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Selbstversuch: Wie lebt es sich als alter Mensch? | BR24

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Plötzlich um Jahrzehnte gealtert? Jeder meint das schon das ein oder andere Mal erlebt zu haben. Reporter Alexander Loos hat es aber tatsächlich ausprobiert - mit einem sogenannten Altersanzug. Ein Selbstversuch.

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Selbstversuch: Wie lebt es sich als alter Mensch?

Arthrose, steife Rückenwirbel, schlechte Augen: Wie fühlt es sich für einen jungen Menschen an, wenn man die Einschränkungen eines 80-Jährigen hat? Kontrovers-Reporter Alexander Loos schlüpft in den Ageman, einen Anzug, der Altersgebrechen simuliert.

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Wie fühlt sich alt sein an? Als junger Mensch kann man sich das kaum vorstellen. Ich möchte es herausfinden, am Nürnberger Institut für die Biomedizin des Alterns bei Altersforscherin Ellen Freiberger. Mithilfe des Agemans, einem Anzug, der das Alter simuliert, kann ich erfahren, mit welchen Einschränkungen ich mit 80 oder 90 Jahren zu kämpfen haben werde. Ohrenschützer, um das Hören einzuschränken, eine Brille für die Augenveränderungen, Handschuhe, weil auch die Finger- und die Handbeweglichkeit nachlassen. Und auch die Beweglichkeit meines Körpers schränkt der Anzug ein, durch Schienen an den Armen, einen Gurt, der meine Wirbelsäule versteift und Schienen an meinen Kniegelenken. Eine Hose mit zwei Kilo zusätzlichem Gewicht simuliert die nachlassende Muskelkraft im Alter.

Herausforderung Alltag im Alter

Mit diesen Einschränkungen muss ich heute verschiedene Aufgaben erfüllen. Und schon einfache Handgriffe werden für mich zur Herausforderung. Zum Beispiel eine Käsebreze schmieren. Es dauert viel länger und ich arbeite viel ungenauer. Dabei wird das sogar noch eine der leichteren Übungen sein. Ich ahne, dass ein ganzer Tag in dem Anzug alles andere als einfach wird.

Kleine Besorgungen sind auf einmal tagesfüllende Aufgaben

Wenn Menschen wirklich solche Einschränkungen haben, wie sie bei mir simuliert werden, was macht das mit den Menschen, was macht das mit dem Alltag? Ellen Freiberger weiß darauf eine Antwort:

"Erfahrungsgemäß wird der Alltag viel beschwerlicher. Also, wenn Sie zum Beispiel dran denken, der Weg zum Arzt war früher ungefähr fünf Minuten, dann wird das eine Viertelstunde, 20 Minuten. Sie merken ja selber, das ist dann schon belastend und anstrengend. Und das führt natürlich auch dazu, dass Leute weniger rausgehen. Nach dem Motto: Ich vermeide, mich platt zu machen, das brauche ich nicht. Und dann geht es dahin, wir sagen dann manchmal: Dann wird die Wohnung zum Gefängnis." Ellen Freiberger, Altersforscherin

Eine einfache Straße wird zum großen Hindernis

Mich bringt der Ageman in Situationen, die ich kaum bewältigen kann. Eine Aufgabe: Über eine stark befahrene Straße kommen, bevor die Ampel wieder auf Rot schaltet. Los geht’s. Schnell stelle ich fest: Eine vielbefahrene Straße in der Grünphase zu überqueren, ist mit den Einschränkungen eigentlich so gut wie unmöglich. Man läuft, plötzlich sieht man, dass die Ampel auf rot umspringt und man ist immer noch mitten auf der Straße. Das ist schon ein richtig bedrohliches Gefühl.

Nur die Hälfte der bayerischen Bahnhofe ist barrierefrei

Der öffentliche Nahverkehr kann zur unüberwindbaren Hürde werden, das muss auch ich bei meinem Selbstversuch erfahren. Über die Hälfte der rund 1.000 bayerischen Bahnhöfe ist noch nicht barrierefrei, auch der Hauptbahnhof Fürth nicht. Erstes Hürde: Der Weg ein Stockwerk tiefer. Ich möchte mit dem Aufzug ins untere Geschoss fahren, aber der Aufzug scheint kaputt zu sein. Das bedeutet für mich: Entweder einen großen Umweg in Kauf nehmen oder die Treppe benutzen. Was sonst kein Problem ist, wird mit dem Altersanzug zu einer echten Herausforderung.

Die Treppe schaffe ich mit dem Altersanzug, aber wohl ist mir nicht dabei. Ich habe Angst, zu fallen. Jetzt geht es zum Ticketkauf: Mit meiner eingeschränkten Sicht durch die Brille kann ich kaum erkennen, was auf dem Bildschirm steht. Der Ticketkauf gelingt nur mit viel Mühe. Auch an der Treppe zum Gleis gibt es weder einen Fahrstuhl, noch eine Rolltreppe. Und wieder wird der Weg nach oben quälend lang für mich.

Die Probleme alter Menschen werden oft unterschätzt

Der eine Tag in dem Altersanzug zeigt mir: Man unterschätzt leicht die Situationen, die alte Menschen bewältigen müssen. Ganz normale Alltagstätigkeiten werden zu riesigen Herausforderungen. Ich kann den Anzug jetzt ausziehen und ich bin auch wirklich froh darum. Aber ältere Menschen können die Einschränkungen nicht einfach abstreifen. Sie müssen damit leben.