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Regionale Wiesensamen liefern mehr Futter für Insekten | BR24

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Blühende Bergwiesen bieten reichlich Futter für Bienen oder andere Blüten-bestäubende Insekten. Berchtesgadener Forscher suchen nach den perfekten Wiesensamen.

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Regionale Wiesensamen liefern mehr Futter für Insekten

Im Berchtesgadener Land suchen Forscher auf den artenreichen Wiesen nach den Samen der Pflanzen, die reichlich Nahrung für Insekten bieten. Regionales Saatgut unterstützt die regionale Vielfalt, ist aber gar nicht so leicht einzusammeln.

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Eine Packung Samen aus dem Baumarkt verspricht "Bienenfreundliche Blüten", doch "schön bunt" bedeutet nicht gleich, dass es allen Insekten schmeckt, denn viele Tierarten sind sehr wählerisch. Sie ernähren sich hauptsächlich von regionalen Blüten. Das Bienenvolksbegehren hat dazu geführt, dass auf vielen Flächen wieder Samenmischungen gesät werden. Auch Ausgleichsflächen in Gemeinden und Blühstreifen können einen Lebensraum für Insekten bieten.

Insekten mögen einheimische Pflanzen

Das Bundesnaturschutzgesetz regelt seit März 2020, dass nur noch heimische Wildpflanzen auf Ausgleichsflächen ausgesät werden dürfen. Denn nur regionale Wildpflanzen bieten für einheimische Tiere genügend Futter. Mit invasiven und exotischen Pflanzen ist es nicht möglich, das Ökosystem Wiese wiederzubeleben, bestätigen Forschungsergebnisse. Sie reduzieren die Artenvielfalt. Im Berchtesgadener Land suchen Forscher nach geeigneten Wiesen, um dort einheimische Samen zu ernten. Mit diesen sogenannten Spenderwiesen wollen sie Saatgut für die Region gewinnen.

Artenverlust durch Überdüngung und landwirtschaftliche Nutzung

Artenreiche Heuwiesen sind jedoch bei vielen Landwirten nicht gefragt, denn sie eignen sich nicht als Viehfutter. Damit Wiesen für die Landwirtschaft lukrativ sind, müssen sie mehrmals im Jahr gemäht und mit Gülle gedüngt werden. Bewirtschaftetes Grünland bietet für Bienen und andere Insekten keine Nahrung, sondern ist nur eiweißreiches Viehfutter. In solchen Wiesen sind nur noch 10 bis 15 verschiedene Pflanzenarten zu finden. Das ist ein Verlust der Artenvielfalt, betonen Forscher der Biosphärenregion Berchtesgadener Land.

"Wenn wir unsere heimische Biodiversität erhalten wollen, dann brauchen wir wieder mehr artenreiche Wiesen und das ist unser Ziel, dass wir wieder Flächen mehren." Dr. Peter Loreth, Leiter der Verwaltungsstelle Biosphärenregion Berchtesgadener Land

Kulturlandschaften mit artenreichen Wildpflanzen

Mit ihrem Projekt „Wild und kultiviert“ wollen die Forscher artenreiches regionales Saatgut gewinnen und suchen dazu Spenderwiesen. Im Berchtesgadener Land konnten sie bereits einige artenreiche Wiesen entdecken, zum Beispiel eine Almwiese in Marktschellenberg.

"In der Wiese finden wir gut 100 Arten Gräser und Kräuter und das ist natürlich schon was sehr Besonderes, dass man da noch so viel findet. Das liegt sicher an der Höhe von 800 Meter und es liegt auch an der Bewirtschaftung der Wiese. Weil die wird in dem Bereich zweimal gemäht und es kommt ganz wenig Mist drauf und damit kann sich auch so eine Artenvielfalt entwickeln." Sabine Pinterits, Landschaftsökologie und Biodiversität, Biosphärenregion Berchtesgadener Land

Auf einer Almwiese mit 100 Pflanzenarten können bis zu 1.000 verschiedene Tierarten leben, denn jede Wild- oder Kräuterpflanze liefert Nahrung und Lebensraum für 10 unterschiedliche Tiere, ob Insekten oder Vögel. Dieser Artenreichtum konnte sich über Jahrhunderte entwickeln und machte aus einer Kulturlandschaft ein wichtiges Ökosystem. Genau diese Vielfalt möchten die Forscher für andere Flächen nutzen, deshalb versuchen sie, den Samen von solchen artenreichen Wiesen zu ernten.

Herausforderung Almwiesen-Ernte mit einem "Elektro-Käfer"

In steilen Hängen, in denen noch blühende Wiesen zu finden sind, kann jedoch keine Mähmaschine zum Einsatz kommen. Da hilft nur Sense und Handarbeit. Jedoch Samen einzeln zu ernten brachte den Forschern bislang eine zu geringe Ausbeute, um daraus ausreichend Saatgut zu gewinnen. Deshalb ernten sie die wertvollen Samen mit einer mobilen Erntemaschine, einem sogenannten "E-Beetle". Dabei sammelt die Bürste des Elektro-Käfers die reifen Samen ein. Der Rest bleibt stehen, Insekten können flüchten und die Gräser anschließend noch gemäht werden. Entscheidend ist aber auch der richtige Zeitpunkt der Ernte: Denn nur von verblühten Pflanzen kann der Samen gewonnen werden, doch die reifen nicht alle zur selben Zeit.

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Die Bürste des mobilen Erntegeräts sammelt die reifen Samen ein.

Welche Ernte-Methode bringt die bessere Ausbeute?

Auf einer artenreichen Wiese im oberbayerischen Laufen testeten die Forscher eine weitere Methode Pflanzensamen zu gewinnen. Eine Fläche ernteten sie mit einem Balkenmäher und zum Vergleich einen anderen Abschnitt mit dem E-Beetle. Als erstes Ergebnis konnten sie schon feststellen, dass beide Methoden ähnlich viele Samen liefern, doch die Zusammensetzung der Arten ist unterschiedlich.

Perfekter Wiesensamen: regional und heimisch

Welches Saatgut sich für die Wiederaussaat am besten eignet, wird im Labor überprüft. Das Saatgut-Projekt "Wild und kultiviert" arbeitet grenzüberschreitend. In der österreichischen Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein, am Institut für Pflanzenbau und Kulturlandschaft, wird untersucht, wie Artenvielfalt am besten erhalten und gesteigert werden kann. Erste Labortests der Samen aus dem Berchtesgadener Land zeigen:

"Hier haben wir nicht nur Artenreichtum drinnen, sondern genau die regionalen Arten in ihrer regionalen Genetik, und das ist ein besonderer Wert, den kann man nirgendwo zukaufen, den hat man nur vor Ort." Dr. Bernhard Krautzer, Leiter Institut für Pflanzenbau und Kulturlandschaft Raumberg-Gumpenstein
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Kleine Blühstreifen mit regionalen Wildblumen

Kleine Blühstreifen fördern die Artenvielfalt

Die Berchtesgadener Forscher hoffen, mit ihrem Projekt einen Anfang für mehr regionale Vielfalt zu setzen. Es geht aber nicht darum alle landwirtschaftlichen Flächen umzustellen, sondern im Kleinen anzufangen und mehr Flächen zu gewinnen. Bereits kleine Blühstreifen können schon viel bewirken. Das kann man sogar im Vorgarten oder auf dem Balkon umsetzen, vor allem wenn man darauf achtet und einheimische Kräuter und Pflanzen als Futter für Insekten anbietet. Beispiele für insektenfreundliche, heimische Wildpflanzen gibt es auch beim Naturschutzbund NABU.

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