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Antibiotika ohne Wirkung
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Antibiotika ohne Wirkung

In Deutschland verloren 2015 rund 2.400 Menschen den Kampf gegen Antibiotika-resistente Keime. In Italien waren es gar 10.762. "Multiresistente Keime sind das größte Problem im Bereich der Infektionskrankheiten," sagt Dr. Michael Ebenhoch, der die Stabstelle Infektiologie an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Murnau leitet.

"Wir sehen über die letzten Jahre zunehmend mehr Patienten, die mit multiresistenten Erregern kolonisiert sind und dann auch Infektionen zum Teil damit erleiden, die nur noch sehr eingeschränkt bzw. in Einzelfällen gar nicht mehr behandelbar sind mit den uns zur Verfügung stehenden Antibiotika." Dr. Michael Ebenhoch, Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau

Die Patienten kommen beispielsweise mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus und erliegen dort einer Lungenentzündung.

Antibiotika sollten nur nach strenger Indikation verordnet werden

Bei einer bakteriellen Infektion gibt es drei Stufen der Eskalation. Wenn ein Standard-Antibiotikum nicht hilft, folgt ein Antibiotikum mit einem breiteren Wirkspektrum. Kann auch dieses die Erreger nicht erfolgreich abtöten, kommen die allerletzten lebensrettenden Reserven ins Spiel. Bei allen gilt der Grundsatz: Sie sollten nur nach strenger Indikation verordnet werden. Wer meint, dass dies bei Reserveantibiotika nur bestimmte Ärzte dürfen, liegt falsch. Verschreiben kann sie auch der Arzt um die Ecke – und er tut es:

"Das ist leider die Entwicklung, die man in den letzten 15 Jahren im ambulanten Bereich gesehen hat, die Gesamtmenge der eingesetzten Antibiotika ist nicht gestiegen, aber der Einsatz von Breitspektrumantibiotika ist gestiegen." Prof. Petra Gastmeier, Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité

Das ist ein gravierendes Problem. Denn bei Antibiotika gilt der Grundsatz: je häufiger man sie einsetzt, desto schneller werden sie wirkungslos. Unter jeder Antibiotikagabe können Resistenzen entstehen. So wird die schärfste Waffe im Kampf gegen bakterielle Erreger stumpf.

Immer häufiger wirken auch Reserveantibiotika nicht

Dr. Tim Eckmanns beobachtet beim Robert-Koch-Institut die Entwicklung der Antibiotikaresistenzen. Sein Eindruck: 2018 haben Resistenzen bei der Klasse der sogenannten gramnegativen Darmkeime wieder zugenommen. Selbst Reserveantibiotika würden zunehmend wirkungslos.

"Das ist eine unangenehme Situation, weil dann kommen wirklich nur noch wirkliche Reserve Reserve Antibiotika zum Einsatz, und das sind Antibiotika mit ganz vielen Nebenwirkungen." Dr. Tim Eckmanns, Robert-Koch-Institut

Im Goldenen Zeitalter der Antibiotika, den 1940er bis 60er Jahren, als ständig neue Wirkstoffklassen entdeckt wurden, dachte man, dass die Medizin für alle Zeiten mit ausreichend wirksamen Antibiotika gewappnet sei. Ein großer Irrtum.

Im Bereich der sogenannten gramnegativen Keime habe es seit 30 Jahren keine neue Klasse von Antibiotika mehr gegeben, sagt Dr. Siegfried Throm, Geschäftsführer für den Bereich Forschung, Entwicklung und Innovation beim Verband der forschenden Arzneimittelhersteller. Er nennt zwei Gründe, warum immer mehr Pharmaunternehmen aus der Antibiotika-Entwicklung aussteigen.

Entwicklung neuer Antibiotika ist nicht lukrativ

Zum einen fehlen vielversprechende neue Ansatzpunkte aus der Grundlagenforschung, zum anderen ist die Entwicklung neuer Antibiotika für die Hersteller nicht lukrativ, weil die neuen Mittel ja erstmal nur zur Reserve werden.

"Wenn ein solches Antibiotikum dann in den Markt kommt, wird es extrem selten eingesetzt. Von daher klappt das bisherige Geschäftsmodell der Industrie in diesem Falle nicht. Denn das beruht ja darauf: Ich entwickle mit hohem Aufwand ein neues Medikament und verdiene dann, solange der Patentschutz läuft, durch die Anwendung dieses Medikaments bei vielen Patienten." Dr. Siegfried Throm, Verband der forschenden Arzneimittelhersteller

Der Vertreter der Pharmafirmen fordert deshalb eine bessere Koordinierung der weltweiten Forschungsanstrengungen sowie neue Anreize für Firmen, sich stärker zu engagieren.

30 Prozent der Antibiotika-Verordnungen sind vermeidbar

Doch kann man überhaupt mit neuen Antibiotika den Kampf gegen die multiresistenten Keime gewinnen? Forscher haben berechtigte Zweifel, denn auch gegen neue Antibiotika werden die Erreger über kurz oder lang Resistenzen bilden. Das Problem könne deshalb nur über einen vernünftigen Einsatz von Antibiotika gelöst werden, sagt Petra Gastmeier von der Berliner Charité. 30 Prozent der Verordnungen seien vermeidbar.

Sie setzt deshalb auf die Sensibilisierung von Ärzten und auf Informationskampagnen für Patienten, die oft gar nicht wissen, dass ein Antibiotikum nur Bakterien bekämpft und keine Viren.

Resistenzen haben auch strukturelle Ursachen

Übertragen werden die multiresistenten Keime in erster Linie in Krankenhäusern. Patienten haben sie unbemerkt im Darm oder auf der Haut und geben sie weiter. In den Niederlanden gelang es durch strikte Hygienevorgaben, die Zahl der Infektionen massiv zu senken.

Das Beispiel zeigt: Resistenzen haben auch strukturelle Ursachen, die die Gesundheitspolitik angehen muss. Denn Resistenzen sind laut Tim Eckmanns vom RKI keine Einbahnstraße, sie könnten auch wieder abnehmen.

Klinik Murnau: Einsatz von Antibiotika streng reguliert

Eine Möglichkeit sind sogenannte Antibiotic Stewardship-Teams wie sie die Unfallklinik in Murnau eingeführt hat. Infektiologen und Antibiotikaspezialisten überwachen jede Verordnung, der Antbiotikaverbrauch konnte so um die Hälfte gesenkt werden, ohne dass es dadurch zu mehr Todesfällen durch Infektionen kam.

"Ich glaube, dass es ein guter Ansatzpunkt wäre, verpflichtend solche Antibiotic Stewardship Teams einzuführen - zumindest in den Krankenhäusern, wo viel operiert wird." Prof. Petra Gastmeier, Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité

Unwirksame Antibiotika durch maßlosen Einsatz in Tiermast

Aber die Humanmedizin ist nicht der einzige Bereich, der Resistenzexperten wie Tim Eckmanns vom RKI Sorgen bereitet. Denn der maßlose Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft ist einer der wesentlichen Gründe für die Entstehung von Resistenzen. Besonders besorgniserregend ist: Der Anteil von Colistin, eine der allerletzten Reserven, war 2017 sogar wieder um mehrere Tonnen gestiegen.

"Das am vierthäufigsten eingesetzte Antibiotikum im Tierbereich ist Colistin, was im Humanbereich ein ganz wichtiges Reserveantibiotikum ist. Das macht Angst und unsicher." Dr. Tim Eckmanns, Robert-Koch-Institut

Resistenzen gegen Colistin sind bereits auf dem Vormarsch. 2018 wurde in verschiedenen Gewässern in Niedersachsen das sogenannte mcr-1 Gen gefunden, das Bakterien gegen Colistin resistent macht. Experten gehen davon aus, dass es über die Tiermast in die Umwelt kam.

Im März 2018 hat die Bundesregierung den Einsatz zweier Reserveantibiotikaklassen in der Tiermast eingeschränkt. Colistin war nicht dabei. Vergangenen Oktober hat endlich auch das EU-Parlament reagiert und Reserveantibiotika in der Tiermast ganz verboten – das Verbot greift allerdings erst ab Ende 2021.

Resistenzen sind ein globales Problem

Aber Resistenzen sind ein globales Problem. Während Deutschland versucht, den Antibiotikaverbrauch zu senken, stieg er laut einer Untersuchung von US-Wissenschaftlern zwischen 2000 und 2015 weltweit um 65 Prozent. Als besonders beunruhigend bezeichnen die Forscher den weltweit deutlichen Anstieg bei den Reserveantibiotika. Den Rest erledigt dann der internationale Verkehr. 70 Prozent der Reisenden, die beispielsweise aus Indien zurückkommen, haben multiresistente Erreger im Darm, weiß Tim Eckmanns.