BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR/Elsbeth Bräuer
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Sven Hoppe

Selbstbestimmt leben – das wünschen sich auch Menschen mit einer Demenzdiagnose. Doch in der Gesellschaft werden sie oft bevormundet und auf ihre Erkrankung reduziert. Häufig stehen sich dabei zwei Werte gegenüber: Sicherheit und Selbstbestimmung.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Tag der Menschenrechte: Rechte von Menschen mit Demenz

Selbstbestimmt leben – das wünschen sich auch Menschen mit einer Demenzerkrankung. Doch in der Gesellschaft werden sie oft bevormundet und auf ihre Erkrankung reduziert. Häufig stehen sich dabei zwei Werte gegenüber: Sicherheit und Selbstbestimmung.

Per Mail sharen
Von
  • Elsbeth Bräuer

Herr J. will raus. Lange hält es ihn nicht in der Tagespflege-Einrichtung "Rosengarten" in München. Kurz nach dem Frühstück wirft er seine Winterjacke über und läuft hinaus in den Dezembertag. Der ältere Mann hat eine Form der Demenz, die auch mit starkem Bewegungsdrang einhergeht.

Oft ist er stundenlang allein unterwegs. Das Pflege-Team hindert ihn nicht daran. "Wenn er läuft, ist er beschäftigt und fühlt sich wohl", sagt die Sozialpädagogin Sonja Brandtner.

"Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht – und das hört mit der Demenz nicht auf." Sonja Brandtner, Sozialpädagogin

Pflegeansatz bei Demenz: Keine Bevormundung

Viele Tagespflegen lehnen in solchen Fällen die Betreuung ab: zu gefährlich, zu personalintensiv. Im "Rosengarten" sind auch Menschen wie Herr J. willkommen. Der Einrichtung ist es besonders wichtig, auf die Wünsche der Gäste zu achten. Will jemand heimlich auf der Toilette rauchen oder stundenlang in der Kälte draußen sein, darf er das.

"Wir müssen als Gesellschaft weg von einer bevormundenden Fürsorge", sagt die Sozialpädagogin Annette Arand vom Verein "Wohlbedacht", der mit der Tagespflege kooperiert. Auch Menschen ohne Erkrankung legen mitunter ein riskantes Verhalten an den Tag, argumentiert Arand – ohne dass jemand einschreitet.

Demenzkranke nicht wie Kinder behandeln

Menschen mit Demenz würden dagegen oft wie Kinder behandelt. Normales Verhalten gelte schnell als Risiko: "Spazierengehen heißt oft Weglaufgefahr. Sich ausruhen bedeutet Passivität", sagt Arand. "Oder das Essen von Weintrauben bedeutet Verschluckungsgefahr und gilt als gefährlich." Dabei dürfe man nicht die Sicherheit über die Freiheit stellen.

"Viele Demenzerkrankte reagieren da sehr empfindlich darauf, wenn man ihnen die Freiheit beschneidet und fangen an, sich dagegen zu wehren." Für sein Engagement ist der Verein unter den Gewinnern des Preises "Menschenrechte und Ethik in der Medizin für Ältere" der Josef und Luise Kraft Stiftung, der unter anderem in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte verliehen wird.

Gratwanderung zwischen Schutz und Selbstbestimmung

Wo hört die Selbstbestimmung auf, wo beginnt das Recht auf Schutz – womöglich gegen den Willen des Betroffenen? Der Medizinethiker Andreas Frewer von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hält es in manchen Fällen für vertretbar, das Recht auf Freiheit einzuschränken. Etwa, wenn orientierungslose Menschen durch den Straßenverkehr zu Schaden kommen könnten. "Es muss aber sehr genau überlegt und zeitlich limitiert sein und durch juristische Überprüfung evaluiert sein, ob diesem Menschen noch eine Freiheitsberaubung zugemutet werden kann."

Oft braucht es einfach kreative Lösungen, findet man in der Tagespflege "Rosengarten". Herr J., der gern draußen unterwegs ist, trägt einen GPS-Tracker. So können die Pflegekräfte mit seinem Einverständnis seine Bewegungen nachvollziehen. Zum Krankheitsbild gehört auch, dass Herr J. Normen nicht mehr einhalten kann. Aus einem nahegelegenen Supermarkt lässt er immer wieder Schokoriegel mitgehen. "Soll man ihn dafür einsperren? Nein", sagt Annette Arand. "Wir hinterlegen Geld an der Kasse, mit dem die Riegel abgerechnet werden können."

Alzheimer Gesellschaft: Nach wie vor werden Rechte verletzt

Im Vergleich zu früher akzeptiere die Gesellschaft das Recht auf Teilhabe inzwischen mehr, heißt es von der Alzheimer Gesellschaft. "Grundsätzlich gibt es aber nach wie vor Verletzungen im Bereich der freiheitsentziehenden Maßnahmen", schreibt sie in einem Statement.

Dazu gehört auch das Ruhigstellen durch den Einsatz von Medikamenten. Der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske aus Bremen kritisierte vor Kurzem in einer Studie, dass Menschen mit Demenz oft Psychopharmaka erhalten. Dabei gibt es Hinweise darauf, dass Neuroleptika bei ihnen schwerwiegende Folgen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall haben könnten und möglicherweise auch zum geistigen Abbau beitragen.

Besser wäre es nach Ansicht von Glaeske, die Pflegesituation zu verbessern und Fähigkeiten im Alltag zu trainieren. "Enorme Einschränkungen" bei den Freiheitsrechten gab es aus Sicht der Alzheimer Gesellschaft auch in Corona-Zeiten, als Besuche durch Kontaktverbote nicht stattfinden konnten.

Als Mensch gesehen werden – nicht als Erkrankung

Auf dem Weg zu mehr Rechten könnte auch ein weniger negatives Bild der Krankheit helfen. Wenn in der Öffentlichkeit über Demenz gesprochen wird, ist oft die Rede vom "Schatten des Vergessens", vom "Dahinvegetieren", vom "Demenzleiden". Dabei leiden manche Betroffene weniger unter der Krankheit als unter ihrer Umwelt. Viele berichten von Freunden, die sich zurückziehen, von Bevormundung und Herablassung oder von Ärzten, die sie nicht ernst nehmen.

Die Aktivistin Helga Rohra hat eine seltene Form der Demenz und kennt das Gefühl, übergangen zu werden.

"In Gesprächen wird oft gleich die Begleitung angesprochen. Dabei müssen Sie mit mir sprechen – ich bin betroffen!" Helga Rohra, an Demenz erkrankt

Diskriminierung hat sie auch am Arbeitsmarkt erlebt. "Sie werden aussortiert. Mich hat man als nicht vermittelbar eingestuft – meine Fähigkeiten werden nicht gesehen."

Nicht jede Lösung passt für alle

Was müsste sich ändern? Was Betroffene brauchen, unterscheidet sich je nach Person und Lebenssituation, aber auch nach Art und Stadium der Demenz. "Menschen mit Demenz sind sehr unterschiedlich", so die Alzheimer Gesellschaft. Die einen wünschen sich vielleicht demenzfreundliche Kliniken oder mehr Integration auf dem Arbeitsmarkt. Andere fordern bessere Rahmenbedingungen für pflegende Angehörige – oder Versorgungsformen, die helfen, lange zuhause leben zu können.

Helga Rohra wünscht sich mehr Sensibilität in der Gesellschaft, dass man den Blick auf ihre Fähigkeiten richtet – nicht nur auf Defizite. Sie lobt sich dafür, dass sie jeden Tag mit ihrem Mops eine Runde durch den Park dreht, dass sie turnt, Zeitung liest, schreibt, Vorträge hält. Ein gutes Leben führen, trotzdem, das ist Rohras Motto. Vielleicht auch: Jetzt erst recht.

© BR
Bildrechte: BR

Menschen mit Demenz dürfen nicht bevormundet werden, sagt die Sozialpädagogin Annette Arand.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!