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Stromerzeugung aus Biogas steht seit langem in der Kritik. Denn um die Anlagen zu betreiben, wurden großflächig Mais-Monokulturen angebaut. Der Branchen-Trend geht deshalb zu Gas und CO2-neutralem Kerosin aus Bioabfällen und Gülle.

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Mit Energie aus Biogasanlagen in den Urlaub fliegen

Stromerzeugung aus Biogas steht seit langem in der Kritik. Denn um die Anlagen zu betreiben, wurden großflächig Mais-Monokulturen angebaut. Der Branchen-Trend geht deshalb zu Gas und CO2-neutralem Kerosin aus Bioabfällen und Gülle.

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Florian KienastFlorian Kienast
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Die Zeiten des Booms sind in der Biogas-Branche eindeutig vorbei. In Bayern sind im vergangenen Jahr gerade einmal 34 neue Anlagen ans Netz gegangen, vier wurden stillgelegt. Zu Spitzenzeiten vor gut zehn Jahren waren es pro Jahr bis zu über 350 Anlagen, die gebaut wurden – alles im Namen der Energiewende. Insgesamt verfügt Bayern heute über 2.588 Biogasanlagen. Bundesweit Spitze. Zum Vergleich: An zweiter Stelle bei den Bundesländern steht Niedersachsen mit 1.709 Anlagen.

Biogasanlagen und die Vermaisung der Landschaft

Einer der wichtigsten Kritikpunkte an den Biogasanlagen: Um sie zu betreiben, ist der Anbau von Silage-Mais in den vergangenen 20 Jahren extrem angestiegen. Die Folge: Monokultur, Bodenerosion, Verlust von Artenvielfalt, so die Kritiker.

Der Maisanbau für Biogas beansprucht in Deutschland eine Million Hektar Land. Dagegen brauchen Wind- und Photovoltaikanlagen für die gleiche Strommenge nur einen Bruchteil der ohnehin schon knappen Flächen.

Gülle statt Mais-Monokultur

Statt extra Energiepflanzen wie Mais anzubauen, sollten Biogasanlagen Energie aus Gülle gewinnen. Das fordert etwa das Umweltbundesamt. Das hätte zwei positive Effekte: Erstens würde Ackerfläche nicht für Stromerzeugung verwendet werden. Und zweitens: Das Methan, das bei der Lagerung von Gülle austritt und das Klima belastet, würde zur Energieerzeugung verwendet werden. Die Nährstoffe in der Gülle blieben nach dem Gärprozess weiter verfügbar und könnten ohne Weiteres zum Düngen auf den Feldern ausgebracht werden. Allerdings kann aus Gülle weniger Energie herausgeholt werden als aus der gleichen Menge von Mais.

Güllekleinanlagen – Weniger Strom, mehr Klimaschutz

Tatsächlich geht der Fachverband Biogas für das laufende Jahr davon aus, dass vor allem noch sogenannte Güllekleinanlagen neu gebaut werden. Diese erhalten nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz auch weiterhin eine besondere Förderung.

Und hier gibt es auch noch großes Potential. Laut einer Studie des Deutschen Biomasseforschungszentrums fallen in Deutschland jedes Jahr 150 bis 190 Millionen Tonnen Wirtschaftsdünger an – sprich Rinderfestmist, Rindergülle, Rinderjauche, Schweinefestmist und Schweinegülle. Davon werden aber nur rund 50 Millionen Tonnen für Biogas und Biomethan genutzt. Würde die gesamte Menge an Gülle so genutzt werden, könnten so jedes Jahr bis zu zehn Millionen Tonnen CO2-Äquivalent eingespart werden. Positiver Effekt für die Landwirtschaft: Durch die zusätzliche Güllevergärung könnten etwa 34 Prozent der im Klimaschutzplan festgeschriebenen Klimaschutzziele für die Landwirtschaft erreicht werden.

Das Problem ist der Gärrest

Allerdings hat das Umweltbundesamt auch bei den Gülle-Biogasanlagen zwei Problemfelder identifiziert. Das eine betrifft mögliche Antibiotika-Resistenzen: Wenn in einer Biogasanlage die Gülle aus verschiedenen Ställen zusammengemischt wird, kommen möglicherweise auch unterschiedliche Antibiotika-Rückstände zusammen. Nach dem Gärprozess landen dann diese multiresistenten Erreger mit den Gärresten als Dünger auf den Feldern und gelangen so in die Umwelt.

Und als zweites muss rechtlich genau geklärt werden, wer wo wie viele Gärreste ausbringt, um eine Überdüngung und einen Nitratanstieg im Grundwasser zu vermeiden.

Gas statt Strom

Unabhängig davon, ob Mais oder Gülle in den Anlagen landet, sehen sowohl der Fachverband Biogas als auch das Umweltbundesamt die Zukunft der Biogasanlagen immer weniger in der Stromerzeugung. Statt das Methan, das beim Gärprozess in den Anlagen entsteht, für die Stromerzeugung zu verbrennen, soll es aufbereitet und in das Erdgasnetz eingespeist werden. Auf diesem Weg könnte die Energie aus den Anlagen besser gespeichert und noch flexibler eingesetzt werden.

CO2-neutrales Kerosin für Flugzeuge

Weiteres Potential für die Biogasanlagen bietet der Flugverkehr. Ab dem Jahr 2026 gibt es eine staatliche Quote für die Beimischung von CO2-neutralem Kerosin. Um dieses herzustellen, braucht es unter anderem Kohlendioxid, und das fällt bei Biogasanlagen an. Zusammen mit grünem Wasserstoff kann daraus in chemischen Prozessen Kerosin entstehen. Erst vergangene Woche ist in Niedersachsen die erste Produktionsanlage eröffnet worden.

Mehr Strom aus Biogas als aus Photovoltaik

Trotzdem sind Biogasanlagen heute immer noch ein ein wichtiger Bestandteil des deutschen Strommixes. Immerhin 5,5 Prozent der deutschen Stromerzeugung stammte im Jahr 2020 aus Biogas. Zum Vergleich: Photovoltaik kam auf einen Anteil von 4,8 Prozent, die Atomenergie auf 11,6 Prozent.

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Biogasanlagen galten als wichtiger Beitrag zur Energiewende. In keinem anderen Bundesland gibt es so viele Anlagen wie in Bayern. Inzwischen aber gibt es Kritik: Denn um Biogasanlagen zu betreiben, wird vermehrt Mais angebaut.

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