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Rattengift in der Fischleber | BR24

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Auf ein bis zwei Ratten pro Mensch schätzen Experten die Ungezieferdichte in Deutschland. Um den Bestand in Schach zu halten, bekämpfen Kommunen die Ratten häufig mit Gift. Doch offensichtlich landet das Gift oft auch in der Leber von Flussfischen.

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Rattengift in der Fischleber

Auf ein bis zwei Ratten pro Mensch schätzen Experten die Ungezieferdichte in Deutschland. Um den Bestand in Schach zu halten, bekämpfen Kommunen die Ratten häufig mit Gift. Doch offensichtlich landet das Rattengift oft auch in der Leber von Fischen.

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Ein Großteil der Städte und Gemeinden bekämpft Ratten in der Kanalisation nach dem gleichen Schema, das hat eine Umfrage des Umweltbundesamtes (UBA) aus dem Jahr 2017 ergeben: Zweimal im Jahr werden ungefähr in jeden zweiten Kanalschacht Giftköder gehängt, sie sehen in etwa aus wie ein Stück Seife.

Kommt es zu starken Regenfällen oder Rückstau, steigt das Abwasser bis zu Köderblöcken, das Gift wird gelöst und gelangt über die Kläranlage in den Fluss. Die Experten des UBA haben zusammen mit der Bundesanstalt für Gewässerkunde Fische in verschiedenen Flüssen untersucht. Die Ergebnisse waren überall ähnlich: Egal ob in Rhein, Elbe, Donau, Iller - egal ob Flussbarsch, Zander, Bachforelle, Döbel: Fast alle hatten Rattengift in der Leber. Auch die Karpfen, die man versuchsweise in Abwasserteichen gehalten hat.

Rattengift ist kaum abbaubar

Die Giftstoffe, die in den Fischlebern nachgewiesen worden sind, gehören zu den sogenannten Anti-Koagulanzien der zweiten Generation. Anti-Koagulanzien bedeutet: Das Gift behindert die Blutgerinnung, die Ratten sterben nach ein paar Tagen an inneren Blutungen.

Mit "Zweite Generation" ist gemeint: Die Wirkstoffe wurden in den 1970er und 1980er-Jahren entwickelt, sie sind giftiger als die früheren Antikoagulanzien. Damit sind sie auch für die Umwelt gefährlicher. Denn sie bauen sich kaum ab und sie reichern sich in Organismen an. In der Fischleber stärker als in den Muskeln.

Auch für den Menschen eine Gefahr?

Inwieweit das Rattengift auch für Menschen, die Flussfische essen, gefährlich sein könnte, haben die Wissenschaftler nicht untersucht. Man weiß bislang noch nicht einmal, ob das Rattengift in der Fischleber die Vitalität der Fische beeinträchtigt.

Dazu starten im oberbayerischen Wielenbach, einer Außenstelle des Landesamtes für Umwelt in Augsburg, gerade weitere Versuche. Ein andere offene Frage: Inwieweit reichert sich das Rattengift auch in anderen Tieren an? Auch das soll in einer Studie geklärt werden. Die konkrete Fragestellung: Finden sich die Rattengifte auch in den Fischräubern Kormoran und Otter?

Vermutlich sind auch Füchse und Marder betroffen, die tote Ratten fressen. Oder Singvögel und Igel, die an Giftköderstationen gehen, die oberirdisch aufgestellt sind.

Eigentlich strenge Vorgaben, doch nicht alle halten sich daran

Die Ausbringung von Antikoagulanzien der zweiten Generation ist eigentlich streng geregelt: Sie dürfen eigentlich nur bei einem nachgewiesen Befall ausgebracht werden. Es müssen Ratten gesichtet worden sein oder zumindest Kot- oder Beißspuren. Der bloße Verdacht reicht nicht.

Darüber hinaus ist sicher zu stellen, dass das Gift nicht ins Wasser oder Abwasser gelangen kann. Doch daran halten sich längst nicht alle Kommunen, wie die Fischlebern zeigen.

Neu-Ulm auf der Suche nach Alternativen

Bei der Stadtverwaltung Neu-Ulm ist man sich des Problems inzwischen bewusst. Rattengift-Köder werden nur ausgebracht, wenn ein Befall vorhanden ist. Und dann regelmäßig kontrolliert.

Jochen Meissner, der Chef der Stadtentwässerung, hat schon ein paar umweltfreundliche Rattengift-Köderstationen getestet. Eine wasserballgroße rote Boje zum Beispiel. Sie sorgt dafür, dass der Giftköder auch bei ansteigendem Wasserspiegel nicht mit dem Abwasser in Berührung kommt. Ihr Preis: 350 Euro. Dazu kommt, sie ist aufwändig in der Handhabung, die Ratten haben schon einmal das Befestigungsseil abgebissen. Auch andere Modelle, die zum Teil doppelt so teuer sind, überzeugen Jochen Meissner nicht völlig: "Wir sind in der Findungsphase"

Keine Lebensmittel in die Toilette werfen

Am einfachsten und wirkungsvollsten kann die Bevölkerung selbst die Ratten bekämpfen. Indem sie sich an die Entsorgungsvorschriften der Kommunen hält und aufhört, die Ratten zu "füttern". Das heißt: Keine Lebensmittel in die Toilette oder in den Ausguss schütten.

"Wenn das Essen an der Ratte vorbeischwimmt, dann geht die auch nicht an den Köder", so Meissner. Lebensmittel im Abwasser locken die Ratten in die Kanalisation und über die Abwasserrohre in die Wohnungen, in denen Lebensmittel in die Toilette geschüttet werden.

Bis im fünften Stock hat Jochen Meissner schon Ratten gesehen, die über die Abwasserrohre gekommen sind. Sie beißen auf dem Weg an die Nahrungsquelle dann unter Umständen auch Rückstauklappen weg und richten große Schäden an.

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