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Riesiger CO2-Fresser: Ist Mais ein Klimaretter? | BR24

© picture alliance / blickwinkel

Mais bindet mehr CO2 als Bäume. Trägt Maisanbau also zum Klimaschutz bei?

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    Riesiger CO2-Fresser: Ist Mais ein Klimaretter?

    Schlechte Nachricht fürs Klima: Noch nie war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre höher als in diesem Jahr. Wie lässt sie sich senken? Durch Maisanbau - wird in landwirtschaftlichen Facebook-Gruppen propagiert. Doch ist das wirklich möglich?

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    Über 2.650.000 Hektar Mais wurden 2019 in Deutschland angebaut. Eine Million mehr als noch vor zwanzig Jahren. Aber steht mehr Mais auch für mehr Klimaschutz? Auf diese Behauptung stößt man jedenfalls immer wieder unter Landwirten.

    Behauptung: Mais bindet mehr CO2 als Wald

    "Mais bindet mehr CO2 als Wald", liest man da in landwirtschaftlichen Facebook-Foren. "Mais produziert 2- bis 4-mal mehr Sauerstoff als Wald", wirbt ein Saatguthersteller im Netz, genauso wie eine Bauern-Initiative aus Niedersachsen. Aber was ist da dran?

    Agrarökologin Annette Freibauer wird mit solchen Aussagen regelmäßig konfrontiert. Bei ihren Vorträgen zum Klimaschutz in der Landwirtschaft komme jedes Mal die Diskussion zur CO2-Bindung im Mais auf:

    "Die Vorstellung, je mehr ich produziere, desto mehr Kohlendioxid nehmen die Pflanzen auf und umso mehr Sauerstoff produzieren sie und das ist ein Beitrag zum Klimaschutz, dieses Märchen begegnet mir bei jedem Vortrag, den ich halte."

    Kann Landwirtschaft mit Mais beim Klimaschutz punkten?

    Ein Märchen? Fakt ist: Ein Hektar Mais bindet pro Jahr 30 Tonnen CO2, so das Deutsche Maiskomitee, ein landwirtschaftlicher Interessenverband. Dagegen entzieht ein Hektar Wald der Atmosphäre laut Bayerischen Staatsforsten jährlich nur 11 Tonnen CO2. Ein klarer Punktsieg für den Mais?

    Diese Berechnungen sind zwar stark vereinfacht - aber tatsächlich kann eine Maispflanze übers Jahr der Atmosphäre mehr CO2 entziehen und damit mehr Kohlenstoff binden als ein Baum. Laut Annette Freibauer von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) liegt das daran, dass Mais produktiver ist und schneller Biomasse aufbauen kann: "Die Pflanze wächst ja erst heran, hat im Unterschied zu einem großen Baum auch keine Organe, die sie noch zusätzlich versorgen muss und hat eine effizientere Photosynthese als ein Waldbaum."

    Mais gehört zu den sogenannten C4-Pflanzen, bei denen die Photosynthese - also die Nutzung von Kohlenstoffdioxid zum eigenen Wachstum und zur Sauerstoff-Produktion - effizienter abläuft als bei Bäumen.

    Mais kann CO2 nicht langfristig binden

    Dennoch leistet Mais - im Gegensatz zum Wald - keinen Beitrag zum Klimaschutz. Er steht nur ein paar Monate auf dem Acker, wird dann geerntet und egal, ob er in der Biogasanlage vergoren oder als Silage und Körnermais verfüttert wird - bei all diesen Prozessen wird wieder die Menge an Kohlenstoffdioxid freigesetzt, die die Pflanze der Atmosphäre entzogen hat.

    Und wenn der Mais nun stehen bleibt? Selbst dann bleibt das CO2 nicht im Boden, da Bodenorganismen die Pflanzenreste zersetzen. Sie produzieren dabei ungefähr so viel CO2, wie die Pflanzen vorher aus der Atmosphäre entzogen haben.

    Der Wald als Klimaschützer

    Der deutsche Wald speichert dagegen trotz Bewirtschaftung und absterbenden Bäumen langfristig mehr Kohlenstoff, als er wieder freigibt. Nach Berechnungen des Thünen-Instituts derzeit über 1,2 Milliarden Tonnen in der lebenden Biomasse und über 33 Millionen Tonnen im Totholz. Tendenz steigend.

    Darüber hinaus bleibt der Kohlenstoff auch auf Jahrzehnte weiter der Atmosphäre entzogen, wenn Bäume beispielsweise als Bau- oder Möbelholz verwendet werden.

    Weltklimarat: eine Milliarde Hektar Wald gegen Klimaerwärmung

    Der Weltklimarat IPCC schätzte 2018 in einem Sonderbericht, dass man mit rund einer Milliarde Hektar zusätzlichen Waldes (das entspricht etwa der Fläche der USA) die Klimaerwärmung bis 2050 auf 1,5 Grad begrenzen könnte.

    Für das Klima relevant ist zudem der Boden: Je humusreicher er ist, desto mehr Kohlenstoff speichert er. Denn beim Humus handelt es sich vereinfacht gesagt um abgestorbene Pflanzenteile, die im Boden eingelagert werden. Diese Pflanzenteile haben der Atmosphäre während ihres Wachstums CO2 entzogen. Humusreiche Böden leisten damit einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz. Grundsätzlich muss die Humusbilanz auf dem Maisacker bei entsprechender Bewirtschaftung aber nicht schlechter ausfallen als bei anderen Kulturen.

    Klimabelastung durch Umwandlung von Wiesen in Äcker

    Allerdings sind auch dem Maisanbau in den letzten Jahrzehnten erhebliche Flächen an Dauergrünland geopfert worden. Und damit genau jene Böden, die im Durchschnitt mit 181 Tonnen pro Hektar die größten Kohlenstoffvorräte enthalten – doppelt so viel wie im deutschen Ackerboden. Laut Freibauer von der LfL gehen durch die Umwandlung von Grünland in Acker 20 Prozent des Kohlenstoffs im Boden als Kohlendioxid in die Atmosphäre verloren: "Ein erheblicher Verlust."

    Dauergrünland wird inzwischen besser geschützt. Aber die Klimabelastung, die durch die Bodenumbrüche in der Vergangenheit entstanden ist, wird oft ausgeblendet.

    Fazit: Maisanbau in der Landwirtschaft ist kein Klimaretter

    Mais produziert Sauerstoff und Mais entzieht der Atmosphäre auch Kohlenstoffdioxid. Langfristig speichern kann die Kulturpflanze CO2 aber nicht. Bei der Verfütterung oder Verwertung entweicht wieder CO2. Mais leistet deshalb, anders als Wald, langfristig keinen Beitrag zur dauerhaften CO2-Reduzierung der Atmosphäre und somit auch nicht zum Klimaschutz.