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Schießen oder schonen? Der Streit um die Gämsen | BR24

© picture-alliance/dpa

Die Gams, ein bayrisches Urviech, steht zwischen Jagdgesetz, Artenschutz und Waldumbau.

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Schießen oder schonen? Der Streit um die Gämsen

Die Alpengams hat keine Ruhe mehr. Seit Jahren streiten Naturfreunde, Förster und Tierschützer darüber, ob sie genug Lebensraum bekommt. Das größte Problem: Niemand weiß genau, wie viele Gämsen es in Bayern eigentlich gibt.

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Die Kürnach ist ein kleiner Höhenzug im Oberallgäu und natürlicher Lebensraum für Gämsen. Im vergangenen Jahr gab es dort heftige Auseinandersetzungen, weil der zuständige Forstbetrieb Sonthofen die erlaubten Abschusszahlen deutlich erhöht hat: Anstatt zehn Tiere wie bisher gab er für einen Zusammenschluss von Jagd-Revieren zwischen Bayern und Baden-Württemberg 28 Tiere zum Abschuss frei. Der Bayerische Jagdverband und der Tierschutzverein "Wildes Bayern" lehnten sich dagegen auf. Sie schätzen den Gesamtbestand deutlich kleiner ein als die Bayerischen Staatsforsten und haben Sorge, dass die Gams in der Kürnach ausgerottet werden könnte. "Dieser Bestand, den es jetzt in der Kürnach gibt, das ist ein Restbestand, und den wollen wir erhalten", sagt Hegeringleiter Reinhard Ochsenbauer.

Wie viel Tiere dürfen geschossen werden, um den Bestand zu sichern, aber auch den Wald vor Verbiss zu schützen? Der Konflikt um diese Frage schwelt auch andernorts in Bayern.

Förster wollen junge Wälder vor Verbiss durch Gämsen schützen

Am Sylvensteinspeicher wollen die Bayerischen Staatsforsten Bad Tölz einen Schutzwald aufbauen, damit der Speichersee über die Zeit nicht verlandet. Förster pflanzen dazu junge Bäume – und sind darauf bedacht, dass das Wild sie nicht gleich wieder abknabbert. Deshalb wurde die Schonzeit in dem Gebiet ausgesetzt und Gämsen dürfen ganzjährig gejagt werden. Am besten sollen sie sich ganz aus dem jungen Waldgebiet zurückziehen: "Die Aufhebung der Schonzeit dient der Vergrämung, also der Vertreibung des Wildes von diesen Flächen", sagt Forstbetriebsleiter Rudolf Plochmann.

Tierschützer für mehr Wildruhezonen für Gämsen

Tierschützer halten dagegen. Für sie ist der Speichersee am Sylvenstein nicht schützenswert genug, um dafür Wildarten wie der Gams einen Rückzugsraum zu nehmen. Die Biologin Christine Miller vom Verein "Wildes Bayern" meint, dass die Gams Ruhe braucht und die Möglichkeit, sich zurückziehen zu können. Darum ist ihr die Aufhebung der Schonzeit ein Dorn im Auge. In der Unterschriftenaktion "Rettet die Gams", die direkt an Ministerpräsident Markus Söder adressiert ist, fordert ihr Verein, die Aufhebung der Schonzeit in bestimmten Zonen wieder rückgängig zu machen.

Monitoring-Projekt des Landwirtschaftsministeriums

Seit 2016 gibt es ein Forschungsprojekt an der Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft, das Gams, Waldverjüngung und Schutzwald zusammen erforschen soll. Modellhaft werden dafür Gebiete im Karwendel und an der Kampenwand untersucht. Die Forscher analysieren dort Wildbestände, indem sie beispielsweise GPS-Technik nutzen, Fotofallen aufstellen oder sogar DNA aus Tierkot erforschen.

Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt sollen 2022 vorliegen – aber bereits im August 2019 meldete Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, dass allein im Karwendel 500 Gämsen lebten; der Bestand sei vital.

"Wir brauchen ein Monitoring, eine Bestandsaufnahme, die von unabhängigen Leuten mitkontrolliert wird. Und dann müssen wir die Art und Weise überdenken, wie wir Abschlusspläne machen." Dr. Christine Miller, Tierschutzverein "Wildes Bayern"

Verlässliche Bestandszahlen für ein nachhaltiges Wildtiermanagement

Tierschützerin Christine Miller hält das Forschungsprojekt für unzureichend. Um Gämsen nachhaltig schützen zu können, bedarf es ihr zufolge einer unabhängigen und umfassenderen Analyse dazu, wie viele Tiere denn tatsächlich in Bayern leben.

Gäbe es verlässliche Zahlen, müsste auch der Streit um die Gämsen in der Kürnach im Oberallgäu nicht mehr so hitzig geführt werden. Hegeringleiter Reinhard Ochsenbauer war im letzten Jahr beim Aufstand gegen den aus seiner Sicht überzogenen Abschussplan dabei. Über die Wellen, die der Protest schlug, war der Jäger selbst erstaunt. Ihm geht es eben darum, dass die Gämsen nicht überjagt werden und sie sich weiterhin fortpflanzen können.

Gams-Monitoring in der Kürnach

In der letzten Saison hat der Staatsforst die Gämsen dann von der Drückjagd verschont und es wurden insgesamt nur drei geschossen. Für Tierschützer ist das ein Beleg dafür, dass der Bestand sehr klein ist. Weil die Schätzungen dazu nach wie vor so weit auseinandergehen, will es der Bayerische Jagdverband jetzt genau wissen und wird ein Gams-Monitoring in der Kürnach in Auftrag geben. Für das Jahr 2020 hat man sich erst einmal auf einen Abschuss von 15 Tieren geeinigt.