Zurück zur Startseite
Wissen
Zurück zur Startseite
Wissen

Sinnvoller Einsatz von Antibiotika | BR24

© Screenshot BR

Antibiotika

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Sinnvoller Einsatz von Antibiotika

Antibiotika sind lebenswichtige Medikamente im Kampf gegen gefährliche Krankheiten. Aber die Wirkung lässt nach: Multiresistente Erreger sind auf dem Vormarsch. Denn Antibiotika werden immer noch zu oft, zu lange und zu unspezifisch eingesetzt.

Per Mail sharen
Teilen

Wie sieht ein sinnvoller Einsatz der Medikamente aus und welche Fehler werden immer noch gemacht? Der aktuelle Einsatz von Antibiotika führt nicht nur zu Resistenzbildung, sondern belastet auch den menschlichen Organismus und die Umwelt. Aber: Es gibt neue Regeln und die Forderung nach einem sorgsameren Umgang.

Auch immer mehr Kliniken und niedergelassene Ärzte erkennen das Problem. An der LMU München gibt es deswegen extra eine Stabstelle: Den "Antibiotic Steward Ship" – kurz ABS. Experten beraten hier Ärzte im Umgang mit Antibiotika. Konkrete Maßnahmen sollen für einen sinnvolleren Einsatz sorgen.

Weltweiter Gebrauch nimmt immer weiter zu

Laut einer neuen Studie ist der weltweite Verbrauch von Antibiotika in 15 Jahren um 65 Prozent gestiegen. Das Fatale: Nach Schätzungen der Krankenkassen ist hierzulande jede dritte Verschreibung von Antibiotika überflüssig. Antibiotika werden also immer noch zu oft, zu lange und zu unspezifisch verschrieben. Immer mehr Experten schlagen deshalb Alarm:

"Derzeit haben wir schon eine beängstigende Situation: Weltweit und auch in Deutschland nehmen bakterielle Resistenzen zu. Und es werden kaum neue Antibiotika zugelassen. Hier kommt unser Team ins Spiel. Wir sorgen hier im Klinikum dafür, dass seltener Antibiotika gegeben werden, dass sie kürzer gegeben werden und dass auch eine maßgeschneiderte Therapie stattfindet." Prof. Dr. med. Rika Draenert, Infektiologin, Klinikum der Universität München

Auch der HNO-Arzt Dr. Jund ist ein ABS-Experte, der dem sorglosen Antibiotika-Einsatz sehr kritisch gegenübersteht.

"Das große Problem entsteht bei den niedergelassenen Ärzten, die für 85 Prozent des Antibiotika-Verbrauches in Deutschland verantwortlich sind. Und wir verschreiben Antibiotika für banale obere Atemwegsinfektionen: Husten, Schnupfen, Heiserkeit wo diese Substanzen in den meisten Fällen sinnlos sind. Das Problem ist, wir haben sie dann nicht mehr zur Verfügung bei komplexen Infektionen und es entstehen Resistenzen und Schäden für unsere Umwelt." Dr. med. Rainer Jund, HNO-Arzt, Puchheim

Die meisten Antibiotika werden von den niedergelassenen Ärzten verschrieben -  vor allem von den Hausärzten. Und obwohl in neun von zehn Infekten der Atemwege ein Virus schuld ist, werden auch hier massenweise Antibiotika verschrieben.

Wann sind Antibiotika überhaupt sinnvoll?

Auch Corinna Berger hat jahrelang immer wieder Antibiotika genommen. Schuld waren ihre Mandeln. Bis zu fünf Mal im Jahr nimmt sie Antibiotika. Das ändert sich erst, als sie zu Dr. Jund kommt. Der HNO-Arzt verschreibt Antibiotika nicht einfach "zur Sicherheit" oder "auf Verdacht" sondern nur, wenn es absolut nötig ist.

Das wichtigste Werkzeug ist für ihn die Kommunikation: Das fängt bei der Diagnose an. Er nimmt sich Zeit, stellt Fragen und schaut den Patienten nicht nur in den Hals.

"Es muss im Einzelfall unterschieden werden, ob eine bakterielle oder eine virale Infektion vorliegt. Alleine das Vorliegen von Eiterstäbchen auf den Mandeln oder eine gerötete Halsschleimhaut oder die Farbe des Sekretes sind nicht beweisend für das Vorliegen eines bakteriellen Infektes, auch wenn Patienten das immer wieder glauben. All das kann auch für eine virale Infektion sprechen." Dr. med. Rainer Jund, HNO-Arzt, Puchheim

Ist das der Fall, hilft kein Antibiotikum. Corinna Berger nimmt dann zur Linderung mehrmals täglich ein entzündungshemmendes Schmerzmittel, trinkt viel und kuriert sich aus. Außerdem lutscht sie schmerzlindernde Pastillen und macht sich Halswickel.

Besteht aber tatsächlich der Verdacht auf einen bakteriellen Infekt mit Fieber, starken Schmerzen, sehr schlechtem Allgemeinzustand und vor allem einseitigen Beschwerden, dann macht Rainer Jund einen Abstrich. Auch ein Streptokokken-Schnelltest kann sinnvoll sein. Allerdings weisen Experten darauf hin, dass viele Menschen natürlicherweise mit Streptokokken besiedelt sind. Allein das Vorliegen dieser Keime rechtfertigt also noch keine Antibiotikatherapie.

Ob tatsächlich ein bakterieller Infekt vorliegt, kann nicht auf die Schnelle erkannt werden. Eine gründliche Diagnostik und viel Erfahrung sind notwendig.

Maßgeschneiderte Therapie

Dank eines Abstrichs, der keine Selbstverständlichkeit ist, bekommt der Patient ein passgenaues Mittel. Das Antibiotikum wirkt dann zielgerichtet gegen den Erreger, ähnlich wie beim Schlüssel-Schloss-Prinzip. Das klingt banal, ist es aber nicht, denn immer noch werden viel zu viele Breitbandantibiotika eingesetzt.

Experten warnen davor, angebrochene Antibiotika einfach später bei einem anderen Infekt wieder zu nehmen oder sie jemand anderem zu geben, der einen ähnlich aussehenden Infekt hat. Ein Antibiotikum gehört auch nicht in eine Hausapotheke, wo es bei Bedarf ohne Arztbesuch einfach genommen wird. Jede Antibiotika-Behandlung erfordert medizinische Untersuchung und eine sorgfältige Abwägung.

Neue Regeln für die Dauer der Einnahme

Früher hieß es: Das Antibiotikum sollte so lange wie möglich genommen werden. Heute lautet die Empfehlung: So lange wie nötig – so kurz wie möglich. Studien zeigen, dass bei bestimmten Infektionen eine kürzere Einnahmezeit genauso wirksam ist wie eine längere. Eine einfache Faustregel lässt sich daraus aber nicht ableiten. Wie lange das Antibiotikum genommen werden muss, hängt von vielen Faktoren ab – etwa vom Erregertyp oder vom Verlauf der Krankheit. All das muss der Arzt entscheiden.

Nebenwirkungen von Antibiotika

Neben den bekannten Nebenwirkungen wie Hautausschlag oder Durchfall haben Antibiotika einen starken Einfluss auf unser Mikrobiom. Das Mikrobiom bezeichnet, vereinfacht gesagt, alle Mikroorganismen, die den Menschen besiedeln. Studien zeigen, dass das Mikrobiom vor allem im Darm Monate bis Jahre brauchen kann, um sich vollständig zu erholen. Besonders Breitbandantibiotika, die auch viele nützliche Bakterien zerstören, haben negative Auswirkungen. Neueste Studien konnten sogar zeigen, dass einige gute - empfindliche - Bakterienarten dauerhaft verschwunden bleiben.

Gerät das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht, drohen wiederum Infektionen und andere Erkrankungen. Die genauen Wechselwirkungen sind derzeit noch nicht erforscht. Fest steht: Antibiotika kann nicht nur zu Resistenzen führen, es beeinflusst immer auch den gesamten Organismus und hat negative Auswirkungen auf die Umwelt.

© BR

Sinnvoller Einsatz von Antibiotika