen Wert auf eine ausgewogene Ernährung. Eltern mit eher niedrigem Bildungsstand und geringerem Einkommen fehle dagegen oft das Wissen, wie man sich gesund ernährt. Deshalb ist für deren Kinder das Essen in Kitas und Schulmensen auch besonders wichtig – aber im Lockdown eben nicht verfügbar. Und das hat Folgen.

    Pandemie sorgt für mehr Corona-Kilos

    Nach einer repräsentativen Umfrage unter rund 1.000 Familien legten im Laufe der Pandemie gut ein Viertel aller Eltern und neun Prozent der unter 14-Jährigen an Gewicht zu. Bei den Über-Zehnjährigen aus Familien mit niedrigem Schulabschluss waren es sogar 23 Prozent, wie Münchner Ernährungsmediziner im Fachjournal "Annals of Nutrition and Metabolism" schreiben.

    "Die Kinder hocken mehr zu Hause rum. Sie bewegen sich zum Teil weniger und snacken mehr." Hans Hauner, Professor für Ernährungsmedizin, Technischen Universität München

    Zwar aß ein Teil der Kinder in den befragten Familien mehr Obst und Gemüse als vor der Pandemie. Etwa ein Fünftel aller Kinder griff aber auch öfter zu Schokolade, Chips und Limo. Vor allem Kinder über zehn Jahren langten bei süßen und salzigen Snacks häufiger zu.

    Corona beeinträchtigt alle Kinder und Jugendlichen

    Dass Pandemie generell die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen, quer durch alle Schichten, verschlechtert und viele Jüngere seit Beginn der Corona-Pandemie ungesünder leben, ergab auch eine bundesweite Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zur seelischen Gesundheit und dem Wohlbefinden. Vor allem Kinder, aus Familien mit niedrigem Bildungsabschluss, engen Wohnverhältnissen oder Migrationshintergrund, reagierten auf die Corona-bedingten Veränderungen häufiger mit psychischen Auffälligkeiten wie Essstörungen, so die UKE-Wissenschaftler. Für die Studie COPSY (Corona und Psyche) wurden im Mai und Juni mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren und mehr als 1.500 Eltern online befragt. Das Ergebnis: Viele Kinder und Jugendliche ernährten sich ungesund mit vielen Süßigkeiten, zehnmal mehr Kinder als vor der Pandemie trieben überhaupt keinen Sport mehr.

    Langfristige Folgen für übergewichtige Kinder

    Auch der Münchner Ernährungsmediziner Hauner befürchtet, dass die Corona-Krise das Problem mit krankhaftem Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen verschärfen könnte - mit möglicherweise langfristigen Folgen. Starkes Übergewicht verschärft das Risiko für Diabetes, Bluthochdruck oder Herzkreislauferkrankungen. Und:

    "Studien zeigen: Etwa 80 Prozent der adipösen Jugendlichen bleiben im späteren Erwachsenenalter adipös.“ Astrid Donalies, Ökotrophologin und Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung

    Essstörungen häufen sich

    Auch auf der psychosomatischen Kinderstation des Klinikum Nürnberg werden derzeit die Folgen der Corona-Pandemie behandelt. Der zunehmende Stress in den Familien, weniger soziale Kontakte, der Wegfall von festen Tagesstrukturen und dadurch auch von festen Mahlzeiten seien Risikofaktoren, die Essstörungen begünstigen können, sagt Chefarzt Patrick Nonell.

    Die Mediziner behandeln in der Nürnberger Klinik seit Ende des ersten Lockdowns etwa doppelt so viele Kinder und Jugendliche mit Essstörungen wie sonst. Die Magersucht, besonders bei Mädchen, sticht dabei hervor. Verunsicherung und Kontrollverlust in der Pandemie versuchen die jungen Patientinnen auszugleichen, indem sie ihr Gewicht stark kontrollieren. "Dadurch haben sie das Gefühl, wenigstens das selbst in der Hand zu haben", sagt Patrick Nonell. Das Phänomen der Zunahme von Essstörungen in der Pandemie bestätigen auch viele niedergelassene Ärzte. Insgesamt sind Mädchen etwa dreimal so häufig von Essstörungen betroffen wie Jungen.

    "Tag der gesunden Ernährung" will informieren

    Ob Magersucht oder Übergewicht – die Häufung ungesunder Ernährungsmuster in der Pandemie alarmiert Mediziner. Gerade Kinderärzte beobachten einerseits, dass momentan viele Kinder extrem zunehmen. Andererseits kommen immer mehr Jugendliche mit Magersucht und Bulimie in ärztliche Behandlung.

    Was so einfach klingt - gesund essen – kann für junge Menschen eine unlösbare Aufgabe sein. Deshalb benötigen sie Unterstützung. Nicht zuletzt deshalb will der "Verband für Ernährung und Diätetik" am heutigen "Tag der gesunden Ernährung" darauf aufmerksam machen, wie wichtig richtige Ernährung ist.

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