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So sehr schaden Zigarettenstummel der Umwelt tatsächlich | BR24

© Carsten Rehder/dpa/picture alliance

Achtlos weggeworfene Zigarettenkippen werden zunehmend zur Umweltbelastung.

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    So sehr schaden Zigarettenstummel der Umwelt tatsächlich

    Sie gehören zum alltäglichen Bild in Städten, an Stränden und auf Grünflächen: Zigarettenstummel. Wie hoch ihr Schaden in der Natur tatsächlich ist, wissen jedoch die wenigsten - und ebenso wenig, dass für das "Wegschnippen" ein Bußgeld droht.

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    Am 19. September fand der dritte "World Cleanup Day" statt. Engagierte auf der ganzen Welt gingen an diesem Tag durch ihre Dörfer und Städte und sammelten Müll auf. Was führte wohl am Ende die "Hitliste" der am häufigsten weggeworfenen Abfallprodukte an? Die Zigarettenkippe! Sie landete auf Platz eins.

    Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verschmutzen pro Jahr etwa 4,5 Billionen Kippenstummel den Planeten, das sind zwischen 340 und 680 Millionen Kilogramm Kippenmüll – und damit eine Menge Schadstoffe, die in die Umwelt gelangen.

    Hunderte giftige Substanzen in einer Zigarettenkippe

    In Zigarettenstummeln sammeln sich giftige Substanzen wie Arsen, Blei, Kupfer, Chrom, Kadmium, Formaldehyd, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Nikotin, dazu kommt der Kunststoff Celluloseacetat.

    Das ergibt eine erhebliche Umweltbelastung durch Chemikalien und Mikroplastik. Abhängig von den vorherrschenden Bedingungen kann es 15 Jahre und länger dauern, bis eine Kippe abgebaut ist. In einem heißen Milieu zersetzt sie sich schneller, in Salzwasser dauert es länger.

    Kippenmüll als Umweltbelastung im Meer

    Der Kippenmüll ist aber nicht nur ein Problem an Land, sondern auch im Meer. Eine einzige Kippe verseucht 60 Liter Wasser. Schon ein Stummel pro Liter Wasser würde Fische töten, warnten Wissenschaftler der San Diego State University im Jahr 2011.

    Die Hälfte der Fische verendete, wenn die Forscher die Tiere vier Tage lang in Wasser hielten, in dem zuvor einen Tag lang eine Kippe pro Liter geschwommen war. Die Stummel können von Meerestieren auch verschluckt werden, oft mit tödlichen Folgen. Das Mikroplastik der Filter wurde sogar schon in der Arktis gefunden.

    Zigarettenstummel wegschnippen kostet Bußgeld

    Deshalb ist es eigentlich verboten, sie einfach wegzuschnippen. "Das Wegwerfen von Abfällen in der freien Natur oder in Städten, Gemeinden und auf Straßen ist sowohl nach deutschem als auch nach bayerischem Abfallrecht verboten", heißt es von Seiten der Bayerischen Staatsregierung. "Verstöße stellen eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit einer Geldbuße geahndet werden können." Das können 20 bis 200 Euro sein, jede Gemeinde legt das selbst fest. Aber wer weiß davon, und wer hält sich ans "Kippenschnipp-Verbot"?

    Problematik ist vielen nicht bewusst

    In Rosenheim hatten sich Bürger bei der Stadtverwaltung über den Kippenmüll im historischen Zentrum beklagt. Oliver Horner vom Ordnungsamt startete deshalb Anfang des Jahres eine Aufklärungskampagne am Stadtplatz.

    Die Mitarbeiter des städtischen Ordnungsdienstes gingen auf Raucher und Raucherinnen zu und versuchten, mit ihnen über das Thema zu sprechen. "Den meisten war die Problematik gar nicht bewusst", meint Horner. "Aber die meisten waren einsichtig und dankbar für die Aufklärung." Die Aktion soll deswegen auf jeden Fall wiederholt werden.

    Challenge: Gemeinsam Kippen aufheben

    Was es bedeutet, wenn Kippen achtlos weggeworfen werden, hat auch der Künstler und Aktivist Alex Ciocea bei einer Kippensammelaktion in Nürnberg erlebt: "Man denkt, das ist nicht so viel, aber wenn man genauer hinschaut, in den ganzen Rillen, die verteilen sich. Und man wird Eimer voll finden."

    Viele denken, das könnte doch die Stadtreinigung erledigen – aber Oliver Horner vom Ordnungsamt Rosenheim gibt zu bedenken, dass an historischen Plätzen mit Kopfsteinpflaster oder in Grünanlagen mühsam von Hand gereinigt werden muss. Das sei nicht zu schaffen bei der Menge.

    Ciocea hat deshalb auf seinen Social-Media-Kanälen zum Aufsammeln aufgerufen – unter dem Hashtag "100Kippen-Challenge". Dafür brauche es gar nicht lange – "100 Stück, an Plätzen wie dem Plärrer in Nürnberg, hast du [das] in drei Minuten", erzählt er. In drei Monaten sammelte Ciocea so über 40.000 Zigarettenstummel.

    Student startet Petition für Kippenpfand

    Der Erdinger Student Christoph Dünhuber hat zusammen mit Gleichgesinnten eine Petition für ein Kippen-Pfand aufgesetzt. Pro Zigarette 20 Cent Pfand, die es dann zurückgibt, wenn der Stummel wieder abgegeben wird.

    Eine besondere Markierung solle dafür sorgen, dass Betrug fast unmöglich werde, wie beim Pfandflaschensystem. "Wer fair zur Umwelt ist, der bekommt sein Geld wieder", fasst Dünhuber die Idee zusammen. Schon 70.000 Menschen haben die Petition unterschrieben. Es gab aber auch wütende Reaktionen auf seinen Vorschlag. "Das muss man aber aushalten, wenn man was verändern will", meint er.

    EU-Richtlinie soll auch Hersteller in die Pflicht nehmen

    Nächstes Jahr soll es EU-weit eine Veränderung geben: Zigarettenfilter fallen nämlich unter die EU-Richtlinie 2019/904 zur Verringerung der Auswirkungen bestimmter Kunststoffprodukte auf die Umwelt (Single-use plastics directive, SUPD). Denn sie gehören zu den sogenannten "Top 10 Litter Items" an europäischen Stränden – also zu den zehn am häufigsten gefundenen "Müllobjekten".

    Als Maßnahmen müssen die EU-Länder für Tabakprodukte mit Filter sowie Filter, die zur Verwendung in Kombination mit Tabakprodukten vertrieben werden, bis Juli 2021 Kennzeichnungsvorschriften, eine erweiterte Herstellerverantwortung und Sensibilisierungsmaßnahmen umsetzen. Das bedeutet auch, dass die Hersteller sich an den Kosten für Aufklärungsarbeit und Reinigungsmaßnahmen beteiligen müssen.

    Kippenrecycling – aufwändig, aber möglich

    Die Kippen könnten sogar recycelt werden – das ist aufwändig, aber eine Münchner Umweltinitiative hat aus gesammelten Stummeln sogar schon ein Surfbrett gefertigt.

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