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Die Corona-Pandemie führt Experten zufolge zu verschärfter Mangelernährung und einer Zunahme arrangierter Ehen weltweit.

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    Studien zu Corona-Folgen: Weltweit mehr Hunger und Zwangsehen

    Auch vor dem Auftreten des Coronavirus war die Welt kein idyllischer Ort. Unterernährung und Zwangsehen hat es auch vorher schon gegeben. Studien zeigen aber, dass die Pandemie zu verschärfter Mangelernährung und mehr arrangierten Ehen führt.

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    Von
    • Ortrun Huber

    Corona ist teuer. So manchem mag es schwindelig werden angesichts der milliardenschweren Kredite, die der Bund und die EU zur Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie aufgenommen haben. Blickt man von Deutschland und Europa jedoch nach Süden und Osten zeigt sich, dass die Pandemie noch deutlich massivere Konsequenzen in Ländern wie beispielsweise Indien und den Ländern südlich der Sahara hat. So werden nach Einschätzungen der Weltbank 70 bis 100 Millionen Menschen bis Ende des Jahres in extreme Armut gedrängt. Außerdem gehen Millionen Arbeitsstellen verloren.

    Den Hunger bis 2030 beenden

    Eigentlich hatte die Staatengemeinschaft der G7 es sich 2015 beim Gipfeltreffen auf Schloss Elmau zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 500 Millionen Menschen aus Hunger und Mangelernährung zu befreien. Doch das Corona-Virus wirkt sich auch auf den Kampf gegen den Hunger verheerend aus. Laut einer aktuellen, noch nicht abschließend begutachteten Preprint-Studie könnten durch den coronabedingten Wirtschaftseinbruch 168.000 Kinder weltweit an Hunger sterben. Die Studie des Konsortiums "Standing Together for Nutrition (StfN)" (Zusammenstehen für Nahrung) stützt sich auf in diesem Jahr gesammelte Wirtschafts- und Ernährungsdaten sowie auf Telefonumfragen.

    Besonders die Kinder leiden

    11,9 Millionen Kinder zusätzlich - die meisten in Südasien und Afrika südlich der Sahara – werden durch die Pandemie an den schlimmsten Formen von Mangelernährung leiden. Zum einen führt der Hunger zu einer für das jeweilige Alter zu geringen Körpergröße, zum anderen zu extremen Untergewicht. Das sagt die Ernährungswissenschaftlerin Saskia Osendarp, Hauptautorin der Studie, von der niederländischen Universität Wageningen. Die Exekutivdirektorin der Beratergruppe "Micronutrient Forum" betont, aktuell schwangere Frauen würden nun Kinder zur Welt bringen, die schon bei der Geburt unterernährt seien.

    "Diese Kinder sind von Anfang an vorbelastet. Eine ganze Generation steht auf dem Spiel." Ernährungswissenschaftlerin Saskia Osendarp, Universität Wageningen

    Infrastruktur vor dem Kollaps

    Die Ursache für die zunehmende Mangelernährung liegt nach Ansicht der Studienautoren im pandemiebedingten Zusammenbruch der sozialen und medizinischen Versorgungssysteme und der für die Ernährung wichtigen Infrastruktur. Durch Lockdowns werde die Produktion, der Transport und der Verkauf von gesunden, frischen und erschwinglichen Nahrungsmitteln unterbrochen, sodass die Menschen auf nährstoffarme Nahrungsalternativen ausweichen müssten.

    Rückschlag im Kampf gegen den Hunger

    Dabei war der Kampf gegen den Hunger in den vergangenen Jahren eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Noch vor sechs Jahren hatte die Welternährungsorganisation FAO von einem Lichtblick und von sinkenden Zahlen gesprochen – auch bei den Kindern. So ging vor der Pandemie die Zahl der Kinder mit Wachstumsverzögerungen weltweit Jahr für Jahr zurück - von 199,5 Millionen im Jahr 2000 auf 144 Millionen 2019. Die Zahl der ausgezehrten Kinder fiel von 54 Millionen 2010 auf 47 Millionen im vergangenen Jahr. Laut der StfN-Studie dürften diese Werte durch die Covid-19-Pandemie aber wieder auf die Niveaus aus dem Jahr 2010 steigen.

    Kampagne gegen Mangelernährung

    Die Hoffnungen ruhen nun auf einer jetzt neu gestarteten Kampagne gegen Mangelernährung. So will das UN-Kinderhilfswerk beispielsweise in den kommenden fünf Jahren 224 Millionen Dollar mehr pro Jahr für Ernährungsprogramme ausgegeben. Auch die Regierungen jener Länder, deren Bevölkerung besonders unter Hunger leide, seien nun in der Pflicht, betont Lawrence Haddad, Exekutivdirektor der gemeinnützigen Stiftung „Global Alliance for Improved Nutrition“

    Pandemie drängt Mädchen in Zwangsehen

    Auch beim Kampf gegen die Zwangsverheiratung von jungen Mädchen machten viele Länder in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Fortschritte. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus haben auch hier zu Rückschlägen geführt. So schätzen die Vereinten Nationen, dass als Folge der Pandemie 13 Millionen Mädchen unter 18 Jahren verheiratet werden – meist im Verborgenen. Die Hilfsorganisation Save the Children geht davon aus, dass allein in diesem Jahr weltweit fast eine halbe Million minderjährige Mädchen in Gefahr sind, verheiratet zu werden - die meisten auch hier in Afrika und Asien. So registrierte die Hilfsorganisation ChildLine India zwischen März und Juni 2020 insgesamt 5214 Eheschließungen Minderjähriger im ganzen Land. Die Dunkelziffer sei noch deutlich höher, weil die Mehrheit der Fälle nicht gemeldet werde.

    Die finanzielle Not ist groß

    Verhindern lassen sich diese Eheschließungen nur schwer, selbst dort, wo sie illegal sind. Denn genauso rasch wie das Coronavirus verbreitete sich die finanzielle Not in der Welt. So verloren beispielsweise in Indien aufgrund des strengen Lockdowns ab Ende März Millionen Einwanderer ihre Arbeit. Die Schulen waren geschlossen und der finanzielle Druck auf die Familien wuchs. Die Zwangsverheiratung der Töchter erscheint in den Familien häufig als einzige Chance, Ausgaben zu reduzieren oder Geld, Land oder Vieh als Mitgift zu erhalten, so Bill Chambers, Präsident der Hilfsorganisation Save the Children.

    "Ein wachsendes Gewaltrisiko und die zunehmende Gefahr für sexuelle Ausbeutung in Kombination mit größerer wirtschaftlicher Unsicherheit, die auch die Versorgung mit Lebensmitteln betrifft, bedeuten, dass viele Eltern meinen, kaum eine Alternative zu haben, als ihre jungen Töchter an ältere Männer zu verheiraten." Bill Chambers, Präsident der Hilfsorganisation Save the Children.

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