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Renaturierung: Flüsse erholen sich nur langsam | BR24

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Auch der Fluss Altmühl im Altmühltal wurde renaturiert..

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Renaturierung: Flüsse erholen sich nur langsam

Seit Jahren werden in ganz Deutschland Flüsse renaturiert. Der naturnahe Rückbau soll den guten ökologischen Zustand wiederherstellen. Mit Erfolg? Zwei Renaturierungen zeigen, welche Weichen für die Artenvielfalt gestellt werden müssen.

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Die Altmühl schlängelt sich südlich von Gunzenhausen in Mittelfranken durch die Landschaft - seit ihrer Renaturierung 2016. Davor verlief sie schnurstracks durch die bewirtschafteten Felder. Am Uferrand wehen nun Weiden durch den Wind. Libellen und Eisvögel tummeln sich am Fluss. Im Wasser wirbelt es nur so von Artenvielfalt, oder? Sollte es zumindest, denn die Artenvielfalt zurückzubringen und einen guten ökologischen Zustand herzustellen, ist das Ziel der Renaturierung.

Gewässerqualität: Die Anzahl der Arten zählt

Prof. Andreas Hoffmann ist Gewässerökologe an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Er unterstützt das Wasserwirtschaftsamt Ansbach bei der Erfolgskontrolle der Renaturierung und untersucht mit seinen Studierenden einen wiederbelebten Altarm der Altmühl. Der Flussquerschnitt wurde bei Unterasbach verengt, um höhere Strömungsgeschwindigkeiten herzustellen und damit Arten anzulocken, die auf Fließgeschwindigkeit angewiesen sind. Hoffmann und seine Studierenden suchen jedoch nicht nur Fischarten, sondern sogenannte Makrozoobenthos-Arten. Das sind wirbellose Tierchen, die auf der Bachsohle umherkriechen. Köcherfliegen, Wasserkäfer und Libellenlarven – alles Arten, die in die Bewertung der Gewässerqualität einfließen. Kriecht da was in der Altmühl?

Ja, sagt Gewässerökologe Hoffmann: "Wir haben ungefähr zwanzig bis dreißig Arten zusammengebracht, was, wenn man das mit naturnahen Flüssen vergleicht, nicht so viel ist. In einem natürlichen Gewässer würden wir in der Zeit, in der wir gesammelt haben, ungefähr 60 Arten zusammenkriegen".

Die Folgen der Begradigung dauern lange an

Der Zustand der Altmühl sei unbefriedigend, gehe man nach den Kriterien der EU-weiten Wasserrahmenrichtlinie, so Hoffmann. Der Grund dafür ist, dass die Altmühl jahrelang in ein Korsett geschnürt wurde. Wie viele andere Flüsse in Europa wurde sie Anfang des 20. Jahrhunderts begradigt. Landwirte befürchteten, ihre Flächen würden bei Hochwasser versumpfen. Geholfen haben die Begradigungen jedoch nicht. Sie zerstörten mit dem kanalartigen Umbau ein ganzes Ökosystem.

Die Wiederherstellung eines Ökosystems braucht Geduld

Ein Jahrhundert später musste dann erneut zu schwerem Gerät gegriffen werden: Von 2009 bis 2016 wurde die mittlere Altmühl zwischen Treuchtlingen und Gunzenhausen renaturiert. Acht Millionen Euro, inklusive Grundstückserwerb, hat das Projekt, das vom Wasserwirtschaftsamt Ansbach durchgeführt wurde, gekostet. Dabei wurde mit Baggern ein neues Flussbett geschaffen, um das breite, tiefe Profil wieder enger und kurviger zu gestalten. Nur vier Jahre nach der Fertigstellung hat sich noch keine deutliche Verbesserung eingestellt: "Wir brauchen noch etwas Geduld, tatsächlich im Bereich von 20, 25 Jahren", fügt Hoffmann hinzu. "Was man über Jahrzehnte vermurkst hat, kann man nicht in wenigen Jahren zurückfahren und wieder in den natürlichen Zustand überführen". Nach dieser Zeit werde sich jedoch der Gewässerzustand verbessert haben.

Unterstützung durch Landschaftspflegemaßnahmen

50 Kilometer östlich der Altmühl: Hier fließt die Schwarzach bei Greding in Mittelfranken. Bereits in den 90er-Jahren hob man dort die Begradigungen auf und verlegte den Lauf des Flusses. Die Jahre der Geduld sind verstrichen, doch nun gibt es ein anderes Problem: Das Flussbett ist komplett überdeckt von Schilf. Nach der Renaturierung hoffte man, der Fluss würde sich seinen Weg zum guten ökologischen Zustand selbst bahnen: "Jetzt stellen wir eigentlich fest, das ist nicht so," sagt Rudi Krehan, Vorstand des Fischereivereins Forchheim-Obermässing. "Eine Renaturierungsmaßnahme braucht eine gewisse Betreuung. Das können Landschaftspflegemaßnahmen sein durch Beweidung oder Mahd."

Das Problem sei nicht nur, dass die Angler nicht mehr ans Gewässer kommen: Durch das Schilf verwurzelt die sandige Schwarzach. Laub und Äste verfangen sich darin – keine Chance für Fische, keine Chance für Biodiversität.

Ein kompliziertes Balancespiel

Ulrich Fitzthum und Cynthia Hegele vom Wasserwirtschaftsamt Nürnberg stimmen dem Angler zu, sehen jedoch ein anderes Problem: Mögliche Maßnahmen an der Schwarzach seien zwar, das Schilf abzumähen, Ufergehölze zu pflanzen oder den Uferrand zu beweiden, jedoch haben nicht nur die Angler Interesse am Gewässer. Bei den Planungen müssen daher auch Naturschützer, Vogelschützer und Fachleute für Insekten miteinbezogen werden. Das Schilf einfach abzumähen, könnte den Lebensraum für andere Arten zerstören - ein sehr kompliziertes Balancespiel, so Fitzthum. Der nächste Schritt sei deshalb ein ganzheitliches Konzept, keine groben Eingriffe ins Gewässer.

Ambitionierte Ziele der EU-Richtlinie

Anlass für die Renaturierungen ist die "Brüsseler Wasserrahmenrichtlinie" aus dem Jahr 2000, ein Schutz- und Nutzungskonzept für Gewässer. Mit dem Konzept sollte ein "guter" oder "sehr guter ökologischer Zustand" in Flüssen, Bächen und Auen hergestellt werden. Bis 2015 sollten alle Fließgewässer diesen Zustand erreicht haben.

Dieses Ziel wurde weit verfehlt: Bei einer Bewertung wiesen 2015 nur sieben Prozent der Fließgewässer in ganz Deutschland einen guten ökologischen Zustand auf, in Bayern immerhin 15 Prozent. Die Ziele wurden auf 2027 verschoben, doch auch das ist anspruchsvoll, sagt Prof. Hoffmann: "Ich denke, realistisch sind auf alle Fälle ein Drittel unserer Fließgewässer, aber wenn man ambitioniert ist, kann man sagen, 50 Prozent wären sinnvoll."

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