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Streit um Nitratmessstellen – stimmen die Messungen? | BR24

© dpa-Bildfunk/Philipp Schulze

Laut der neuen Düngeverordnung sollen Bauen weniger Gülle auf den Feldern anbringen und so die Nitratbelastung im Grundwasser gesenkt werden.

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    Streit um Nitratmessstellen – stimmen die Messungen?

    Durch die neue Düngeverordnung soll die Nitratbelastung im Grundwasser reduziert werden. Viele Landwirte zweifeln aber an, dass die amtlichen Messungen der Nitratwerte überhaupt korrekt sind. Was ist an diesen Vorwürfen dran?

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    Mit großen Protesten landauf, landab drängen die Bauern in Bayern und Deutschland seit Wochen auf die politische Agenda. Einer der wichtigsten Gründe für ihren Zorn: Die geplante neue Düngeverordnung. Danach dürfen Landwirte künftig vielfach weniger Gülle auf die Felder ausbringen. So soll die Nitratbelastung im Grundwasser gesenkt werden. Viele Landwirte zweifeln aber an, dass die amtlichen Messungen der Nitratwerte überhaupt korrekt sind. Was ist an diesen Vorwürfen dran? Was wird behauptet und wie sind die Fakten?

    Behauptung: Deutschland messe anders als andere EU-Länder nicht repräsentativ, wie die Belastung mit Nitrat über die Fläche verteilt ist. Stattdessen melde die Bundesrepublik absichtlich nur besonders belastete Messstellen an die EU. Deshalb sei es kein Wunder, wenn Deutschland als Nitratsünder dastehe. Außerdem messe Deutschland nur an besonders wenigen Stellen.

    Tatsächlich hat Deutschland früher mit einem so genannten "Belastungsmessnetz" gearbeitet. Die Idee dahinter war, die am stärksten mit Nitrat belasteten Grundwasservorkommen zu beobachten, weil hier das Problem am größten ist. Ein Nebeneffekt, der für Deutschland hätte günstig ausfallen können: Wo die Belastung des Grundwassers am höchsten ist, könnte es am leichtesten sein, sie mit geeigneten Maßnahmen wieder zu senken. Und darauf zielt die EU-Richtlinie ab: der Trend muss stimmen, die Nitratbelastung sinken.

    Mehr Messstellen, gleiche Nitratwerte

    Allerdings hat die EU selbst 2012 die deutsche Messphilosophie gerügt und forderte mehr Messpunkte, um die Nitratbelastung des Grundwassers durch die Landwirtschaft repräsentativer abzubilden. Für den letzten Nitratbericht von 2016 wurde das deutsche Messnetz deshalb stark ausgeweitet. In Bayern hat sich die Zahl der EU-Nitratmessstellen von 34 auf 134 etwa vervierfacht. Das Ergebnis blieb jedoch das gleiche: Die Nitratbelastung stagniert, es ist kein positiver Trend erkennbar. Deshalb fordert die EU weitere Maßnahmen. (Quellen: Landesamt für Umwelt, Umweltbundesamt)

    Behauptung: Deutschland messe die Nitratbelastung des Grundwassers nur in geringer Tiefe, andere Länder würden auch Tiefengrundwasser-Messstellen an die EU melden und könnten dadurch eine geringere Belastung dokumentieren.

    Die EU verlangt in ihrer Richtlinie, dass die Mitgliedsstaaten mit ihren Messungen den Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Nitratbelastung dokumentieren. Bei der Ausgestaltung des Messnetzes macht sie keine genauen Vorgaben, deshalb sind die Resultate aus unterschiedlichen Ländern nicht direkt miteinander vergleichbar. Es geht jedoch auch nicht um den Anteil der gemeldeten Messpunkte, die den Schwellenwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter überschreiten, sondern um die Tendenz: Bessert sich im Lauf der Jahre die Nitratsituation an den kritischen Messpunkten? Sonst braucht es zusätzliche Maßnahmen wie Düngeverbote.

    Tendenz in geringer Tiefe messen

    Will man dokumentieren, ob Änderungen in der Landnutzung Erfolge bei der Nitratbelastung bringen, muss man in der obersten Grundwasserschicht messen – denn hier zeigen sich die Veränderungen zuerst. Allerdings dauert es auch hier unter günstigsten Bedingungen (Sandböden) drei bis fünf Jahre, bis Erfolge messbar werden. In felsigem Mittelgebirgsboden kann es zehn bis 50 Jahre oder auch länger dauern, bis eine geänderte Landbewirtschaftung im Grundwasser messbar wird. (Quelle: Umweltbundesamt)

    Behauptung: Warum wartet man mit der weiteren Verschärfung der Düngeverordnung nicht, bis man Erfolge der letzten Novelle von 2017 messen kann?

    Bis Erfolge bei der Nitratreduzierung im Grundwasser messbar werden, dauert es lange. Deutschland ließ jedoch bereits Fristen verstreichen, die EU leitete ein Vertragsverletzungsverfahren ein. Der Europäische Gerichtshof entschied, dass Deutschland gegen die Nitratrichtlinie verstößt, weil die Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Verschmutzung des Grundwassers nicht ausreichen. Die EU-Kommission rügte, dass auch die Düngeverordnung von 2017 dem Urteil nicht gerecht wird.

    Fristen verstrichen, noch strengere EU-Regeln drohen

    Wenn Deutschland jetzt nichts unternimmt, werden ab Mitte des Jahres Strafzahlungen von bis zu 800.000 Euro täglich fällig. Außerdem würde die EU dann direkt die Regeln für die Düngung in Deutschland vorgeben. Sie würden dann absehbar deutlich strenger ausfallen als die jetzt in Deutschland diskutierte neue Düngeverordnung. Zeit zum Abwarten gibt es laut Bundeslandwirtschaftsministerium nicht mehr: "Es wäre besser gewesen, die Düngeproblematik wäre schon vor Jahren abgeräumt worden", so eine Sprecherin. (Quelle: Umweltbundesamt, Bundeslandwirtschaftsministerium)

    Behauptung: Weil Deutschland sich bei den Nitratmessungen ungeschickt angestellt habe, bekämen deutsche Bauern jetzt von der EU strengere Auflagen als Landwirte in anderen Ländern.

    Deutschland steht nicht allein am Pranger: Wegen Verletzung der Nitratrichtlinie hat die EU gegen insgesamt 14 Staaten Verfahren eingeleitet, zum Teil sogar mehrere: Deutschland (zweimal), Irland, Belgien (zweimal), Luxemburg (zweimal), Österreich, Spanien (zweimal), Großbritannien, Italien (dreimal), Polen, Frankreich, Slowakei, Bulgarien, Lettland und Estland.

    Strengere Regeln in Dänemark und Niederlanden

    Und Deutschlands Bauern sind nicht die einzigen, die sich zum Schutz des Grundwassers beim Düngen einschränken müssen: In Dänemark und den Niederlanden etwa gelten bereits strengere Auflagen für Landwirte. (Quelle: EU-Kommission, Landwirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern, Nederlandse Omroep Stichting NOS)

    Behauptung: Nitratverschmutzung werde teilweise der Landwirtschaft angelastet, obwohl Messstellen nicht inmitten von Feldern liegen.

    Grundwasservorkommen sind sehr unterschiedlich – je nach Größe, Tiefe, Fließrichtung, Fließgeschwindigkeit. Welche Einflüsse man an einer Messstelle erkennen kann, hängt davon ab, wie der Anstrombereich des Grundwassers an der betreffenden Stelle ist. Es kann bei der entsprechenden Geologie und Grundwasserströmung durchaus sein, dass man mit einem Messpunkt im Wald Nitrat von Feldern messen kann, so das Umweltbundesamt.

    Messpunkte überprüft: Vorwürfe überwiegend unberechtigt

    Das Bayerische Landesamt für Umwelt sagt zu, bei Kritik von vor Ort Messpunkte einzeln zu überprüfen, dieser Prozess laufe bereits. Man habe bisher festgestellt, dass im weit überwiegenden Teil die Vorwürfe unberechtigt gewesen seien. Wo es jedoch Anlass gebe, habe man schon Messstellen überarbeitet und werde das auch weiter tun.

    Behauptung: Bayern weise "rote Gebiete", in denen verschärfte Düngebeschränkungen gelten, zu großzügig aus, auch weitab von Messpunkten mit erhöhter Nitratbelastung.

    In Bayern wird bei einer festgestellten Überschreitung des Nitrat-Schwellenwerts jeweils der ganze zusammenhängende Grundwasserkörper als "rotes Gebiet“"ausgewiesen. Damit gibt der Freistaat dem Grundwasserschutz tatsächlich eine höhere Priorität als andere Bundesländer. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg etwa weisen bei überhöhten Nitratwerten kleinteiliger nur Gebiete um die Messstellen als "rotes Gebiet" aus. (Quelle: Umweltbundesamt)

    Das Bayerische Landesamt für Umwelt geht davon aus, dass die "roten Gebiete" im Freistaat prinzipiell richtig ausgewiesen sind. An den Rändern könnten sich jedoch noch Anpassungen ergeben, wenn wie angekündigt nun an mehr Stellen Nitratwerte gemessen werden.