Zurück zur Startseite
Wissen
Zurück zur Startseite
Wissen

Tiergifte in der Medizin | BR24

© picture-alliance/dpa

Das Gift der Schwarzen Mamba kann beim Menschen Schmerzen unterdrücken.

Per Mail sharen
Teilen

    Tiergifte in der Medizin

    Schlangen, Spinnen, Quallen, Skorpione, Schnecken und Muscheln produzieren Gift, um Beutetiere zu erlegen oder sich zu verteidigen. Doch als Medikament bei der Behandlung von Krankheiten könnten Tiergifte dem Menschen helfen.

    Per Mail sharen
    Teilen

    Grubenottern, Kegelschnecken und Krustenechsen haben eines gemeinsam: Sie sind giftig. Genau wie rund 100.000 weitere Tierarten. Ihre Gifte dienen dazu, Beute zu lähmen und zu betäuben. Oder sind mächtige Verteidigungswaffen, um Feinde außer Gefecht zu setzen. Für den Menschen können Tiergifte aber nützlich sein. Gerade die Medizin kann von ihnen profitieren, denn tierische Giftstoffe können als Blutdrucksenker, Gerinnungshemmer oder Schmerzmittel wirken.

    Tierische Gifte und deren Bedeutung in früherer Zeit

    Es gibt keine Belege, dass tierische Giftstoffe schon in der Antike bei den Griechen und Römern als Medikamente verwendet wurden. In der Renaissance haben Forscher giftige Tiere erstmals untersucht und entdeckt, dass Schlangen spezielle Giftdrüsen im Kiefer haben und das Gift in hohlen Zähnen aufbewahren. Erst im 19. Jahrhundert begann die Homöopathie, die Gifte von Schlangen und anderen Tieren zum Nutzen des Menschen einzusetzen: in der typischen Verdünnung, sogenannten Potenzierung, des jeweiligen Schlangen- oder Bienengifts.

    Der lange Weg vom Tiergift zum Medikament

    Anders als bei pflanzlichen Giften bestehen tierische Gifte aus sogenannten Peptiden. Das sind Eiweißverbindungen, die im Magen abgebaut werden und nicht ins Blut gelangen. Das müssten sie aber, um wirken zu können. Deshalb werden die Stoffe im Labor nach dem Vorbild der Natur nachgebaut. Doch dazu muss die chemische Struktur des Giftstoffs genau bekannt sein. Also braucht die Forschung doch das natürliche Gift. Sie muss die Tiere melken oder ihre Giftdrüsen herausnehmen. Es dauert deshalb lange, bis aus einem Tiergift ein wirksames Medikament entsteht. Denn es gibt eine Herausforderung in der Pharmakologie: Medikamente müssen immer dieselben Substanzen in genau der gleichen Dosierung enthalten. Gerade, wenn es sehr giftige Stoffe sind.

    Hier sind einige Beispiele von tierischen Giften und ihre potenziell heilsame Wirkung für den Menschen:

    © picture-alliance/dpa

    Gila-Krustenechse (Mexiko, Süden der USA)

    Die Gila-Krustenechse beißt mit ihren Giftzähnen zu und der Blutdruck des Opfers sackt rapide ab. Fachleute entdeckten später, dass das Gift einen Insulin-ähnlichen Wirkstoff gegen Diabetes enthält, der unter dem Namen Exenatid 2005 zugelassen wurde. Es ist eines der wenigen Medikamente, das es in die Apotheken geschafft hat.

    © picture-alliance/dpa

    Honigbiene mit Giftstachel

    Die Honigbiene verteidigt sich mit ihrem Giftstachel, wenn sie in Bedrängnis gerät oder der Bienenstaat bedroht ist. In dem Gift ist Melittin enthalten, auf das manche Menschen allergisch reagieren. Alternativmediziner sehen in dem Gift ein Mittel gegen Rheuma und neuerdings auch gegen Falten. Belegt ist die Wirkung aber nicht.

    © picture-alliance/dpa

    Gewöhnliche Mamba

    Die Giftstoffe der Mamba stören die Reizleitung in den Nerven und führen zu schweren Herzrhythmusstörungen. Das Gift der Schwarzen Mamba enthält ein Mittel, das Schmerzen unterdrückt. Das Gift der Gewöhnlichen Mamba enthält einen Stoff, der die Bildung von Zysten-Nieren, einer bestimmten Nierenerkrankung, aufhält. Ein Medikament ist daraus bislang nicht entstanden.

    © picture-alliance/dpa

    Aga-Kröte aus Südamerika

    Erdkröten produzieren in speziellen Drüsen am Hinterkopf ein Sekret, das den Herzschlag beschleunigt und halluzinogen wirkt. Die heimische Kröte ist für den Menschen eher harmlos, die Aga-Kröte aus Südamerika kann jedoch Hautreizungen verursachen. Die Tiere schützt das giftige Sekret auf der Haut vor Mikroorganismen. Für den Menschen ist es unter Umständen tödlich, beispielsweise das Gift eines Pfeilgiftfroschs.

    © picture-alliance/dpa

    Jaracara-Lanzenotter (Viperart aus dem Südosten Brasiliens)

    Mit ihrem Gift jagt die Jaracara-Lanzenotter Mäuse, es verursacht Nerven- und Muskelschäden und stört die Blutgerinnung. Bei den Opfern fällt der Blutdruck rasch ab. Auf dieser Basis wurde ein neues synthetisches Produkt gegen Bluthochdruck entwickelt. Captopril heißt das Medikament nach dem Vorbild des Gifts dieser Lanzenotter. Es wurde der erste sogenannte ACE-Hemmstoff, ein erfolgreiches und geläufiges Mittel gegen Bluthochdruck.

    © picture-alliance/dpa

    Kegelschnecke

    Kegelschnecken kommen an Korallenriffen oder im Sand tropischer Meere vor. Sie wandeln ihre Zunge zu einem Pfeil um, mit dem sie ihre Beute harpunieren. Pfeilzungen sind innen hohl und mit einem Nervengift gefüllt, das augenblicklich wirkt. Einer der Giftstoffe hemmt in Nervenzellen die Reiz-Weiterleitung, also die Weiterleitung von Schmerzimpulsen ins Hirn. Das Gift heißt Ziconotid und ist tausendfach stärker als Morphin und ohne dessen Nebenwirkungen. Es ist geeignet für Patienten mit chronischen Schmerzen. Sein Nachteil: Es ist ein Peptid, ein Eiweißstoff, der mittels einer Schmerzpumpe an die Schmerzstelle injiziert werden muss und nicht als Tablette eingenommen werden kann. Zu hoch dosiert, kann eine Lähmung entstehen.

    © picture-alliance/dpa

    Malaiische Grubenotter (verwandt mit den Klapperschlangen)

    Nach einem Biss der Malaiischen Grubenotter gerinnt das Blut des Opfers sehr schlecht, was zu tödlichen Blutungen führen kann. Forscher haben einen Stoff namens Ancrod isoliert, der Blutgerinnsel nach einem Schlaganfall oder einem Hörsturz auflösen soll. Wie bei der Kegelschnecke gibt es auch hier ein Dosierungsproblem. Bei einem Zuviel verblutet der Patient, weil das Blut nicht mehr gerinnt.

    © picture-alliance/dpa

    Gelber Mittelmeerskorpion

    Im Gift von Skorpionen hat man ein Toxin gefunden, das sich an bestimmte Hirntumorzellen, sogenannte Gliome, bindet. Diese Art von Krebs ist sehr schwierig zu therapieren und auch chirurgisch schwer zu entfernen. Chlorotoxin heißt einer dieser Stoffe, auf den die Forschung ihre Hoffnungen setzt.

    Nur wenige Medikamente auf Basis von Tiergiften

    Die Pharmaindustrie hat sich weitgehend aus der Forschung mit Tiergiften zurückgezogen. Sie scheut das finanzielle Risiko, solche Stoffe zu wirksamen Medikamenten zu entwickeln. Und unter anderem auch deswegen, weil Patienten nicht bereit sind, bei Studien mitzumachen, in denen beispielsweise hochwirksames Schlangengift eingesetzt wird. Die EU dagegen hat die Tiergift-Forschung intensiviert. Sie unterstützt Wissenschaftler mit sechs Millionen Euro, die rund 25.000 Giftstoffe aus allen Tierklassen genauer untersucht haben. Doch derzeit sind noch fast keine Tiergifte in unseren Apotheken zu finden. Oft ist deren Dosierung oder die Anwendung schwierig, der Grat der Wirkungsweise zwischen tödlich und nützlich zu schmal.