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Die Pandemie fordert die Seele heraus

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    Seuche frisst Seele - Die Psyche und die Pandemie

    Seelisch erschöpft - so fühlen sich viele durch die andauernde Corona-Pandemie. Je länger sie dauert, desto größer scheint die Herausforderung. Ist das deutsche Gesundheitssystem auf die psychischen Folgen der Pandemie vorbereitet?

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    Von
    • Claudia Erl

    Die Pandemie fordert die Seele heraus, und dabei besonders die noch "kleinen Seelen". Wie wirkt sich Corona auf die psychische Verfassung der Kinder und Jugendlichen aus? Gerade für sie ist es in enorm wichtig, mit Gleichaltrigen Beziehungen auszuprobieren und sich so von den Eltern zu lösen. Genau das ist derzeit jedoch kaum möglich.

    Auch ohne Pandemie ist diese Lebensphase schon schwierig: Eine Studie des Robert Koch-Instituts zeigt, dass jedes vierte Kind in Deutschland Zeichen einer psychischen Belastung zeigt und etwa jedes zehnte Kind eine behandlungsbedürftige psychische Krankheit hat.

    Vorbelastete Jugendliche besonders betroffen

    So wie Lena. Sie ist 19 Jahre alt und hat seit sechs Jahren Depressionen. Als sich Corona vor über einem Jahr auch in Deutschland verbreitete, kam sie gerade gestärkt aus einem Klinikaufenthalt. Doch die Pandemie machte ihre Pläne und ihren neuen Mut schnell zunichte. Ihre Situation zeigt ganz klar: Da, wo Vorbelastungen wie eine Depression bestehen, brechen im Lockdown bewährte Strukturen und Bewältigungsstrategien im Alltag ersatzlos weg. Ein erneuter Klinikaufenthalt ist für Lena aufgrund der hohen Nachfrage zunächst in weite Ferne gerückt.

    Versorgungslage verschärft sich

    Die schon vor der Pandemie angespannte Versorgungslage für Kinder und Jugendliche mit akuten psychischen Problemen hat sich nun verschärft. Deutschlandweit sind die Therapie-Anfragen von Kindern und Jugendlichen um 60 Prozent gestiegen, laut einer Umfrage der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung. Kliniken unter Druck müssten jetzt mit mehr ambulanten Therapieplätzen unterstützt werden, meint der zuständige Verband. Doch das klappt nicht. Denn: Auch davon gibt es längst nicht genug.

    Aufgestockt – aber nicht genug

    Dabei wurde viel nachgebessert: Psychiatrische Hotlines wurden aufgebaut und aufgestockt. Laut Bundesverband der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es kein Land, das so eine hohe Dichte an ambulanten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten aufweist und so einen niedrigschwelligen, flächendeckenden Zugang zur Versorgung bietet wie Deutschland.

    Seit 2015 hat sich die Zahl der praktizierenden Psychotherapeuten um 19 Prozent erhöht, niedergelassene Therapeutinnen müssen seit 2017 ausreichend Erstgespräche zur Therapieplanung anbieten. Klingt gut - nur geht es dann oft nicht weiter. Die Wartelisten für Therapieplätze sind lang, und werden in der Pandemie immer länger. Es gibt zu viele Hilfesuchende.

    Mütter besonders belastet

    Neben den Kindern und Jugendlichen leiden seit dem ersten Lockdown auch mehr Frauen mittleren Alters erstmals an psychischen Beschwerden. Zu der für alle nervenzehrenden Pandemie-Situation kommt bei ihnen häufig die Mehrfachbelastung dazu: Mütter sind im Homeschooling Teilzeit-Lehrkräfte, häufig selbst im Homeoffice, der Haushalt wird nebenbei erledigt. Die Kinder müssen psychisch aufgefangen, Streits geschlichtet, der Tag für alle strukturiert werden. Häufig fehlt die Kraft, gerade mit pubertierenden Kindern alles auszudiskutieren, der Medien- und Handykonsum des Nachwuchses steigt. An eigene Auszeiten ist da kaum zu denken.

    Das Ergebnis: Viele sind am Rande ihrer Kräfte. Und dort, wo die psychischen Ressourcen schon vor der Pandemie knapp waren, drohen die Frauen unter der Last zusammenzubrechen.

    Manfred Jahn, Leiter des Erziehungsberatungs-Teams der Caritas Rosenheim, findet die Rückmeldungen aus den Familien in der letzten Zeit alarmierend. "Es sind eigentlich in allen Familien jetzt schon langsam einfach die Nerven und Ressourcen aufgebraucht. Das ist wie ein körperlicher, emotionaler Erschöpfungszustand der Familien", sagt er.

    Langfristige Veränderung der Volksgesundheit?

    Welche gesundheitlichen Auswirkungen wird das alles haben? Für die sogenannte "NAKO" Gesundheits-Studie sammeln Wissenschaftler seit 2014 kontinuierlich von über 200.000 Studien-Teilnehmern Untersuchungsdaten und Bio-Proben, fragen zudem nach der Gefühlslage der Menschen. Denn Stress und Depressionen machen auch körperlich krank: Das Risiko für einen Herzinfarkt erhöht sich deutlich, Diabetes wird gefördert.

    Während des ersten Lockdowns wurden die Studienteilnehmer erneut zu ihrer psychischen Verfassung befragt. Alle waren im Vergleich zu vor der Pandemie besorgter und gestresster – vor allem Männer und Frauen bis 40 Jahre haben höhere Stresswerte. Insgesamt ist die Anzahl der Personen, die in der Befragung im letzten Jahr Symptome angegeben haben, die auf eine Depression hindeuten, um gut ein Viertel angestiegen. Eine zweite Befragung läuft gerade.

    Psychische Folgen durch eine Covid-Erkrankung

    Aber auch eine Covid-Erkrankung kann in seltenen Fällen eine Depression auslösen. Die Betroffenen gelten meist als genesen, weil die Virusinfektion ausgeheilt ist. Doch ihre Psyche ist stark in Mitleidenschaft gezogen. So auch beim Justizbeamten Jürgen Wendt: Seit Mitte Dezember gilt er als genesen. Doch die Krankheit hat ihn mehr geschädigt, als er anfangs wahrhaben wollte: Er leidet vor allem unter Schlafstörungen, Herzflattern, Unkonzentriertheit, und auch Schwächeanfällen. Diagnose: Post-Covid-Trauma, Post-Covid-Depression, Long-Covid. Zehn Prozent aller Erkrankten, auch mit nur milden Covid-Verläufen, haben nach sechs Monaten noch solche anhaltenden Symptome.

    Traumatischer Krankheitsverlauf

    Bei den vielen Untersuchen, die Jürgen Wendt bei Fachärzten vornehmen ließ, haben sich ausschließlich psychosomatische Diagnosen ergeben. "Da war die Rede von einem posttraumatischen Belastungssyndrom", erklärt er. Traumatisch war die Corona-Erkrankung sicherlich: Fünf Tage war er schwer krank und allein, Todesängste befielen ihn. Trotzdem glaubt er nicht an eine Depression, denn: Niedergeschlagen fühle er sich nicht, sondern er verspüre wahnsinnig viel Energie, kann diese aber nicht umsetzen.

    Jürgen Wendt will jetzt eine Reha machen, interdisziplinär am besten. Doch auch er muss sich in eine lange Warteliste einreihen. Und Beratungsstellen für diese Probleme sind rar, die Forschung ist erst am Anfang. Der Justizbeamte erfährt Unterstützung von seiner Hausärztin und dem Krisendienst "Arche". Mit seinem Berater dort versucht er Methoden zu entwickeln, mit seiner gefühlten Ohnmacht und seiner reduzierten Leistungsfähigkeit umzugehen. Denn Jürgen Wendt ist fest entschlossen, sich nicht nur als Opfer zu sehen. Er will etwas tun. Doch seine Möglichkeiten sind eingeschränkt – das Thema Long-Covid ist noch nicht angekommen. Weder in der Gesellschaft noch in der Politik.

    Fazit

    Die seelische Gesundheit ist durch die Pandemie bei vielen Menschen mehr in den Fokus gerückt. Erste Studienergebnisse zeigen, dass die Pandemie psychische Folgen hinterlässt. Wie gravierend und langfristig diese sein werden, hängt auch davon ab, wie ernst sie Politik und Gesellschaft nehmen.

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