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Schutzgebiete: Wie viel Schutz bieten sie wirklich? | BR24

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Schutzzonen: Welche gibt es - und was sind sie wert?

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Schutzgebiete: Wie viel Schutz bieten sie wirklich?

Naturschutz- oder Landschaftsschutzgebiet, Naturpark, FFH- oder Vogelschutzgebiet: Schutzzonen gibt es viele. Und doch wird immer wieder in diese Zonen eingegriffen, gerodet und gebaut. Wie viel Schutz bieten die Schutzgebiete wirklich?

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Von
  • Michael Kraa

"Unersetzlich" ist ein großes Wort. Wenn etwas unersetzlich ist, dann kann, wenn es verloren gehen sollte, nichts diesen Verlust jemals ausgleichen. Im Markt Meitingen nördlich von Augsburg steht ein Wald, der laut Gesetz "unersetzlich" ist, ein sogenannter Bannwald. Bannwälder sorgen für ein ausgeglichenes Klima, sind Erholungsräume und wirken sich positiv auf den Wasserhaushalt aus. Darüber hinaus schützen sie vor Luftverschmutzung und Lärmbelastung. Das tut auch der Bannwald von Meitingen. Und doch soll ein Teil abgeholzt werden.

Stahlwerk statt Wald

Der Grund: Die Lech-Stahlwerke GmbH, das einzige Stahlwerk in Bayern und Teil der Max-Aicher-Unternehmensgruppe, wollen erweitern. In den Bannwald hinein. Siebzehn Hektar müssten dafür gerodet werden. In den letzten Jahren hatte es immer wieder Konflikte zwischen Stahlwerk und Anwohnern wegen Lärm und Staub gegeben. Die Planungen der Lech-Stahlwerke, jetzt in den geschützten Wald hinein zu expandieren, sorgen entsprechend bei vielen Meitingern für Empörung.

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Die Lech-Stahlwerke GmbH in Meitingen

Das "Unersetzliche" ersetzen

Und so "unersetzlich" der Bannwald laut Bayerischem Waldgesetz auch ist, so ersetzbar ist er in der Realität. Denn das Gesetz sagt auch, dass der Bannwald "in seiner Flächensubstanz erhalten werden muss". Das heißt: Es müssen Ausgleichsflächen geschaffen werden. Ob der Bannwald in Meitingen gerodet werden darf, entscheidet letztendlich die Gemeinde. Bürgermeister Michael Higl erklärt, wie der Wald ausgeglichen werden könnte: Für siebzehn gerodete Hektar sollen 24 Hektar neu geschaffen werden. Außerdem sollen Nistplätze und Lebensraum für gefährdete Arten entstehen, so Higl: "Die Maßnahmen müssen zuerst stattfinden, müssen evaluiert und umgesetzt werden. Dann kann es teilweise Rodungsgenehmigungen geben - die erste Rodung in drei Jahren nicht auf siebzehn Hektar, sondern maximal fünf Hektar. Erst wenn die vollständig bebaut sind, könnten die nächsten Maßnahmen folgen.“

Kritik der Umweltschützer

Der neue Wald wäre auf jeden Fall größer. Doch er muss erst einmal wachsen. Und das dauert, sagt Johannes Enzler vom Bund Naturschutz: "Die Zeiträume sind nicht mehr überblickbar, 80 Jahre, bis ein Wald so eine Funktion hat, wie er jetzt hat, das ist eine Zeitspanne, da werden viele Tier- und Pflanzenarten nicht mehr mitkommen, die werden abgeschnitten".

Kein Einzelfall

Ein ebenso "unersetzlicher" Wald wie der in Meitingen steht in Nürnberg: Der Reichswald. Wie ein riesiger Halbkreis umschließt er im Osten den Ballungsraum Nürnberg-Erlangen-Fürth. Die 36.000 Hektar Kulturwald sind grüne Lunge, Naherholungsgebiet, Klimaregulator, europäisches Vogelschutzgebiet und Biotop für seltene Tiere und Pflanzen. 32.000 Hektar sind als Bannwald ausgewiesen. Und auch der ist nicht vor Begehrlichkeiten sicher. Denn die Bahn will bauen. Im Bannwald.

ICE-Werk statt Wald

Auf einer Länge von fünfeinhalb Kilometern und einer Breite von sechs Gleisen soll ein neues Instandhaltungswerk für die ICE-Flotte entstehen. Eine Fläche von bis zu 46 Hektar müsste dafür abgeholzt werden. Ein ähnliches Werk wurde 2018 in Köln eröffnet. Seither klagen die Anwohner über Lärm, vor allem durch Hup-Tests in der Nacht. Für Professor Hubert Weiger, den langjährigen Vorsitzenden des Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland und heutigen Ehrenvorsitzenden sind die aktuellen Pläne der Bahn ein Unding: "Das darf doch nicht in einem Bannwald passieren und damit im Nürnberger Reichswald. Es gibt genügend Ausweichmöglichkeiten und Alternativen für die Bahn - wenn sie endlich echte Alternativprüfungen durchführen würde."

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Ort des geplanten ICE-Werks in Nürnberg

"Schutzgebiet": Ein Etikettenschwindel?

Dabei sind Eingriffe in Schutzzonen wie in Meitingen und Nürnberg eher die Regel als die Ausnahme. Ist die Bezeichnung "Schutzgebiet" überhaupt viel wert oder eher ein Etikettenschwindel? "Häufig könnte man das glauben", sagt Hubert Weiger, "denn die Ausnahmegenehmigungen sind so zahlreich wie die Löcher in einem Emmentaler Käse. Von daher, glaube ich, ist es ganz, ganz wichtig, dass tatsächlich der Schutz wieder ernstgenommen wird. Und dass Schutzgebiete tatsächlich den Schutz der Natur bedeuten und nicht nur riesige Verwaltungsakte und am Ende doch die Genehmigungen mit den Eingriffen in die Natur stattfinden". Aber das, sagt Weiger, hänge eben zentral vom Willen der Politik ab.

Verschiedene Zuständigkeiten

Angesprochen auf den Wert von Schutzgebieten, sagt Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber: "Schutzgebiete sind nicht verhandelbar". Zugleich verweist er darauf, dass die Zuständigkeit für den Forst und damit auch für Ausnahmegenehmigungen nicht bei seinem Haus liege, sondern beim Landwirtschaftsministerium. Und er verweist auf das geltende Verfahren der bei Städten beziehungsweise Landratsämtern angesiedelten Bauleitplanung. Dieses entscheidet über jeden Eingriff und darüber, ob ausgeglichen werden kann und, wenn ja, wie. Aber wäre es nicht sinnvoller, wenn die Zuständigkeit hierfür statt bei der Landwirtschaftsministerin bei ihm läge? Das zu entscheiden, sagt Glauber, sei Sache des Gesetzgebers. Und fügt scherzhaft hinzu: "Der Umweltminister freut sich über jede tolle Aufgabe".

Umweltministerium soll sich mehr engagieren

Dass der Bannwaldschutz als Teil des Waldgesetzes in den Kompetenzbereich des Landwirtschaftsministeriums fällt, sieht auch der Bund-Ehrenvorsitzende Hubert Weiger. Den Umweltminister will er aber so leicht nicht davon kommen lassen. Dieser habe nämlich ebenfalls eine Verantwortung. Denn der Vollzug laufe über die Kreisverwaltungsbehörden, so Weiger: "Damit sind natürlich auch die unteren Naturschutzbehörden und damit auch das Umweltministerium beteiligt. Und hier können wir nur eindringlich an das Umweltministerium, auch an den Umweltminister, appellieren, sich stärker als bisher für den Waldschutz, gerade auch den Bannwaldschutz, zu engagieren".

Schutz erst nach massiven Protesten

Wie schwer es trotz bestehender Schutzgebiete und -zonen ist, wertvolle Naturräume zu bewahren, hat der Krimi um das Riedberger Horn im Oberallgäu bewiesen. Mitten in der strengsten Schutzzone C des Alpenplans sollte dort eine Skischaukel gebaut werden. Die Staatsregierung änderte dafür 2017 kurzerhand den Alpenplan. Bürger und Umweltverbände liefen Sturm. Am Ende mit Erfolg: Im November 2018 musste die CSU in der neuen Regierungskoalition mit den Freien Wählern nachgeben. Die Veränderungen am Alpenplan wurden zurückgenommen. Das Projekt Skischaukel wurde fallen gelassen. Ohne den massiven Druck aus der Gesellschaft und von Verbänden wäre das vermutlich nicht gelungen.

Menschen weiter als die Politik

Das Bedürfnis, Natur zu erhalten, scheint groß in Bayern. Das zeigt das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid, die der Bund Naturschutz in Bayern und der Landesbund für Vogelschutz 2018 in Auftrag gegeben hatten: Darin sprachen sich 64 Prozent der Menschen in Bayern und mit 67 Prozent sogar mehr als zwei Drittel der CSU-Wähler für die Errichtung eines dritten bayerischen Nationalparks aus. Konservative als "Bewahrer" auch der Umwelt und der Lebensgrundlagen.

Mehrheit auch bei Betroffenen

Und auch in den Regionen, die für einen weiteren Nationalpark in Frage kommen, gibt es viel Zustimmung. So sprachen sich 75 Prozent der Befragten im Raum Bamberg, im Raum Schweinfurt und im Landkreis Haßberge für einen dritten Nationalpark Steigerwald aus. Noch deutlicher fiel die Zustimmung zur Idee eines Nationalparks im Ammergebirge aus: Die befragten Bürger in den Kreisen Ostallgäu, Garmisch-Partenkirchen sowie Weilheim Schongau votierten mit 81 Prozent dafür.

Wunder vor der Haustür

Manchmal ist es aber auch nur ein kleines "Naturwunder" vor der eigenen Haustür, das die Menschen bewegt - und mobilisiert. So, wie ein uralter Hohlweg in Sengenthal bei Neumarkt in der Oberpfalz. Tief eingeschnitten in Sandsteinfelsen führt er durch den Wald. Ein fast unwirklich schöner, beeindruckender Ort. Wann und wie dieser Hohlweg entstanden ist, darüber kann nur gemutmaßt werden. Vielleicht im Mittelalter, vielleicht auch schon weit davor. Fest steht: Der Weg ist eine einzigartige Struktur in der Landschaft, die die Menschen fasziniert. Umso erschrockener waren Ortsansässige, als sie vor kurzem Farbmarkierungen an Felsen und Bäumen fanden.

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Der Hohlweg in Sengenthal bei Neumarkt in der Oberpfalz

Ausbau des Weges

Der Hohlweg könnte ausgebaut werden, damit er künftig auch mit schwererem Gerät befahrbar wäre. Entsprechende Überlegungen gibt es. Die markierten Sandsteinfelsen und Bäume müssten dann weichen. Entschieden ist allerdings noch nichts. Nach Auskunft des Landratsamtes Neumarkt liegt bislang auch noch kein entsprechender Antrag vor.

Sensibler Bereich

Dass es sich bei dem alten Hohlweg um einen "sensiblen Bereich" handelt, sieht man auch beim Landratsamt in Neumarkt. Dass er inmitten eines FFH-Gebietes liegt, dürfte ihm allerdings nichts nützen. Denn dieser Schutz bezieht sich laut Bund Naturschutz Neumarkt nicht auf den Weg. Der falle damit einfach "durch alle Raster". Geschützt werden kann das seltene Naturschauspiel damit nur durch eines: Die Empfindsamkeit von Politik und Behörden dafür, dass es sich hier um etwas sehr Kostbares handelt. Etwas, das man erhalten sollte, auch wenn man es nicht erhalten muss. Etwas, das zwar nicht geschützt ist, aber durchaus schutzwürdig. Ob das reichen wird, muss sich in Sengenthal erst zeigen.

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