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Schneekanonen für die schmelzende Antarktis? | BR24

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Schneekanonen für den Südpol? Kann künstliche Beschneiung die große Eisschmelze aufhalten?

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Schneekanonen für die schmelzende Antarktis?

Das Eis der Westantarktis wird auch schmelzen, wenn sich das Klima stabilisiert. Langfristig wird deshalb der Meeresspiegel ansteigen. Forscher haben nun eine Idee: Sie wollen die Antarktis mit Billionen Tonnen Meerwasser beschneien.

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Die Erwärmung der Ozeane infolge des Klimawandels führt zum Schmelzen des Eises in der Antarktis. Während in weiten Teilen des Kontinents eine Destabilisierung der Eisflächen aufgehalten werden könnte, wenn die Emissionen der Treibhausgase verringert würden, sieht das für die Westantarktis anders aus.

Das Eis der Westantarktis wird unwiderruflich schmelzen

Das Gebiet der Amundsensee in der Westantarktis ist warmen Meeresströmungen ausgesetzt. Die Gletscher der Region schmelzen unterhalb der Wasseroberfläche und könnten instabil werden. Die Geschwindigkeit des Eisverlustes ist bereits heute ein wichtiger Faktor für den weltweiten Anstieg des Meeresspiegels.

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Eisberg in der Antarktis

Um diesen Prozess nachvollziehen zu können, haben Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimaforschung (PIK) mithilfe von Computersimulationen errechnet, wie sich der Eisverlust in Zukunft entwickelt. Das Ergebnis lässt vermuten, dass der Eisschild der Westantarktis zusammenbrechen wird – auch wenn die Treibhausgasemissionen deutlich reduziert würden. Andreas Levermann, Physiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und der Columbia University in New York und einer der Autoren der Studie:

"Der Westantarktische Eisschild ist das erste Kippelement in unserem Klimasystem, das wir gerade kippen sehen. Der Eisverlust beschleunigt sich und hört wahrscheinlich erst auf, wenn der Eisschild der Westantarktis praktisch schon verschwunden ist." Andreas Levermann

Der Prozess könnte sich über Jahrhunderte hinziehen und ließe den Meeresspiegel um drei Meter ansteigen. Das würde die am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt entlang der Küsten von den Vereinigten Staaten über China bis an die Nordseeküste bedrohen.

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Eis in der Antarktis

Die Potsdamer Forscher haben nach einem Weg gesucht, wie man das Eis stabilisieren könnte. Sie haben simuliert, ob ein zusätzlicher Schneefall in einem hohen Niveau einen möglichen Kollaps der bedrohten Region stoppen könnte.

"Tatsächlich stellen wir fest, dass eine riesige Menge Schnee den Eisschild tatsächlich in Richtung Stabilität zurückdrücken und die Instabilität stoppen kann. Umgesetzt werden könnte dies durch eine enorme Umverteilung von Wassermassen. Mehrere hundert Milliarden Tonnen Wasser müssten pro Jahr aus dem Ozean gepumpt und über einige Jahrzehnte hinweg auf das Eis geschneit werden." Coautor Johannes Feldmann, PIK

Beschneiung der Antarktis: massiver Eingriff in die Natur

Den Forschern ist bewusst, dass so ein Vorgehen ein erheblicher Eingriff in die unberührte Natur wäre und erhebliche Umweltrisiken mit sich brächte. Denn um die Energie für die Beschneidung des Gebiets zu gewinnen, wäre eine gigantische Infrastruktur nötig: Das Meerwasser müsste hochgepumpt, entsalzt und erwärmt werden. Schneekanonen müssten in Betrieb genommen werden. Dafür wären Unmengen von Strom notwendig. Der dafür benötigte Windpark hätte eine Größenordnung von mehreren zehntausend High-End-Windturbinen.

"Einen solchen Windpark inklusive der dafür nötigen Infrastruktur in der Amundsensee zu errichten und derartige enorme Mengen an Meerwasser zu entnehmen, würde im Wesentlichen den Verlust eines einzigartigen Naturreservates bedeuten." Johannes Feldmann
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Eis unter Wasser in der Antarktis

Eine weitere Schwierigkeit wäre auch das raue antarktische Klima, das die technischen Herausforderungen kaum absehbar macht.

New York, Shanghai, Hamburg: Opfer des Meeresanstiegs

"Im Kern geht es um die Abwägung, ob wir als Menschheit die Antarktis opfern wollen, um die heute bewohnten Küstenregionen und das dort entstandene und entstehende Kulturerbe zu retten. Hier geht es um globale Metropolen, von New York über Shanghai bis nach Hamburg, die langfristig unterhalb des Meeresspiegels liegen werden, wenn wir nichts tun." Andreas Levermann

Die Sinnhaftigkeit dieses Unterfangen abzuschätzen, ist schwierig, so die Wissenschaftler – vor allem, wenn die menschengemachte globale Erwärmung nicht gestoppt wird. Solange das Pariser Klimaabkommen nicht eingehalten wird und die CO2-Emissionen nicht drastisch gesenkt werden, ist eine Realisierung wenig sinnvoll. Die Potsdamer Wissenschaftler sehen es aber als ihre Pflicht an, alle Optionen in Erwägung zu ziehen, um den Anstieg des Meeresspiegels zu verhindern.

"Die offensichtliche Absurdität des Unterfangens, die Antarktis künstlich zu beschneien, um eine Eisinstabilität zu stoppen, spiegelt die atemberaubende Dimension des Meeresspiegelproblems wider." Andreas Levermann.
© picture-alliance/Andrew Shepherd-University of Leeds/dpa

Schmelzendes Eis in der Antarktis