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Remdesivir: Warum Studien dringend gebraucht werden | BR24

© dpa-Bildfunk/Ulrich Perrey

Coronavirus: Das Ebola-Medikament Remdesivir macht Hoffnung, ersetzt aber nicht die Notwendigkeit von Studien.

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    Remdesivir: Warum Studien dringend gebraucht werden

    Weltweit läuft die Suche nach Wirkstoffen gegen Covid-19 auf Hochtouren. Zu über 50 Substanzen wird geforscht. Teilweise werden solche Medikamente schon eingesetzt, um Leben zu retten. Doch: Erfolge dieser Heilversuche können Studien nicht ersetzen.

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    Von
    • Bernd Thomas

    Für Ärzte ist es ein Dilemma: Nicht nur, dass es auf absehbare Zeit keinen Impfstoff gibt; es gibt aktuell auch keine Medikamente, die gegen Covid-19 zugelassen sind. Aber Mediziner brauchen gerade für schwer erkrankte Patienten dringend zusätzliche Behandlungsoptionen.

    In der Caritas-Klinik St. Josef in Regensburg setzt Dr. Werner Kargl, erfahrener Notfallmediziner und Leiter der dortigen Intensivstation, deshalb vereinzelt auch das Medikament Hydroxychloroquin ein. Das über 60 Jahre alte Malariamittel ist eines der erfolgversprechenden Medikamente, die im Rahmen international koordinierter Studien zu Covid-19 erforscht werden. Aber: Die Klinik St. Josef ist kein Studienzentrum. Das Medikament wird hier als letzte Option im Einzelfall eingesetzt, ohne gesicherte Datenlage.

    "Wir wünschen uns wirksame Mittel und Therapien gegen Covid-19. Die gibt es aber bisher nicht. Deshalb setzen wir bei einzelnen Patienten, bei denen alles darauf hindeutet, dass sie sich in akuter Lebensgefahr befinden, vereinzelt auch Medikamente wie Hydroxychloroquin ein. Wir wägen vorher sorgfältig Wirkungen und Nebenwirkungen gegeneinander ab. Denn es gibt Hinweise aus China und auch aus Italien, dass dieses Medikament wirksam ist bei dieser Erkrankung." Dr. Werner Kargl, Caritas-Klinik St. Josef, Regensburg

    Off-Lable-Use: Heilversuch mit bereits zugelassenen Medikamenten

    Wenn Kargl Covid-19-Patienten mit Hydroxychloroquin behandelt, geschieht das als so genannter Off-Lable-Use: Ärzte können ein Medikament, das bereits eine Zulassung für eine bestimmte Erkrankung hat, bei einem Patienten für eine andere Erkrankung "off-lable" einsetzen, wenn auch dort mehr positive als negative Wirkungen erwartet werden können.

    Allerdings haftet der Hersteller bei einem solchen Off-Lable-Use nicht für die sichere Anwendbarkeit und mögliche Neben- oder Wechselwirkungen. Die Verantwortung geht auf die behandelnden Ärzte über. Patienten müssen vorher umfassend aufgeklärt werden und ausdrücklich zustimmen.

    Eine solche Behandlung erfordert ein erfahrenes Ärzteteam und eine engmaschige Überwachung. Um gefährliche Nebenwirkungen zu verhindern, muss das Medikament auch schnell wieder gefahrlos abgesetzt werden können.

    Wie lassen sich Wirkungen nachweisen?

    Der Nachteil dabei: Auch nach einer scheinbar erfolgreichen Behandlung kann niemand genau sagen, ob der Erfolg tatsächlich auf das verabreichte Medikament zurückgeht.

    "Unser Eindruck ist, dass Hydroxichloroquin bei Patienten mit Covid-19 wirkt. Wir können das sehen an Veränderungen der Laborparameter. Aber mit letzter Sicherheit kann man das tatsächlich nicht sagen, weil wir natürlich nicht wissen, wie der Krankheitsverlauf bei diesem einzelnen Patienten wäre, wenn er das Medikament nicht bekäme." Dr. Werner Kargl, Caritas-Klinik St. Josef, Regensburg

    Dringend gebraucht: eindeutige Studienergebnisse

    Gültige Aussagen, ob und wie ein Medikament wirkt, lassen sich nur mit wissenschaftlichen Studien gewinnen. Die finden unter kontrollierten Bedingungen statt und werden nach genau definierten Verfahren ausgewertet.

    Covid-19-Medikamente: Ergebnisse wissenschaftlicher Studien bündeln

    Das braucht Zeit. Um trotzdem möglichst schnell gültige Daten zu erhalten, sollen laufende Fortschritte und Ergebnisse aktueller internationaler Forschungen in der Solidarity-Studie der WHO gebündelt werden. Auch die Ergebnisse deutscher Zentren fließen über die europäische Discovery Studie darin ein. Außerdem ist das Studiendesign so gewählt, dass Ansätze schnell hinzugenommen oder auch abgesetzt werden können, wenn sich die entsprechenden Wirkstoffe als gefährlich herausstellen.

    Gefährliche Nebenwirkungen

    Denn wie gefährlich selbst Medikamente sein können, die schon lange bekannt sind, wird deutlich am Abbruch einer Studie zu Hydroxychloroquin in Brasilien: Mehrere Patienten verstarben wahrscheinlich aufgrund zu hoher Dosierungen. Das Münchner Klinikum rechts der Isar ist eines von acht deutschen Studienzentren, die zu möglichen Covid-19-Medikamenten und aktuell auch zu Hydroxychloroquin forschen. Die Studien laufen nach strengen europäischen Standards und mit niedrigeren Dosen.

    "Es gilt eben nicht nur zu sagen, der Patient bekommt es und wird davon profitieren, sondern es gilt auch immer, sehr achtsam damit umzugehen: Besteht eine mögliche Schädigung durch entsprechende Medikation. Das sind zum Teil durchaus sehr aggressive Medikamente, die da zur Anwendung kommen." Prof. Dr. med. Gerhard Schneider, Klinik für Anästhesie und Notfallmedizin, Klinikum rechts der Isar, TU München

    Remdesivir: antivirale Wirkung

    Ein besonders vielversprechender Wirkstoff ist Remdesivr, der ursprünglich als antivirales Ebola Medikament entwickelt wurde. Infektiologe Dr. Christoph Spinner leitet im Klinikum rechts der Isar in München Studien, die auch Patienten mit mittelschweren Verläufen einbeziehen. Sie bekommen das Medikament für fünf bis zehn Tage verabreicht. Mehr als 20 Patienten wurden schon damit behandelt.

    Remdesivir: Zulassung noch in diesem Jahr?

    Ist Remdesivir vielleicht der lang ersehnte Durchbruch, auf den alle warten? Auch schwer betroffene Patienten werden im Klinikum rechts der Isar damit behandelt. Schon frühere Tests weisen darauf hin, dass Remdesivir gut verträglich ist. Zu möglichen längerfristigen Nebenwirkungen gibt es noch keine ausreichenden Erfahrungen.

    Das Medikament hat noch keine medizinische Zulassung. Die könnte aber noch dieses Jahr kommen, meinen die Experten, schneller als erwartet. Nämlich dann, wenn sich positive Wirkungen auch durch die laufenden Studien bestätigen lassen. Das könnte schon in wenigen Wochen sein. Die Erwartungen und Hoffnungen sind groß. Ohne den Optimismus dämpfen zu wollen, warnt Gerhard Schneider vom Klinikum rechts der Isar in München vor zu großer Euphorie.

    "Den Riesen-Durchbruch erwarte ich mir persönlich, ehrlich gesagt, nicht von den Daten, die bisher veröffentlicht sind. Es mag Patientengruppen geben, die von Teilen der Therapie profitieren. Aber es wird nicht das Zaubermedikament geben, das plötzlich alle Patienten heilt. So lange wir keinen Impfstoff haben, müssen wir die Lage also weiterhin sehr ernst nehmen." Prof. Dr. med. Gerhard Schneider, Klinik für Anästhesie und Notfallmedizin, Klinikum rechts der Isar, TU München

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