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Studie: Mehr Social Media, mehr Gaming, weniger Lernen | BR24

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Laut einer Studie der DAK ist der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen in 2020 deutlich gestiegen. Das Lernen ist dagegen weniger geworden.

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    Studie: Mehr Social Media, mehr Gaming, weniger Lernen

    Zu Weihnachten wurden viele Kinder wieder mit neuen Konsolen und Handys beschenkt - was macht das mit dem eh schon hohen Medienkonsum? Während des Lockdowns im April haben sie rekordverdächtig viel Zeit mit Sozialen Medien und Gaming verbracht.

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    Von
    • Doris Tromballa

    Kinder und Jugendliche in Deutschland haben während des ersten Corona-Lockdowns so viel Zeit wie noch nie auf Social-Media-Plattformen und mit digitalen Spielen verbracht. Das geht aus einer Studie der Krankenkasse "DAK-Gesundheit" zusammen mit Suchtexperten der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf hervor. Das Münchner ifo-Institut (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.) warnt darüber hinaus: Die Lernzeiten haben sich im gleichen Zeitraum halbiert.

    Für die DAK-Studie "Mediensucht 2020 – Gaming und Social Media in Zeiten von Corona" wurden 824 Elternteile bzw. Erziehungsberechtigte und jeweils ein zugehöriges Kind im Alter von 10 bis 18 Jahren nacheinander befragt – einmal im September 2019 und einmal im April 2020. Untersucht werden sollte die krankhafte Nutzung von Computerspielen und Social Media nach den neuen Kriterien der WHO.

    Im Internationalen Krankheitskatalog (IDC 11) ist unter der Kennzahl "6C51" die Sucht nach digitalen Spielen kategorisiert. Bisher wurde in Deutschland noch nicht untersucht, wie viele Kinder und Jugendliche davon betroffen sind, die DAK und die Hamburger Suchtforscher haben das jetzt genauer unter die Lupe genommen - auch in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.

    Social-Media-Nutzung und Gaming stark gestiegen

    Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass während des Lockdowns die Zeit, die Kinder und Jugendliche auf Social-Media-Plattformen verbracht haben, stark gestiegen ist: Im September 2019 waren es unter der Woche täglich 116 Minuten, im Lockdown im April 2020 wurden es 193 Minuten und sogar 241 Minuten am einem Tag am Wochenende. Da waren es bislang 185 Minuten.

    Ähnlich beim Gaming: Unter der Woche wurden letztes Jahr durchschnittlich 80 Minuten täglich, während des Lockdowns 139 Minuten gezockt, am Wochenende sogar 193 Minuten. Eine krankhafte Nutzung von digitalen Spielen stellten die Forscher bei fast 700.000 Kindern und Jugendlichen fest, ähnlich problematisch sind Social-Media-Aktivitäten: Dort waren rund 170.000 Jungen und Mädchen betroffen.

    Lernzeiten haben sich halbiert

    Die Zeit, die Kinder mit Schulaufgaben und Lernen verbringen, hat sich dagegen während des der Corona-Pandemie halbiert: von 7,4 auf 3,5 Stunden täglich. Das geht aus einer Umfrage des Münchner ifo-Instituts unter 1.099 Eltern in Deutschland hervor. 38 Prozent lernten sogar nur höchstens zwei Stunden am Tag.

    Der Untersuchung zufolge haben die Eltern aber versucht, ihre Kinder zusätzlich zu unterstützen: Während sie vor den Schulschließungen eine halbe Stunde gemeinsam mit dem Kind lernten, verdoppelten sie die gemeinsame Zeit auf eine Stunde am Tag. Ganz ohne Konflikte ist das offenbar nicht abgelaufen: 28 Prozent der Eltern berichteten, sie hätten sich viel öfter mit ihrem Kind gestritten.

    "Mama, darf ich das Tablet?"

    Dass es mehr Auseinandersetzungen gegeben habt, kann auch Christine Winnacker bestätigen. Sie ist Mutter von drei Kindern (Marius, 9; Helena, 7; und Arthur, 3) und freiberuflich tätig als Coach für berufstätige Eltern unter anderem bei der paritätischen Familienbildungsstätte München. "Der häufigste Satz, der bei uns im Frühjahr-Lockdown gesagt wurde, war 'Mama, darf ich das Tablet?' – elektronische Medien sind gerade hoch im Kurs."

    Marius spielt gern Minecraft und macht Filme mit dem Tablet, Helenas Herz schlägt für eine Teenager-Serie auf einem Streaming-Portal. Aber auch wenn sich in Deutschland einer Studie zufolge jedes 5. Kind ein eigenes Smartphone zu Weihnachten wünscht, gab es bei den Winnackers keine neuen Elektronik-Geräte unter dem Christbaum, denn die Entscheidung heißt: Es gibt Familiengeräte, und wer das Tablet haben will, muss fragen.

    "Da gibt es manchmal auch Verteilungskonflikte, sozusagen", meint Christine Winnacker. "Aber als Eltern muss man auch damit umgehen können, wenn die Kinder mal sauer sind." Bei ihren Medienerziehungskursen rät sie den Eltern: "Das Allerwichtigste ist, die Angebote, die die Kinder nutzen dürfen, müssen altersgerecht sein. Und: wir dürfen unsere Kinder nicht mit dem Medienkonsum alleine lassen, also einfach das Autoplay bei YouTube durchlaufen zu lassen, ohne dass wir wissen, was das Kind da anschaut."

    Wie viel ist zu viel?

    Wie lange Kinder Laptop, Smartphone und Tablet nutzen, hält Christine Winnacker für eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. "Es kommt mehr drauf an, was sie da machen, was sie anschauen, mit was sie sich auseinandersetzen." Marius und Helena legen das Tablet auch nach einer bestimmten Zeit selbst weg. "Sonst tun mir die Augen weh", sagt Helena. "Ich will dann auch mal wieder auf der Couch rumhüpfen oder mit einem Freund was spielen", erzählt Marius.

    Auch sollten Eltern sich keine Vorwürfe machen, wenn sie ihren Kindern ab und zu ans Tablet, Smartphone oder den Fernseher lassen, wenn sie selbst Ruhe brauchen oder im Home Office konzentriert arbeiten müssen. "Man darf sich ab und zu auch etwas Zeit erkaufen, das ist völlig in Ordnung, so lange es nicht regelmäßig ist und man seinen Kindern auch noch andere Angebote für die Freizeitgestaltung macht", sagt Christine Winnacker. Deswegen sitzen sie heute alle zusammen am Familientisch und spielen ein Kartenspiel, bei dem alle mitmachen können.

    Tipps vom Digitalcoach: Nachts alles aus

    "Wenn ich mich auf einen Tipp für Eltern beschränken müsste, was den Umgang mit digitalen Geräten betrifft, wäre es dieser: Nachts müssen die Geräte aus sein und aus dem Zimmer raus." Daniel Wolff aus dem oberbayerischen Wörthsee ist Digitaltrainer und gibt auch Kurse an Schulen. "Wenn Kinder nachts Handys oder Tablets im Zimmer haben, schlafen sie schlechter und kürzer, das schlägt sich auf ihre gesamte Entwicklung negativ nieder."

    Eltern rät er, sich mit den Apps zu beschäftigen, die ihre Kinder benutzen. "Installieren Sie zum Beispiel die Lieblingsapp ihrer Kinder auf Ihrem Gerät und lassen Sie sich erklären, was Ihr Kind daran so toll findet. Wir als Erwachsene sehen oder verstehen das meistens nicht, weil wir die Geräte nutzen, um Informationen zu suchen oder auszutauschen. Kinder sind da ganz anders. Sie wollen vor allem Langeweile vertreiben. Lassen Sie sich zeigen, was Ihr Kind so spannend an seiner Lieblingsapp findet, dann können Sie mit darüber reden und es besser nachvollziehen".

    Denn nur so sei eine gute Digitalerziehung möglich: "Ihr Kind muss immer das Gefühl haben, es kann mit allen Fragen zu Ihnen kommen, es kann sich immer an Sie wenden, weil es zu Ihnen Vertrauen hat." Denn was auf Online-Plattformen alles zu finden sei, könne Kinder und Jugendliche sehr verstören und traumatisieren. "Da brauchen die Kinder unseren Schutz und unsere Fürsorge. Lassen Sie den Faden der Kommunikation nie abreißen, auch wenn es manchmal für beide ein bisschen komisch ist, über diese Dinge zu reden, das legt sich."

    Schulschließungen und Mediensucht – gibt es einen Zusammenhang?

    Nachdem im Frühjahr 2020 die Schulen und Kindertagesstätten schließen mussten, entbrannte eine heiße Diskussion über die Folgen: Kinder mit weniger Sozialkontakten, weniger Bildungsunterstützung, jetzt noch mehr Gaming und Social Media? Ob die Mediensucht durch Schulschließungen und eingeschränkte Freizeitaktivitäten tatsächlich wächst, soll die DAK-Längsschnittstudie in einer abschließenden Befragung der teilnehmenden Familien im Frühjahr 2021 zeigen.

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