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© Carsten Schmiester / ARD
Bildrechte: picture alliance/TT NEWS AGENCY

Schweden macht Schluss mit locker

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Schweden und der Corona-Sonderweg

Schweden hat deutlich weniger einschneidende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ergriffen als andere Länder. Dieser Weg ist nach wie vor umstritten. Angesichts steigender Infektionszahlen wächst auch dort die Angst vor noch mehr Opfern.

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Von
  • Carsten Schmiester
  • Jan-Claudius Hanika

Bald wird in Schweden das 6.000ste Opfer der Corona-Pandemie sterben. Wahrscheinlich wird es ein älterer Mann mit Migrationshintergrund und Vorerkrankungen sein. Geschwächte Senioren in häuslicher Pflege und Angehörige großer Familienverbände, die in kleinen Wohnungen an den Rändern der großen Städte wohnen, sind Hauptleidtragende des schwedischen Sonderweges durch die Pandemie.

Auf diesen waren nicht nur, aber auch die Altenpfleger schlecht vorbereitet und noch schlechter dafür ausgerüstet. Der Rest der zehn Millionen Einwohner hat die Pandemie im Alltag dagegen leichter weggesteckt als sämtliche nordischen Nachbarn, auch als die Deutschen mit ihren härteren Maßnahmen.

Ratschläge statt Verbote in Schweden

In Schweden galten und gelten kaum Verbote, es wird nur "geraten", dies und das nicht zu tun, Es gibt keine Kontrollen, keine Strafen. Allerdings steigt die Zahl der Neuinfizierten auch in Schweden wieder steil an. In besonders betroffenen Regionen wie Stockholm wurden diese Verhaltenshinweise verschärft: Arbeitgeber sollen ihre Angestellten wieder mehr in Heimarbeit schicken, Einkaufszentren, Sportclubs, Busse und Bahnen sollen gemieden werden. Aber eben nur "sollen", nicht "müssen".

Restaurants und Läden bleiben geöffnet und nach den Herbstferien wohl auch Schulen und Unis. Es gibt keine Maskenpflicht, nur auf den Flughäfen, doch dort hält sich kaum jemand daran.

Epidemiologin: Schweden hat richtig "gehandelt"

Auch Expertinnen und Experten verteidigen diesen "weichen" Weg: "Schweden hat eine andere Perspektive, man denkt an die Volksgesundheit als Ganzes und nicht nur als eine Krankheit", erklärt Anna Mia Ekström, Professorin für Infektionsepidemiologie am Karolinska Institut. "Sicher hat man gesehen, dass Lockdowns die Ansteckungszahlen vorübergehend dämpfen, aber sobald man öffnet, steigen sie wieder. Meiner Meinung nach hat Schweden richtig gehandelt mit einer Strategie, die man ertragen und über eine längere Zeit respektieren kann."

So sehen es die meisten Schweden trotz der vielen Toten und der jetzt wieder steigenden Infektionszahlen. Die Gesundheitsbehörde hat sogar bisherige Kontaktbeschränkungen für Leute über 70 auf- und die Obergrenze für Veranstaltungen von 50 auf 300 Teilnehmer angehoben. Einzelne Regionen und Gemeinden können allerdings bei den alten Regeln bleiben.

Diskussion um schwedische Schutzmaßnahmen

Diese Lockerungen gerade zu Beginn der zweiten Welle seien jedoch das falsche Signal, sagt Johan Styrud, Chefarzt des Danderyd Hospitals in Stockholm: "Mir wäre es lieber, man würde die Versammlungsgrenze nicht auf 300 Personen erhöhen und die Schutzmaßnahmen für die Älteren behalten. Wir sollten mit den Erleichterungen warten, denn die Ansteckungszahlen steigen aktuell enorm an. Man muss ja nicht knallhart vorgehen, eine geringe Anzahl Besucher im Altersheim ist in Ordnung, aber wir sollten sie auf ein Minimum reduzieren."

Staatsepidemiologe Anders Tegnell, der buchstäblich "entscheidende" Mann hinter dem schwedischen Sonderweg, wies diese Kritik umgehend zurück: "Die Erhöhung auf 300 Personen ist ja noch nicht umgesetzt worden. In Skåne hat man sich gerade dagegen entschieden. Es gibt also Handlungsspielraum. Was die Restriktionen für Ältere angeht, würde ich nicht von einer Erleichterung sprechen. Die Gruppe hat heute eine sehr geringe Ansteckungsrate und viele sind sich der Risiken bewusst."

Tegnell hatte im Januar noch ernsthaft gesagt, dass er keinen großen Corona-Ausbruch in Schweden erwarte. Weil die Politik hier traditionell den Behörden nicht in die praktische Arbeit hineinregiert, "erfand" er eben den sanften Weg. Wohl auch, wie ihm bis heute unterstellt wird, um möglichst schnell zu einer Herdenimmunität zu kommen. Was er bestreitet und was ja auch nicht funktioniert hätte. Sichere Zahlen gibt es nicht, doch die aktuelle Infektionswelle spricht eindeutig dagegen.

Große Angst vor steigenden Opferzahlen

Einzelne Regionen und Kommunen weichen nun vom schwedischen Sonderweg ab. Erst die Studentenstadt Uppsala, seit dem 29. Oktober auch die Hauptstadtregion, dazu kleine Städte und Gemeinden mit lokalen heftigen Ausbrüchen wie Osby in Skåne.

Auch wenn aktuell die Zahl der Intensivpatienten in den Krankenhäusern nur langsam wieder steigt und die Zahl der Toten noch langsamer, ist die Angst vor noch mehr Opfern groß, der Schock des Frühjahrs sitzt tief. Deshalb begrüßen viele Menschen die verschärften Empfehlungen.

"Wir sehen einen schnellen Anstieg der Infektionen", sagt Eva Melander, Seuchenschutzärztin in Skåne. "Das belastet das Gesundheitswesen mit immer mehr Covid-Patienten. Im Vergleich zum Frühjahr sind wir zwar noch auf niedrigem Niveau, aber der Trend macht deutlich, dass wir etwas tun müssen."

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