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Ein Mann lässt sich neben das Porträt von Bud Spencer noch das Gesicht von Terence Hill stechen.
© Paul Zinken /dpa / picture-alliance

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Alexandra Klockau
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Ein Mann lässt sich neben das Porträt von Bud Spencer noch das Gesicht von Terence Hill stechen.

Bud Spencer und Terence Hill, das Porträt der großen Liebe, ein Zitat, ein ganzes Gedicht oder doch die Grafik aus dem Internet? Nicht alles, was vielleicht als Tattoo in Frage käme, ist tatsächlich erlaubt. Professor Dr. Karl-Nikolaus Peifer beschäftigt sich damit, was man sich eigentlich alles tätowieren lassen darf: Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht mit Urheberrecht, Gewerblichen Rechtsschutz, Neue Medien und Wirtschaftsrecht an der Universität zu Köln. Das "Tattoo-Recht" tangiert viele seiner Bereiche, weshalb er als Experte die wichtigsten Fragen zu Tätowierungen beantworten kann. Da Tattoos nicht nur eine angesagte Mode-, sondern sogar eine eigene Kunstform sind, gibt es tatsächlich einiges zu beachten.

Kann man sich irgendeine Zeichnung aus dem Internet tätowieren lassen?

"Urheberrechtlich darf sich die Person tatsächlich zu privaten Zwecken ein Tattoo stechen lassen, der Studio-Artist darf es stechen. Heikel wird der Fall, wenn das Tattoo dann per Selfie öffentlich wiedergegeben wird. Das erlaubt das Urheberrecht gerade nicht", erklärt Karl-Nikolaus Peifer. Wenn sich dann jemand beschwert, müsse man mit Unterlassungsansprüchen oder der Zahlung einer Lizenzgebühr an den Urheber rechnen.

Darf der Tätowierer die Motive eines anderen stechen?

"Allgemein bekannte Motive wie Schnörkel, Herzmotive oder ähnliches sind gemeinfrei, dürfen also von jedem gestochen werden. Individuelle Motive sind dagegen regelmäßig geschützt", erklärt Karl-Nikolaus Peifer. In einem solchen Fall gehöre das Motiv zunächst demjenigen, der es entworfen hat und stechen soll. Ein Tattoo-Künstler darf deshalb nicht einfach die Zeichnungen eines Konkurrenten übernehmen: "Er begeht dann eine Urheberrechtsverletzung, die auch verfolgbar ist", warnt Professor Peifer.

Darf man das Tattoo eines Tattoo-Künstlers posten?

Der Tattoo Artist hat das Tattoo eigens für den Kunden entworfen. Das Motiv gilt als sein Werk, "gehört" ihm und wird vom Urheberrecht geschützt. Wenn der tätowierte Kunde dieses Kunstwerk öffentlich wiedergeben und zum Beispiel ein Foto davon auf Facebook posten möchte, braucht er laut Peifer hierfür grundsätzlich die Erlaubnis des Tätowierers. "Die Anforderungen an diese Lizenz erfordern glücklicherweise keine notarielle Beglaubigung. Eine mündliche, auch eine Willenserklärung beinhaltende Vereinbarung reicht. Ob sie vorliegt, muss typischerweise der Kunde, nicht der Künstler beweisen", sagt Peifer.

Klingt kompliziert, aber Peifer räumt ein, dass dieser Beweis ohne Weiteres gelingen wird: Ohne Vereinbarung mit dem Studiobetreiber wäre das Tattoo ja nicht auf dem Körper des Kunden gelandet. "Dass ein gestochenes Tattoo diejenigen Nutzungen erlaubt, mit denen der Künstler heute rechnen muss, also auch Fotos in sozialen Medien, ist nicht allzu schwer zu begründen."

Wenn man sich sein Tattoo dagegen zusätzlich auf ein Shirt drucken lassen möchte oder wenn es in einem Bildband erscheinen soll, bräuchte man dafür eine Extraerlaubnis des Tattoo-Künstlers.

Was gibt es bei Zitaten und Gedichten zu beachten?

"Mit Zitaten und Gedichten verhält es sich wie mit Grafiken und Bildern: Auch hier bedarf man bei geschützten Werken einer Lizenz der Urheber", erklärt Karl-Nikolaus Peifer auf Nachfrage. "Ein Tattoo ist zunächst eine Kopie, die Wiedergabe auf einem Foto ist eine urheberrechtlich erfasste öffentliche Wiedergabe." Man müsste einen noch lebenden Autor also tatsächlich um Erlaubnis fragen. Einfacher sei es mit nicht mehr geschützten Zitaten und Gedichten: Das Urheberrecht erlischt 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. "Einen Goethe darf sich jeder einschränkungslos auftätowieren lassen", sagt Peifer dazu.

Wenn ein Fremdzitat tätowiert wird, müsste man eigentlich die Quelle mit angeben. "Das Gesetz sagt, 'in der üblichen Form'", führt Peifer aus. Bei Tattoos ist das nicht immer üblich. "Aber das würde Juristen nicht daran hindern, bisher Unterlassenes als eingerissene Unsitte anzusehen und dessen Nachholung zu fordern." Weil jedoch jedes Tattoo - und damit auch jedes tätowierte Zitat - den Körper verletze, könne es sein, "dass Gerichte hier Mitleid mit dem Opfer" haben, schätzt Peifer. Der Goethe dürfe, weil er ja schon länger als 70 Jahre tot ist, sowieso ohne den Namenszusatz auf den Arm.

Wie ist es mit Logo-Tattoos?

"Zu privaten Zwecken darf man das, solange das Logo keinen urheberrechtlichen Schutz genießt", merkt Karl-Nikolaus Peifer an. Das sei aber nur selten der Fall. "Logos sind überwiegend durch das Markenrecht geschützt. Das Markenrecht schützt allerdings nur vor gewerblichen Verwendungen, die bei Privatpersonen nicht unbedingt naheliegend sind."

Denkbar sei, dass sich ein Sportler ein Logo stechen lässt und dann mit diesem Markenzeichen ständig Interviews gibt. Dann könne es durchaus sein, dass sich das Unternehmen dagegen wehren will: "Wenn es das Image des Sportlers nicht passend zu seiner Marke empfindet - zum Beispiel nach der Aufdeckung eines Dopingskandals, an dem der Sportler maßgeblich beteiligt war", beschreibt Professor Peifer eine mögliche Ausnahme.

Darf man sich das Porträt seines/r Liebsten tätowieren lassen?

"Hier greift mittlerweile das europaweit geltende Datenschutzrecht. Es erlaubt die Nutzung personenbezogener Daten, also auch Bildnisse, nur mit Einwilligung des oder der Betroffenen", erklärt Professor Karl-Nikolaus Peifer. Eine unerwünschte Verwendung könne durchaus untersagt werden.

Kann man sich einen Promi ohne dessen Einwilligung tätowieren lassen?

Bei Personen, die im öffentlichen Rampenlicht stehen, sei das Recht etwas großzügiger. Hier werden die Tattoos als eine Art Huldigung betrachtet. "Prominente begeben sich in einen öffentlichen Diskurs, der sie auch zum Gegenstand von Äußerungen, Kritik, Kunst und Satire durch andere macht. Diesen Diskurs können die Betroffenen nicht unterbinden, auch dann nicht, wenn sie das furchtbar finden", erklärt Professor Peifer.

Selbst, wenn sich jemand zum Starporträt etwas dazu tätowieren lasse - zum Beispiel sich selbst oder eine Pistole - wäre das kein Problem. "Die von Ihnen genannten Beispiele fallen in den Bereich von Äußerungsfreiheiten, vielleicht sind sie gar Satire oder Kunst", führt Peifer auf Nachfrage hin aus. Dann überwiege die Freiheit des Äußernden diejenige der Betroffenen.

Aber natürlich gebe es hier auch Grenzen, zum Beispiel, wenn das Tattoo als sehr stark herabsetzende Schmähkritik angesehen werden könnte und so die Menschenwürde verletzt. Oder aber, wenn die Intimsphäre betroffen ist. Peifer sagt dazu: "Bei sexuell sehr aufreizenden Motiven könnte man die Grenze als überschritten ansehen." Der betroffene Promi könnte dann Unterlassung verlangen. Peifer weiß, was dann passiert: "Im Ernstfall also Fotos des Motivs untersagen. Man könnte sogar an ein Verhüllungsgebot denken."

Was, wenn sich eine Privatperson unerlaubt das Porträt einer anderen Privatperson stechen lässt?

"Als Privatperson muss man es nicht dulden, an die Öffentlichkeit gezerrt oder zum Gegenstand von öffentlichen Auseinandersetzungen durch Tattoo-Art zu werden", erklärt Peifer. Schutz biete hier nicht nur das neue Datenschutzrecht: "Auch vor dessen Geltung hatte man ganz normale bürgerlichrechtliche Abwehransprüche aus dem BGB." Bei solchen Fällen könne es sich beispielsweise um Ehrverletzung, Verletzung des Bildnisses oder Verletzung der Privatsphäre handeln.

Könnte Helene Fischer das Tattoo von Florian Silbereisen jetzt, nach der Trennung, verbieten?

"Ursprünglich erfolgte es (vermutlich) mit Einwilligung", schätzt Karl-Nikolaus Peifer. Diese Einwilligung sei zwar grundsätzlich widerruflich. "Sie ist es aber nicht mehr, wenn das Foto bereits verwendet wurde und dieser Kontext nicht peinlich oder ehrverletzend wirkt."

Florian Silbereisen trägt als Tattoo ein Porträt von Helene Fischer. Im Dezember 2018 haben sie ihre Trennung offiziell bekannt gegeben.

Florian Silbereisen trägt als Tattoo ein Porträt von Helene Fischer. Im Dezember 2018 haben sie ihre Trennung offiziell bekannt gegeben.

Dürfte sich Florian Silbereisen sein Helene-Tattoo weglasern lassen - oder wäre das eine Urheberrechtsverletzung gegenüber dem Tattoo-Künstler?

"Die Vernichtung von Kunstwerken ist deren 'Eigentümer', also Silbereisen, stets gestattet, selbst wenn der Künstler dadurch ein Stück seiner entäußerten Seele unwiederbringlich verliert", meint Karl-Nikolaus Peifer. Fair wäre es, dem Künstler ein letztes Foto des Kunstwerkes zu gestatten.

Wie sieht es rechtlich aus, wenn Tattoos misslingen?

Beispiele für misslungene Tattoos gibt es einige: Manche sind verwaschen, bei anderen sind die Linien verwackelt oder zu dick, oft geht auch ein Apostroph, ein Buchstabe oder im schlimmsten Fall gleich die ganze Bedeutung flöten. Auch Prominente sind nicht vor Tattoo-Fails gefeit wie "Lifes a dance" statt "Life's a dance" (US-Schauspielerin Ashley Greene), "Vihctoria" statt "Victoria" (Ex-Fußballer David Beckham in Sanskrit) und "Kohlegrill" statt des eigentlich gemeinten Single-Titels "7 Rings" (Sängerin Ariane Grande auf Japanisch).

Wenn das Tattoo im Studio misslingt oder dem Tätowierer Fehler unterlaufen, sei der Vertrag zwischen Künstler und Kunden verletzt, erklärt Peifer. Der Kunde könne Nacherfüllung - also das Ausbessern, falls das überhaupt möglich ist - oder Schadenersatz verlangen. "Hat der Künstler allzu nachlässig gearbeitet, schuldet er sogar die Operationskosten sowie ein Schmerzensgeld", sagt Peifer. "Denn wie bei guter Kunst tut das Tattoo auch einmal weh."

Ein Tattoo mit Stolz und gutem Gewissen tragen

Professor Karl-Nikolaus Peifer geht davon aus, dass Streitigkeiten um Tattoos zunehmen, je wichtiger sie werden und je stärker Körperschmuck eine Rolle spielt. Deswegen gilt im Zweifel immer: Lieber einmal zu viel nachgefragt - beim Tätowierer, beim Urheber des Motivs - und, wenn es um Fremdsprachen oder sogar fremde Schriftzeichen geht, am besten auch bei einem Muttersprachler. Bei Fragen zum "Tattoo-Recht" können Anwälte weiterhelfen. Immer eine gute Idee: Sich gleich sein eigenes, individuelles Kunstwerk entwerfen (lassen). Schließlich will man das Tattoo im besten Fall sein ganzes Leben lang tragen. Guten Gewissens und mit gewissem Anspruch.

Quelle: Schriftverkehr mit Professor Karl-Nikolaus Peifer vom Institut für Medienrecht und Kommunikationsrecht der Universität zu Köln sowie die Pressemitteilung der Universität zu Köln vom 06.02.2019