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Kita, Schule: Erhöhte Gefahr oder gesundheitliche Notwendigkeit? | BR24

© dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow

Eine Lehrerin unterrichtet in einer ersten Klasse an einer Grundschule mit Wechselunterricht.

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    Kita, Schule: Erhöhte Gefahr oder gesundheitliche Notwendigkeit?

    Seit gestern sind Kitas und Grundschulen wieder geöffnet, wenn auch mit Einschränkungen. Doch befeuern die Öffnungen den Anstieg der Covid-Infektionszahlen? Oder sind sie gesundheitlich dringend notwendig, wie Kinderärzte meinen?

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    Von
    • Antje Maly-Samiralow
    • Bernd Thomas

    Kitas und Grundschulen sind wieder geöffnet, wenn auch mit Einschränkungen. Viele Eltern und Kinder freut das, andere sind besorgt. Sie fragen sich: Steigen durch die Öffnungen der Grundschulen und Kitas die Infektionszahlen?

    Geschlossene Kitas und Schulen: Schädlich für die Gesundheit von Kindern

    Kinderärzte fordern schon lange die Öffnung, denn Kitas und Schulen seien wichtig für die Gesundheit, vor allem jedoch für die Entwicklung von Kindern.

    "Kinder brauchen Kinder. Das ist ganz wichtig für die soziale Entwicklung, für das soziale Lernen." Prof. Dr. med. Johannes Hübner, Pädiatrische Infektiologie, Haunersches Kinderspital, Klinikum der LMU München

    Mit den Gleichaltrigen werde viel Sozialverhalten eingeübt, erklärt Prof. Hübner. Das könnten die Klassenkameraden oder die Spielkameraden sein. Wenn der Sozialkontakt wegfalle, "dann merkt man, wie Kinder vereinsamen, wie Kinder vermehrt traurig werden, größere Kinder Depressionen entwickeln".

    Kinder brauchen für ihr eigenes Immunsystem Erreger anderer

    Fehlende Sozialkontakte bergen erhebliche Gesundheitsrisiken gerade für Kinder, warnen immer mehr Ärzte und Psychologen, auch Prof. Christian Schubert vom Universitätsklinikum Innsbruck: "Wir müssen davon ausgehen, dass Kinder sich in einer Immunentwicklung befinden." Das heiße, sie bräuchten Erreger und Antigene anderer, um ihr eigenes Immunsystem zu trainieren.

    Besonders problematisch sei aber auch, dass sich viele Kinder momentan auch in einem chronischen Stresszustand befänden, erläutert Prof. Schubert. Isolation, Depression schlage bei vielen zu, und diese hätten "einen Effekt auf das Immunsystem, so dass es zu einem erhöhten Risiko kommt von viralen Erkrankungen, aber auch von Allergien und Autoimmunerkrankungen".

    Kinder und Corona: Welche Rolle spielen sie im Infektionsgeschehen?

    Doch welche Rolle spielen Kinder im Corona-Infektionsgeschehen? Eine heiß diskutierte Frage bei der die Studienlage nicht eindeutig ist. Eine Untersuchung des Helmholtz Zentrums München etwa weist nach, dass zwischen April und Juli 2020 sechsmal mehr Kinder in Bayern mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert waren als gemeldet. Eine Studie der Universität Wien an mehr als 240 Bildungseinrichtungen fand heraus, dass jüngere Schülerinnen und Schüler ähnlich viele Infektionen wie ältere und nicht wesentlich weniger als Lehrerinnen und Lehrer hatten.

    In Würzburg nur wenige Kita-Kinder infiziert

    Ein anderes Ergebnis zeichnet sich in Würzburg ab. An der dortigen Universitätsklinik leitet der Kinderinfektiologe Johannes Liese aktuell zwei Studien zu diesem Themenkomplex, darunter die Würzburger Kita Studie Wü-Kita-Cov. Diese Studie begleitet Kitas schon seit einigen Monaten und überprüft mögliche Infektionsrisiken sowie die Wirkung der Hygienemaßnahmen. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen, aber eine Tendenz ist bereits deutlich auszumachen.

    "Bei unserer großen Kindergartenstudie haben wir mehrere tausend Untersuchungen gemacht und haben nur sehr, sehr wenige, vereinzelte Infektionen mit dem neuen Coronavirus nachweisen können." Prof. Dr. med. Johannes Liese, Pädiatrische Infektiologie, Kinderklink der Universität Würzburg

    Ein Trend, der sich auch bei der routinemäßigen Untersuchung der Patienten der Würzburger Kinderklinik wiederfindet. "Wir untersuchen jedes Kind, das bei uns in der Klinik aufgenommen wird, auf das neue Coronavirus", erläutert Prof. Liese. Bei über 1.500 Aufnahmen und Untersuchungen habe man lediglich zwei positive Nachweise gehabt: "Beide Kinder waren asymptomatisch, kamen also aus einem anderen Grund und waren die einzigen, die wir hier in diesen Screening-Untersuchungen identifizieren konnten."

    Kleine Kinder wenig betroffen

    Während Kinder maßgeblich zur Verbreitung von Grippe beitragen, spielen sie beim Infektionsgeschehen mit dem Coronavirus wohl keine besonders große Rolle. Kinderärzte wie Johannes Liese differenzieren dabei nach Alter. Je kleiner Kinder sind, desto weniger sind sie betroffen. Erst wenn Kinder zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen heranwachsen, gleicht sich ihre Rolle im Infektionsgeschehen dem der Erwachsenen allmählich an.

    Kinder mit Erkältungssymptomen: Welche Erreger stecken dahinter?

    Kinderarzt Dr. med. Uwe Sack ist einer von fünf Würzburger Kinderärzten, die Daten für eine weitere Studie der Universität Würzburg, der Co-Pra-Kid, erheben. Getestet werden Kinder bis 14 Jahre, die an akuten Atemwegsinfekten und/oder Fieber leiden. Ziel ist es, herauszufinden, welche Erreger die Infektionen verursacht haben. Dabei werden zwei Abstriche genommen. Eine Probe wird auf SARS-CoV-2 untersucht, die andere auf 20 andere Erkältungsviren und -bakterien. "Bei den Untersuchungen ist herausgekommen, dass bei 200 Tests lediglich zwei Kinder positiv auf das Coronavirus getestet wurden", erklärt Dr. Sack. Die übrigen hätten zu zwei Dritteln Rhinoviren und zu einem Drittel Adenoviren. "Das sind ganz normale Erkältungsviren, die es schon seit 100 Jahren gibt und die wir in den vorigen Jahren genauso gefunden hätten."

    Ähnliche Ergebnisse wie in Würzburg zeigten sich auch in der Münchner Virenwächterstudie, in der Kinder, Lehrer-, Erzieher- und Pädagoginnen in jeweils fünf Kindertagesstätten und Grundschulen getestet wurden. Mit diesem Studiendesign sollte vor allem geprüft werden, ob eine Öffnung von Kitas und Grundschulen unter Einhaltung von Hygieneregeln machbar ist. Im Rahmen der Studie habe man circa 3.000 Personen untersucht, 2.000 Kinder und 1.000 Betreuer zu zwei Zeitpunkten, im Herbst und im November, erklärt Prof. Dr. med. Johannes Hübner vom Klinikum der LMU München. In der ganzen Zeit seien lediglich zwei Personen positiv getestet worden, ein Lehrer und ein Schüler.

    "Das Ganze ist für uns ein Hinweis darauf, dass das Virus in Schulen auch in Hochinzidenzgebieten wie München nicht weit verbreitet ist." Prof. Dr. med. Johannes Hübner, Pädiatrische Infektiologie, Haunersches Kinderspital, Klinikum der LMU München

    Kinder und Covid: Warum sie seltener erkranken

    Selbst wenn Eltern oder andere Erwachsene an Covid erkrankt sind, stecken sich diesen Erkenntnissen zufolge viele kleine Kinder in der Regel nicht an, und schwere Krankheitsverläufe sind bei Kindern insgesamt sehr seltene Ausnahmen. Woran liegt das?

    "Da gibt es eine ganze Reihe von Hypothesen", meint Prof. Hübner. "Eine ist die, dass Kinder ein anderes Immunsystem haben. Kinder setzten sich häufig mit respiratorischen, also mit Atemwegsviren auseinander, haben vielleicht dadurch auch einen Antikörperschutz." Eine andere Überlegung: "Das Protein, über das das Virus andockt an die Zellen, ist bei Kindern weniger exprimiert."

    Diese Diskrepanz erkannte der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr bereits 2003, als er zusammen mit seinem Team für die WHO das erste SARS-Virus identifizierte. "Bei den SARS-Viren haben wir das eigentlich 2003 schon beobachtet", erklärt Prof. Dr. med. Klaus Stöhr, Koordinator der Arbeitsgruppe Coronastrategie. Es habe einige sehr gute Studien in China gegeben. "Jetzt sehen wir von einigen sehr guten Studien in Deutschland, aber auch international, dass der Anteil der Kinder am Gesamtinfektionsgeschehen bei SARS geringer ist als der von Erwachsenen."

    Corona-Variante B 1.1.7.: Wie stark sind Kinder davon betroffen?

    Doch wie verhält es sich mit der britischen Mutante, die sich immer weiterverbreitet? Sie soll infektiöser sein, auch für Kinder.

    "Man hat tatsächlich in England gesehen, dass Kinder unter Umständen stärker am Infektionsgeschehen beteiligt waren. Aber diese Anfangsergebnisse haben sich bei weiteren Untersuchungen nicht bestätigt." Prof. Klaus Stöhr, Koordinator der Arbeitsgruppe Coronastrategie

    Positiv sehe man auch, dass in den vergangenen sechs bis acht Wochen in Europa insgesamt die Gesamtzahl der Fälle ab- und gleichzeitig die Variante anteilmäßig zunehme, ohne dass der Bekämpfungsfortschritt beeinflusst werde, betont Stöhr. "Das ist eigentlich eine sehr positive Beobachtung."

    Dass Kinder durch die Mutante nicht stärker betroffen sind, zeigt auch eine aktuelle Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin Lancet.

    Minimiertes Risiko: Hygienevorschriften in Kitas und Grundschulen

    Trotz dieser Daten gelten in Kitas und Grundschulen verbindliche Hygienekonzepte, um eventuelle Infektionsrisiken auszuschließen. In der Kindertagesstätte Plecherstraße in München bedeutet das: Die Gruppen sind auf unterschiedlichen Ebenen räumlich getrennt. Eltern bleiben draußen, außer in der Eingewöhnungsphase. Neben obligatorischer Händedesinfektion gelten Maskenpflicht und Abstandsregeln für Erwachsene, auch für Pädagoginnen und Erzieherinnen. Zusätzlich werden in wöchentlichem Turnus Reihentestungen vorgenommen und in jedem Raum gibt es CO2-Melder, die anzeigen, wann spätestens gelüftet werden muss.

    Gemeinsames Spielen und Lernen für Kinder systemrelevant

    Gemeinsam spielen und lernen, das ist laut der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) für Kinder systemrelevant und entscheidend für ihre soziale und gesundheitliche Entwicklung. Mediziner wie Johannes Liese sehen in der Öffnung von Kitas und Grundschulen auch keine Gefahr für das Pandemiegeschehen insgesamt:

    "Ich denke, wir sind an einem Punkt, an dem wir genug wissen, um auch in der derzeitigen Situation Kitas und Grundschulen wieder öffnen zu können." Prof. Dr. med. Johannes Liese, Pädiatrische Infektiologie, Kinderklink der Universität Würzburg

    Man könne das mit sorgfältigen Hygienemaßnahmen begleiten, die weitere Sicherheit gegen die Übertragung des Virus in den Kitas und Schulen vermittelten, erklärt Prof. Liese. "Wir können den Prozess durch regelmäßige Begleituntersuchungen gut überwachen und damit einen sicheren Betrieb in Kindergärten und Schulen gewährleisten."

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