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Tierwohl und Klimaschutz - ein Widerspruch? | BR24

© dpa/Herbert Ebner

Eine Kuh auf einer Wiese.

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Tierwohl und Klimaschutz - ein Widerspruch?

Frische Luft, ein großer Auslauf - ein Offenstall ist tierfreundlicher als ein geschlossener Stall. Aber die Exkremente der Nutztiere stinken nicht nur, Gase wie Ammoniak schaden auch der Umwelt. Ist es umweltfreundlicher, Nutztiere einzusperren?

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Rinder verströmen als Wiederkäuer zusätzlich Methan, das ist schlecht für das Klima. Manche fordern deshalb: weniger Nutztiere halten. Kann das die Lösung sein?

Schweine im Tierwohl-Stall

Nur wenige Schweine in Deutschland können im Stroh wühlen und sich im Freien bewegen. Landwirt Christian Fuhr mästet im hessischen Groß-Umstadt über 500 Schweine. Ihm sei wichtig, dass die Tiere an die frische Luft können: "Dass sie Sonne, Regen, Wind und Schnee miterleben können und das geht nur in einem Auslauf."

Doch wie bei jeder Tierhaltung gibt es ein Problem: Emissionen. Das sind nicht nur Gerüche, die von Anwohnern als unangenehm empfunden werden, sondern auch Gase wie Ammoniak, die in die Umwelt entweichen. Tierwohl steht hier im Widerspruch zum Umweltschutz.

Schadgas Ammoniak

Etwa 90 Prozent der Ammoniak-Emissionen kommen aus der Landwirtschaft, aus dem Kot und Urin von Nutztieren. Der größte Teil entsteht bei der Ausbringung von Gülle. 30 Prozent kommen aus Ställen.

Ammoniak, eine chemische Verbindung aus Stickstoff und Wasserstoff mit einem stechenden Geruch, ist in höherer Konzentration gesundheitsschädlich - für die Tiere im Stall und für die darin arbeitenden Menschen. Außerdem können durch Ammoniak sensible Ökosysteme wie Naturschutzgebiete oder Wälder überdüngt werden.

Indirekt wirkt Ammoniak sogar als Klimagas, durch die Einbringung aus der Atmosphäre in den Boden und durch die Umsetzung im Boden unter anderem zu Lachgas.

Lachgas hat ein hohes sogenanntes CO2-Potential beziehungsweise Treibhauspotential. Es ist rund 300 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid.

Begrenzung der Schadgase durch NEC-Richtlinie

Die sogenannte NEC-Richtlinie der EU (National Emmission Ceilings Directive) legt für die einzelnen Mitgliedsstaaten konkrete Emissionsreduktionsverpflichtungen für fünf Schadstoffe bis 2030 (gegenüber 2005) fest.

Für Deutschland gelten folgende Reduktionsziele: Stickstoffoxide um 65 Prozent, flüchtige organische Verbindungen (ohne Methan) um 28 Prozent, Schwefeldioxid und Feinstaub um 43 Prozent und Ammoniak um 29 Prozent.

Experten bezweifeln jedoch, dass Deutschland diese Ziele erreichen wird.

Verringern technische Lösungen Ammoniak-Ausstoß?

Vor allem bei offenen Gebäuden ist es schwierig, Emissionen zu reduzieren. In geschlossenen Ställen können schädliche Gase durch Abluftreinigung bis zu 80 Prozent herausgefiltert werden. Deshalb werden geschlossene Ställe leichter genehmigt als offene. Doch wie kann man generell Emissionen vermindern?

Schweine koten normalerweise immer an die gleiche Stelle. Die Flächen, wo Emissionen entstehen, sind also begrenzt. Bei Rindern ist ein Anbindestall wesentlich umweltfreundlicher als ein Laufstall. Denn die angebundenen Tiere koten nur auf kleine Flächen, in einem Laufstall hingegen überall hin.

Dr. Stefan Neser beschäftigt sich an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft mit dem Thema Schadgase aus der Nutztierhaltung:

"Im Anbindestall entweichen pro Tier und Jahr 5 Kilogramm Ammoniak, im Laufstall das dreifache." Dr. Stefan Neser, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft

Derzeit arbeiten Forscher und Stallbaufirmen an technischen Lösungen für Laufställe, die zum Beispiel Spaltenböden mit Robotern öfter reinigen. Oder an Spaltenböden mit Ventilen, die Kot und Harn nach unten in die geschlossene Güllegrube durch lassen, aber das Schadgas nicht mehr nach oben steigen lassen.

Ab 2020: Filteranlagen-Pflicht in Schweine- und Hühnerställen

Zurzeit wird in Deutschland die sogenannte TA-Luft, eine Verwaltungsvorschrift für die Genehmigung von Ställen, überarbeitet. In geschlossenen Gebäuden mit über 2.000 Schweinen, 40.000 Legehühnern oder Mastgeflügel werden ab 2020 Filteranlagen Pflicht, in Bayern war das bisher noch nicht der Fall. Auch alte Ställe müssen dann nachgerüstet werden. Bei Rinderlaufställen gibt es keine Filteranlagen.

Am umweltfreundlichsten - und am tierfreundlichsten: Weidehaltung

Weidehaltung dagegen ist noch wesentlich umweltfreundlicher als Stallhaltung. Denn dort versickert der Urin, der hauptsächlich für die Ausgasung von Ammoniak zuständig ist, sofort im Boden.

Weniger Ammoniak durch andere Fütterung?

Über den Futtertrog können auch Emissionen vermindert werden. Im Schweinestall gilt: Je älter die Tiere sind, desto "umweltfreundlicher" werden sie, denn sie brauchen weniger Rohproteine wie Soja oder Raps.

Umwelt-Agrarwissenschaftler Ewald Grimm vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) erforscht seit vielen Jahren diese Thematik: "Rohprotein ist letztendlich Stickstoff, der über das Futter in das Tier gelangt. Je weniger Rohprotein, je weniger Stickstoff, umso weniger Ammoniakemissionen können entstehen. Da ist ein Minderungspotenzial von 20 bis 30 Prozent möglich."

In Schweine- Offenställen werden Maßnahmen wie eine nährstoffreduzierte Fütterung zukünftig wohl Pflicht.

Klimaschädliches Methan

Methan ist ein Treibhausgas und heizt die Atmosphäre 25 Mal so stark auf wie CO2. Methan gast aus Feuchtgebieten, Sümpfen, Mülldeponien und Reisfeldern aus. Über 70 Prozent der Methan-Emissionen stammen aus der Landwirtschaft.

Wiederkäuer wie Rinder, Schafe, Rehe oder auch Elefanten verursachen durch ihre Verdauung klimaschädliches Methan. Eine Kuh produziert pro Jahr im Durchschnitt 100.000 Liter Methan. Doch dieses Klimagas muss laut NEC-Richtlinie nicht reduziert werden.

Dr. Stefan Neser erklärt: "Es war in der Richtlinie mal drin und hätte ursprünglich um über 40 Prozent reduziert werden sollen. Ist dann aber in einem politischen Abstimmungsprozess wieder heraus genommen worden. Die Begründung könnte sein, dass man nicht weiß, mit welchen Maßnahmen man das erreichen kann."

Weniger Methan durch andere Fütterung?

Seit langem gibt es dazu Versuche. Zum Beispiel das Futter mit Tannin anzureichern. Ein Tierernährungsexperte an der Universität Hohenheim propagierte schon vor über zehn Jahren eine Art Pille gegen den Klimawandel. Die Kühe sollten eine Tablette schlucken, die ihnen monatelang im Vormagen liegt und Tannine freisetzt - das sind Gerbstoffe aus Pflanzen, die die Fermentation verändern können.

Allerdings steht diese Behandlung in der Kritik. Schließlich greift man dadurch in ein natürliches biologisches System ein. Außerdem scheint noch nicht geklärt, ob dadurch die Milchleistung der Kühe sinkt.

Einfachste Lösung: weniger Tiere

Dänemark und die Niederlande haben bereits Fördergelder bereitgestellt, damit Landwirte ihre Viehbestände reduzieren. Eine solche politische Entscheidung würde in Deutschland wahrscheinlich strukturelle Veränderungen bedeuten: denn mit der Viehhaltung aufhören würden nicht die großen Betriebe, sondern die kleinen. Der Verbraucher wünscht es sich aber genau anders herum.

© BR

Angebundene Kühe im Stall: Bei rund 50 Prozent der Betriebe in Bayern Normalität. Tierschützer und Molkereien fordern ein Ende dieser Haltung. Kleinbauern fürchten um ihre Existenz. Welche Folgen hat die Umstellung für die Milchbauern?