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Schnitzeljagd in der Luft: Wettersonden auf der Spur | BR24

© dpa/pa/GAETAN BALLY

Ballon mit Radiosonde zur Messung meteorologischer Daten

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    Schnitzeljagd in der Luft: Wettersonden auf der Spur

    Der Deutsche Wetterdienst arbeitet ständig daran, die Verlässlichkeit der Vorhersagen zu steigern. Täglich steigen unzählige Sonden auf, um meteorologische Daten zu liefern. Wenn die Sonden wieder runter kommen, schlägt die Stunde der Sondenjäger!

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    Wettersonden sind noch immer unerlässlich für die Vorhersage. Sie landen, wo auch immer sie der Wind hinbläst. Eingesammelt werden sie von sogenannten Sondenjägern. Und die liefern sich beim Aufsammeln der Sonden ein kleinen, aber sehr spannenden Wettlauf.

    Hohenpeißenberg: 130 Sonden pro Jahr

    Es ist ein tägliches Ritual gegen 7.30 Uhr an der Wetterstation am Hohenpeißenberg: Martin Adelwart bereitet den Flug einer Wettersonde vor. Am Ballon aus Naturkautschuk hängt heute ein ganz besonderes Exemplar: eine Ozonsonde, die er eben erst mit dem Kollegen Michael Heinen startklar gemacht hat. Im Inneren befindet sich ein kleines Labor, das während des Fluges den Ozongehalt der Luft analysiert. Das Gerät ist das einzige Allwettergerät, das bedeutet: Es braucht keine besonderen Wetterverhältnisse wie andere Messverfahren, die nur bei durchgehender Sonne oder klaren Nächten arbeiten können.

    Das Ozonsonden-Gespann fliegt immer, egal ob es regnet oder schneit. Die Technik ist seit 50 Jahren unverändert. 130 solcher Sonden schickt Martin Adelwart jährlich los, Stückpreis 1.000 Euro. Die Hälfte kommt zurück - aber nicht einfach so. Sondenjäger sammeln sie ein. Für Martin Adelwart ein riesiger Vorteil, denn das sei zum einen eine große Kostenersparnis und zum anderen würde das Zeug andernfalls in der Natur herumliegen.

    Sondenjagd ist wie Schnitzeljagd

    Hans Niedermayr ist einer dieser Sondenjäger. Jeden Montag und Mittwoch setzt er sich morgens zuhause in Aschau im Chiemgau an den Computer. Er ist erpicht darauf, die Ozonsonde zu jagen, weil die einfach seltener und interessanter sei als die normalen, kleinen Sonden. Wochenlang seien die Sonden nach Westen geweht worden. Ende Mai habe er zuletzt eine gefunden. Jetzt will er endlich wieder auf die Jagd gehen!

    "Hier ist die erste Spur von der Hohenpeißenberger Ozonsonde. Es ist nach langer Zeit wieder mal so, dass die Sonde in meinen Bereich kommt. Ich will ja nicht 200 Kilometer Auto fahren und Sprit verbrauchen. In unserer Gegend sind wir vier, fünf, sechs Leute, die bei einer Ozonsonde schon unterwegs sind. Und es ist natürlich eine sportliche Herausforderung, als Erster anzukommen." Hans Niedermayr, Wettersonden-Jäger

    Platzt der Ballon, beginnt die "heiße Phase"

    Am Computer lokalisiert er eine Sonde in der Gegend von Penzberg. Ankunft am Boden 10.05 Uhr, irgendwo im Wald zwischen Kleinhartpenning und Dietramszell. Erst mal geht es Richtung Holzkirchen. Seit seiner Kindheit beherrscht und betreibt Hans Niedermayr Amateurfunk. Schon als Jugendlicher war er beim Jagen der Wettersonden mit dabei.

    Die Ozonsonde steigt bis in 30 Kilometer Höhe. Dann platzt der Ballon, sie schwebt am Fallschirm nach unten und die Jagd geht in die heiße Phase. Am Anfang seiner Zeit als Wettersondenjäger war Niedermayr immer dann sehr aufgeregt, sein Puls ging schnell nach oben. Inzwischen ist er aber nach eigener Einschätzung sehr ruhig geworden. Sorge, dass er die Sonde nicht findet, hat er nicht; es könne nur sein, "dass sie 30 Meter hoch im Baum hängt".

    Ständige Veränderungen der Atmosphäre

    Beim Deutschen Wetterdienst laufen die Daten der Ozonsonde in Echtzeit ein. Und: Sie funktioniert perfekt! Wolfgang Steinbrecht, Leiter der Ozongruppe am Hohenpeißenberg, kann mit den Messergebnissen der vergangenen 50 Jahre die Veränderungen in der Atmosphäre belegen. Die große Gefahr beim Ozon sei ja die Zerstörung durch die Fluorchlorkohlenwasserstoffe, die Chlor vermehrt in die Stratosphäre gebracht hätten; das Chlor zerstöre das Ozon, so Steinbrecht. Ende der 90er Jahre habe man immer mehr Chlor gemessen. Dann ging der Anteil langsam zurück. Jetzt aber steige er wieder.

    "Das heißt, bei der Ozonschicht haben wir einiges bewirkt. Wir können als Menschen schon was gegen die Änderung unserer Umwelt tun." Wolfgang Steinbrecht, Deutscher Wetterdienst

    Sondenjäger als Konkurrenten

    Der Ballon ist nun geplatzt und diesmal sinkt die Sonde sehr langsam. Hans Niedermayr traut den Berechnungen deshalb nicht so ganz. Der Aufschlagpunkt sieht nach Sumpf und Wald aus. Im Nahbereich muss der Sondenjäger nach Gefühl fahren. Auch kann es sein, dass plötzlich 20 Kühe hinter einem herlaufen, immer ist Vorsicht geboten. Plötzlich taucht ein bekanntes Gesicht auf: Christian Andergassen, ein Konkurrent von Hans Niedermayr. Er will die Sonde auch haben – Hans muss nun beweisen, dass er der bessere Sondenjäger ist!

    Jetzt muss er darauf achten, dass er den richtigen Feldweg erwischt. Dazu braucht es Erfahrung und jede Menge Glück. 600 Meter ist Hans Niedermayr noch von der Sonde entfernt, doch plötzlich ändert die Sonde die Richtung. Beim Weiler Siebzger - zwischen Weyarn und Miesbach - marschiert Hans Niedermayr Richtung Maisfeld. Dicht gefolgt von seiner Konkurrenz. Wer von beiden wohl die Sonde finden wird? "Hier liegt das gute Ding!", ruft plötzlich Hans Niedermayr, "und die Sonde läuft sogar noch."

    Die Sonde bekommt der Finder. Wenn Hans Niedermayr sie dem Wetterdienst mal zurückbringt, erhält er "satte" 30 Euro Finderlohn. Aber das Gefühl, sie zu finden - das ist sowieso unbezahlbar.