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Transport in der Atmosphäre: Es schneit Mikroplastik | BR24

© SWR/Gabor Paal

Das Plastik in den Meeren ist ein Dauerthema - aber Mikroplastik wird in erheblichen Mengen auch über weite Strecken die Atmosphäre transportiert und landet dann auch in entlegenen Gebieten der Erde – selbst auf treibenden Eisschollen im Polarmeer.

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Transport in der Atmosphäre: Es schneit Mikroplastik

Forscher haben in Schneeproben unerwartet viel Mikroplastik nachgewiesen, auch in abgelegenen Gegenden wie der Arktis. Offenbar wird es über die Atmosphäre transportiert - und womöglich auch eingeatmet.

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Mikroplastik wird in erheblichen Mengen auch über die Atmosphäre transportiert und landet so auch in entlegenen Gebieten der Erde - selbst auf treibenden Eisschollen im Polarmeer. Vor allem Schnee spielt dabei offenbar eine wichtige Rolle. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsteam des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in der Fachzeitschrift "Science Advances".

Die Forscher fanden Mikroplastik in Schneeproben von den Alpen bis in die Arktis. Sie nahmen sogar Schnee-Proben von fünf Eisschollen, die zwischen Grönland und Spitzbergen trieben. Die Konzentration hing dabei stark vom Standort ab: Je weiter weg von dicht besiedelten und industrialisierten Gebieten, desto weniger Mikroplastik fand sich im Schnee. Im Schnee an einer Landstraße in Bayern fanden die Forscher 154.000 Partikel pro Liter, in der Arktis knapp ein Zehntel davon.

Neue Vorgehensweise

Dass Mikroplastik über die Luft transportiert wird, ist nicht grundsätzlich neu. Doch die Werte sind deutlich höher als früheren Schätzungen zufolge.

Die Forscher führen das auf die Vorgehensweise zurück. Frühere Erhebungen beruhten auf Messungen in Staubablagerungen. Auch Staub - etwa aus der Sahara - wird über weite Entfernungen transportiert und nimmt dabei Plastik mit. Doch Schnee wasche das Mikroplastik offenbar besonders effizient aus der Atmosphäre aus, sagt Gunnar Gerdts vom AWI, der an der Studie beteiligt war. Das könne die unerwartet hohe Konzentration erklären.

Hinzu kommt die Messmethodik. Gerdts untersuchte die Proben mithilfe von Infrarotspektroskopie. Dabei werden die Rückstände im geschmolzenen Schnee mit Infrarotlicht bestrahlt. Dadurch können noch wesentlich kleinere Teilchen erfasst werden als mit früheren Untersuchungen, bei denen das Plastik per Hand aus den Proben herausgelesen wird. Am "optischen Fingerabdruck" lasse sich jetzt sogar die Art des Kunststoffs ermitteln.

Ein Teil kommt wohl aus Europa

Bei dem über die Luft transportierten Mikroplastik handelt es sich überwiegend um Abrieb von Baumaterialien, Lacken und Reifen - Plastiktüten spielen dabei praktisch keine Rolle.

Die Verbreitung von Plastik über die Atmosphäre fand bisher - anders als das Plastik in den Weltmeeren - wenig Beachtung. Es gibt dabei einen großen Unterschied: Das Plastik in den Ozeanen stammt einer Nature-Studie von 2017 zufolge zum größten Teil aus verschmutzen Flüssen in Asien, insbesondere China. Der Eintrag aus Europa spielt dabei nur eine geringe Rolle. Beim mikroplastik-haltigen Schnee scheint es anders zu sein - zumindest, was die Proben im Nordpolarmeer betrifft.

"Wahrscheinlich kommt ein Teil davon sogar aus Europa", sagt Gerdts Kollegin Melanie Bergmann. Das folgern die Forscher aufgrund des Vergleichs mit dem Transport von Pflanzenpollen. Mikroplastikteilchen haben eine ähnliche Größe wie Pollenkörner, und deren Verbreitung über die Luft ist schon relativ gut untersucht.

Mikroplastik als Feinstaub?

Kaum erforscht ist dagegen, was das Mikroplastik im menschlichen Körper anrichtet. Vor einem Jahr sorgte eine Studie für Aufsehen, wonach im Stuhl von Menschen praktisch auf der ganzen Welt Mikroplastikspuren nachgewiesen werden können. Gut möglich, dass das Plastik, das Menschen über die Nahrung aufnehmen, weitgehend unverändert wieder ausgeschieden wird.

Doch die neue Studie legt nahe, dass ein Teil des Plastiks auch über den Luftweg in den Körper gelangt. Eingeatmetes Mikroplastik aber - zumindest die allerkleinsten Teilchen - ist faktisch Feinstaub. Von dem weiß man wiederum, dass er Lungen-, Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen begünstigt.