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Skalpell statt Hammer: Was man gegen Corona anders machen sollte | BR24

© dpa-Bildfunk

Hinter Kameraleuten ist ein Werbeplakat mit Schauspielerin und Moderatorin Janine Kunze und der Aufschrift: "Am 11.11. feiere ich nicht" zu sehen

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    Skalpell statt Hammer: Was man gegen Corona anders machen sollte

    Seit März kämpft quasi die ganze Welt mit verschiedenen Maßnahmen gegen Corona. Was hilft? Ein internationales Wissenschaftlerteam rund um den Complexity Science Hub Vienna versucht, genau diese Frage zu beantworten.

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    Das Interview mit Peter Klimek führte Dominic Possoch für das Erklärformat "Possoch klärt" von BR24.

    Angesichts steigender Corona-Fallzahlen mehren sich hierzulande die Rufe nach schärferen Auflagen. Was hilft uns eigentlich, gut durch den Corona-Winter zu kommen? Eine Antwort auf diese drängende Frage könnte die aktuelle Studie eines internationalen Wissenschaftsteams rund um den Complexity Science Hub Vienna geben.

    Die Forscher haben für ihre Untersuchung 6.068 Maßnahmen aus 79 Regionen weltweit in der ersten Corona-Welle genauer untersucht. Daraus haben sie dann abgeleitet, welche Maßnahmen wirk(t)en und welche nicht. Die Studie wurde am 16. November 2020 in der Fachzeitschrift nature human behaviour veröffentlicht.

    Die wirksamste Maßnahme: Treffen in kleinen Gruppen vermeiden

    Sich mit weniger Menschen in kleinen Gruppen zu treffen, ist laut den Forschern die wirksamste Maßnahme. "Bei dieser Maßnahme quantifizieren wir Maßnahmen von 50 Personen oder weniger. Da fällt die Gastronomie drunter, aber auch Beherbungsbetriebe, nicht-kritische Geschäfte, aber auch Einschränkungen für Familienfeiern, Geburtstagsfeiern, Begräbnisse", erklärt Studienleiter Peter Klimek.

    Auch Zusammenkünfte größerer Gruppen mit mehr als 50 Personen haben die Forscher analysiert. Allerdings zeigte sich, dass diese Maßnahme nicht ganz so wirksam war wie die Einschränkung kleinerer Gruppen. Größere Gruppentreffen zu verringern landete als Maßnahme in der Wirksamkeit auf Platz 7. Eine mögliche Erklärung: hier spielen auch Belüftungskonzepte sowie die größere Distanz der Menschen untereinander als im privaten Bereich, eine wichtige Rolle im Infektionsgeschehen.

    Klimek kritisiert: "Es wird häufig so getan in der medialen Berichterstattung, als müssten wir nur das Contact Tracing verbessern, als müssten wir nur das Testen verbessern, als müssten wir nur Abstand halten und Masken tragen und dann könnten wir die Pandemie kontrollieren. Keine Maßnahme liefert allein einen so starken Beitrag, dass sie zur Kontrolle ausreicht. Es ist eine Kombination, ein Mix von Maßnahmen notwendig, um die effektive Reproduktionszahl unter die Zahl von eins zu bringen."

    Ein frühzeitiger Mix aus Corona-Maßnahmen hilft

    Die meisten Maßnahmen würden am besten wirken, wenn sie möglich früh gesetzt werden. Das zeige die Studie deutlich, so der Komplexitätsforscher Klimek. Schulen könnten zum Beispiel offen bleiben, wenn früh die allgemeine Mobilität heruntergefahren und private Feiern auf ein Minimum reduziert werden.

    Geschieht dies nicht, dann haben alle drei Maßnahmen – Schulschließungen, Bewegungseinschränkungen, Verbot von Feiern – drei Wochen später denselben Effekt. Sind nur eben ungleich einschränkender, weil alle gleichzeitig stattfinden müssen.

    Schulen rücken in den Fokus

    Flächendeckende Schulschließungen sollen hierzulande vermieden werden. Hierzu haben die Forscher eine interessante Beobachtung gemacht: Schule ist nämlich nicht gleich Schule. "Die höchsten Reduktionen sehen wir in den älteren Schulstufen", erklärt Klimek. Das deckt sich mit anderen Beobachtungen aus Contract Tracing Studien, dass ältere Kinder und junge Erwachsene wesentlich mehr am Infektionsgeschehen teilhaben als kleinere Kinder.

    Weiterführende Schulen, also Gymnasien, Haupt- bzw. Mittelschulen, Realschulen, Fachhochschulen oder Universitäten dicht zu machen, würde etwas mehr bringen als Grundschulen und Kindergärten zu schließen. Doch, und das ist ein sehr wichtiger Punkt: Die Studie kann vom Design her nicht unterscheiden zwischen direktem und indirektem Effekt einer Maßnahme.

    Denn man könne als Gesellschaft nicht die Schulen herunterfahren, ohne auch andere Bereiche zu verändern. Schließlich würden die Eltern, deren Kinder bei geschlossenen Schulen zu Hause blieben, um die Kinder zu betreuen, dann nicht mehr in die Arbeit fahren, und deutlich weniger soziale Kontakte treffen.

    Präventionskonzepte statt Schulschließungen

    "Die Wirksamkeit einer Maßnahme isoliert von allen anderen Maßnahmen zu sehen, das gebe es doch gar nicht", erklärt Klimek. Der zweifache Vater fügt hinzu: "Bevor man etwas zusperrt, muss man über Präventionskonzepte reden. Gestaffelter Unterrichtsbeginn, Ausdünnen der Klassen, aber auch wenn Infektionszahlen steigen, über Screeningprogramme für Lehrer nachzudenken, all das sind Dinge, die wir möglichst schnell anstoßen müssten."

    November-Lockdown und wie geht es weiter?

    Laut der Studie landen harte nationale Lockdowns auf Platz sechs. Doch diese benötigt es nicht zwingend, um das Virus in Schach zu halten. "Wir sehen in der zweiten Welle bereits, dass die Länder viel differenzierter darin vorgehen, wie sie ihre nationalen Lockdowns gestalten". Noch besser wäre es, so Klimek, man würde die Maßnahmen frühzeitiger setzen.

    "Wir können um einen harten Lockdown herumkommen, wenn wir gewillt sind, möglichst früh zu handeln und möglichst gezielt. Anstatt eines Hammers der ersten Welle brauchen wir jetzt ein Skalpell." Komplexitätsforscher Peter Klimek

    Die Wiener Studie ist ermutigend. "Aber sie ist zugleich auch eine Handlungsaufforderung an die Politik, stärkere Maßnahmen frühzeitig als Prävention zu sehen", betont Klimek.

    © BR24

    Covid-19: Wirksamkeit von Maßnahmen

    © Zita Koever

    Peter Klimek von der Medizinischen Universität Wien hat in einer Studie Tausende Corona-Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit hin untersucht.

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