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Portrait von Tycho Brahe
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Jan-Claudius Hanika
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Portrait von Tycho Brahe

Tycho Brahe kommt am 14. Dezember 1546 in Schloss Knutstorp zur Welt. Als Vierzehnjähriger erlebt er eine Sonnenfinsternis und ist völlig fasziniert. Er ist vor allem von der Tatsache begeistert, dass man sie auf die Stunde genau vorhersagen konnte. Als er später eine sogenannte Konjunktion beobachtet - das Phänomen, dass Jupiter und Saturn sich von der Erde aus betrachtet am Sternenhimmel zu berühren scheinen - ist er offenbar erschüttert. Nicht von dem, was er sieht, sondern von der Tatsache, dass die damals gängigen Tabellen, um die Stellung der Planeten zu berechnen, um Tage bis Monate danebenliegen.

Reste der Supernova von 1572, aufgenommen vom Weltraumteleskop Chandra

Reste der Supernova von 1572, aufgenommen vom Weltraumteleskop Chandra

Am 11. November 1572 erblickt Tycho Brahe am nächtlichen Himmel etwas, was seiner Erfahrung nach dort gar nicht hingehört: einen hellen Stern im Sternbild Kassiopeia. Ein Planet konnte es nicht sein und ein Fixstern - so hell wie die Venus - hatte dort nie zuvor gestanden. Es ist eine Supernova und Tycho hat sie entdeckt. Diese Entdeckung wird zu seiner ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung. Fortan gehört er zum inneren Zirkel der europäischen "Gelehrtenrepublik".

Diagramm der Position der Supernova von 1572 aus ''De stella nova'' von Tycho Brahe

Diagramm der Position der Supernova von 1572 aus ''De stella nova'' von Tycho Brahe

Der dänische König Friedrich II. macht Brahe daraufhin ein sensationelles Angebot: eine eigene Insel, Herrensitz mit Sternwarte, Geld für Instrumente und Mitarbeiter. Die perfekte Ausstattung, um zum führenden Himmelsbeobachter seiner Zeit zu werden und seine Insel zum Mekka für astronomisch interessierte Forscher und Fürsten zu machen.

Insel Ven, auf der das Observatorium von Tycho Brahe stand.

Insel Ven, auf der das Observatorium von Tycho Brahe stand.

Das Haupthaus, die sogenannte "Uraniborg", ist Wohnung und Sternwarte zugleich. Ein zweigeschossiger Palast mit weitläufigen Räumlichkeiten, mit Werkstätten zur Konstruktion seiner Messinstrumente, Bodenkammern für Studenten und einer umlaufenden Galerie zur Beobachtung mit kleineren Instrumenten.

Tycho Brahe in seiner Sternwarte Uraniborg

Tycho Brahe in seiner Sternwarte Uraniborg

1584 baut Tycho Brahe auf einem kleinen Hügel eine weitere Sternwarte, die er "Stellaeburgum", dänisch "Stjerneborg" nennt. Alle Instrumente sind dort, um sie möglichst gegen den Wind zu schützen, in unterirdischen Räumen aufgestellt, sodass nur die Dächer aus dem Erdboden hervorragen. Da Brahe schließlich auch die Publikation seiner Schriften genau überwachen will, werden im Laufe der Jahre auf der Insel nicht nur eine Druckerei angelegt, sondern gleich noch eine Papiermühle dazu, um immer druckfrisches Papier auf Lager zu haben.

Observatorium Stjerneborg auf der Insel Ven

Observatorium Stjerneborg auf der Insel Ven

Brahe begnügt sich nicht damit, den Himmel einfach nur fleißig zu beobachten. Er nutzt diese Daten auch, um weitergehende Schlüsse zu ziehen - und beispielsweise das alte, aristotelische Weltbild zu verabschieden. Aristoteles hatte die Welt noch in zwei Bereiche eingeteilt: die himmlische, unveränderliche Sphäre auf der einen - die irdische, vergängliche auf der anderen. Doch Brahe beobachtet Kometen, die gleichsam von der himmlischen in die irdische Sphäre eindringen. So strikt voneinander getrennt konnten beide Welten folglich gar nicht sein.

Sextant aus Holz zur Sternenbeobachtung, Abbildung aus "Astronomiae instaurate mechanica" von Tycho Brahe

Sextant aus Holz zur Sternenbeobachtung, Abbildung aus "Astronomiae instaurate mechanica" von Tycho Brahe

Außerdem steht Brahe vor der damals zentralen Frage der Astronomie: Wer dreht sich um wen? Die Erde um die Sonne, oder die Sonne um die Erde? Das alte, ptolemäische System mit der Erde als Nabel der Welt konnte Brahe nicht überzeugen. Aber auch mit der revolutionären Idee eines Kopernikus, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum des Universums steht, hatte Brahe Probleme. Dazu kam der drohende Konflikt mit den Theologen, die der Gedanke an eine Erde, die nicht das Zentrum der Welt wäre, auf die Barrikaden bringen würde. Brahe schlägt einen sehr eigenwilligen Mittelweg ein.

So kam er zu einer Art vermittelnden Lösung, dass die Planeten um die Sonne laufen, aber die Sonne mit den um sie herumlaufenden Planeten um die ruhende Erde im Zentrum. Damit waren sozusagen die strittigen Bibelstellen erfüllt: Die Erde steht und die Sonne läuft (um sie) herum." Volker Bialas, Wissenschaftshistoriker

Das Weltsystem von Tycho Brahe, Abbildung aus "Harmonia Macrocosmica" aus dem 17. Jahrhundert

Das Weltsystem von Tycho Brahe, Abbildung aus "Harmonia Macrocosmica" aus dem 17. Jahrhundert

1599 verlässt Tycho Brahe nach dem Tod seines Förderers König Friedrich II. von Dänemark seine Insel. Er wird Hofmathematiker von Kaiser Rudolf II. und bekommt das nördlich von Prag gelegene Schloss Benatky. Dort engagiert er zwei Assistenten. Einer davon ist ein gewisser Johannes Kepler, den Brahe offenbar besonders schätzt. Eine Besonderheit, denn ansonsten lässt Brahe kaum jemanden neben sich gelten.

Sein Dienst als Hofmathematiker währt nur kurz. Am 24. Oktober 1601 stirbt Tycho Brahe. Das Gerücht, dass Kepler hier mit etwas Quecksilber nachgeholfen habe, können spätere Obduktionen ins Reich der Fantasie verweisen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Tycho Brahe an den Folgen einer Blaseninfektion gestorben ist. Vermutlich, nachdem er sich bei einem Bankett aus Höflichkeit den Gang zur Toilette verkniffen hat.

Als letzten Willen hatte Brahe noch die Hoffnung ausgesprochen, Kepler möge sich doch bei der Ausarbeitung seiner Theorien an das Tychonische und nicht an das Kopernikanische Weltbild halten. Ein Versprechen, dass Kepler als Brahes Nachlassverwalter und Nachfolger zwar zunächst respektiert und in einigen Berechnungen auch aufgreift. Letztlich ist Kepler aber gerade durch Brahes langjährige, hartnäckige und systematische Himmelsbeobachtungen in der Lage, das Tychonische System zu widerlegen und das Kopernikanische zu präzisieren. So wird Brahe letztlich zum Vermittler zwischen Mittelalter und Neuzeit.