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Rätselraten um Tiersterben vor russischer Halbinsel Kamtschatka | BR24

© dpa-Bildfunk

Ein toter Fisch liegt am Strand von Khalaktyr auf der Halbinsel Kamtschatka zwischen verendeten Seesternen.

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    Rätselraten um Tiersterben vor russischer Halbinsel Kamtschatka

    Nach dem massenhaften Tiersterben an der Küste Kamtschatkas im Fernen Osten Russlands suchen die Behörden weiter nach Ursachen. Nun soll eine Alge schuld an der Meeresverseuchung sein. Unklar ist jedoch, ob dies der einzige Auslöser ist.

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    Hunderte tote Robben, Fische und anderer Meerestiere, gelblich schäumendes Meereswasser, Surfer, die über Erbrechen, Fieber und Augenbrennen klagen: Auch mehrere Wochen nachdem Umweltschützer von einer massiven Meeresverschmutzung vor der russischen Halbinsel Kamtschatka berichteten, liegen die Ursachen für die Verseuchung im Dunkeln.

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    Proben von Wasser, Strand, Tieren und Mikroorganismen haben nach Angaben der Behörden und auch der Umweltschützer vor Ort bislang keinen Aufschluss über die Hintergründe für das Tiersterben gegeben. Fest steht aber: In zehn bis 15 Metern Tiefe seien in der Bucht vor der Regionalhauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski bis zu 95 Prozent der Tiere tot, so der Gouverneur Wladimir Solodow. Analysen der Behörden hatten vergangenen Woche gezeigt, dass in den Küstengewässern vor Kamtschatka die Werte für Erdölprodukte vierfach, das Vorkommen von Phenol um das 2,5-fache erhöht waren.

    Vermutungen schießen ins Kraut

    Da es derzeit keine eindeutige Erklärung für die „ökologische Katastrophe“ (Greenpeace) gibt, schießen vor Ort die Vermutungen zu den Ursachen ins Kraut. Seismische Aktivitäten der umliegenden Vulkane, leckende Mülldeponien, Sonderabfälle verklappender Schiffe, auch Militärübungen mit Raketentests, die vor etwa einem Monat in der Region stattfanden, wurden als mögliche Verursacher vermutet. Doch alle Verdachtsmomente liefen bislang ins Leere.

    Bislang keine menschgemachte Ursache gefunden

    Die russische Marine teilte mit, dass Schiffe der Pazifikflotte nicht für die Umweltschäden verantwortlich seien. Und auch die nahe gelegenen Giftmülldeponien scheiden nach Angaben russischer Experten als Ursache aus. Es gebe keine Spuren von Phenolen, Erdölprodukten und Schwermetallen in Wasserproben an den anliegenden Flüssen Mutnuschka und Nalytschewa, sagte Alexej Oserow, der Direktor des Instituts für Vulkanologie und Seismologie. Als Quelle für die Verschmutzung komme auch ein Schießplatz der Armee nicht infrage, hier würden weder Raketentreibstoffe noch Schmierstoffe gelagert. Angesichts der unklaren Lage bat Gouverneur Solodow am vergangenen Wochenende ausländische Wissenschaftler um Unterstützung.

    Alge als Verursacher?

    Nur einen Tag später befeuerte eine Nachricht aus Moskau das Rätselraten um das mysteriöse Tiersterben vor Kamtschatka. Analysen von Wasserproben hätten eine "hohe Konzentration" der Mikro-Alge Gymnodinium nachgewiesen, so der stellvertretenden Leiter der Russischen Akademie der Wissenschaften, Andrej Adrijanow. Nach seinen Angaben produziere diese Algen ein Toxin mit verheerenden Auswirkungen auf wirbellose Tiere. Auch bei Menschen könne sie demnach Gesundheitsprobleme auslösen und zumindest zum Teil für die Verseuchung verantwortlich sein.

    Adrijanow widersprach zugleich Hypothesen, giftige Chemikalien hätten zu einer Verseuchung des Meeres geführt. Das Phänomen der Algenkonzentration sei für die Halbinsel "keine Seltenheit", so der Experte. Die Natur werde sich "von allein und sehr rasch" wieder regenerieren. "Es genügt zu warten, das Phänomen wird von selbst wieder verschwinden."

    Greenpeace-Probe bringen keine neuen Erkenntnisse

    Kurz zuvor hatte Greenpeace Russland beklagt, dass die Situation vor Ort sich nicht verbessert habe. Nach wie vor würden in der Bucht tote Tiere angeschwemmt. Die Umweltschützer haben nun nach eigenen Angaben tote Seesterne und Seeigel untersuchen lassen. Aber auch diese Befunde sind nicht eindeutig:

    "Derzeit ist kein Inhaltstoff in den von den russischen Behörden oder von Greenpeace untersuchten Proben gefunden worden, der solche gravierenden Auswirkungen in Kamtschatka verursacht haben könnte. Das bedeutet, dass die Suche nach der Ursache der ökologischen Katastrophe weitergehen wird. Beide Versionen (technologische und natürliche Ursachen) bleiben auf dem Tisch." Greenpeace Russland

    In einer Petition forderten knapp 175.000 Menschen am vergangenen Montag eine "offene Untersuchung".

    Nähere Untersuchung vor Ort notwendig

    Deutsche Wissenschaftler, die sich mit der Ökologie der Meeresalgen beschäftigen, bemängeln die unzureichende Information in der Mitteilung des russische Experten, dass eine Mikro-Alge das massenhafte Tiersterben vor Kamtschatka ausgelöst habe.

    „Es ist hier nur von „Gymnodinium“ die Rede, und hinter dieser Gattung aus der Gruppe der Dinoflagellaten verbergen sich mehrere hundert Arten, darunter mehrere sehr verschiedene toxische Vertreter, deren Gifte auch für den Menschen gefährlich werden können.“ Urban Tillmann, Experte für die Ökologie des Phyto- und Protozooplankton, Alfred-Wegener-Institut – Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI)

    Für eine solide Beurteilung der Sachlage sei es unbedingt nötig, die verursachende Algenart und deren Gifte sehr genau zu bestimmen, so Urban Tillmann.

    Lage schwer einzuschätzen

    Ob giftige Mikroalgen für alle beobachteten Schädigungen verantwortlich sein können, sei deshalb schwer einzuschätzen, sagt der Chemiker und AWI-Experte für Marine Toxine, Bernd Krock.

    „Gifte von Dinoflagellaten können Massensterben von Meeresorganismen bewirken, oder – in Muscheln angereichert – nach Verzehr wiederum Vergiftungen nach sich ziehen. Oder Sie können auch für Reizungen der Atemwege beim Menschen verantwortlich sein. Allerdings sind Hautreizungen beim Menschen, wie sie aus Kamtschatka beschrieben sind, bisher nicht durch Gifte von Dinoflagellaten bekannt.“ Bernd Krock, Chemiker und Experte für Marine Toxine, AWI

    Ob das verseuchte Meerwasser vor Kamtschatka also allein auf ein massives Vorkommen von giftigen Mikro-Algen zurückzuführen sei, könne man nur sagen, wenn man das Phänomen vor Ort genauer untersuche, so die Wissenschaftler aus Bremerhaven.

    Massive Algenblüte denkbar

    Anke Kremp, Phytoplanktonökologin und Expertin für toxische Algen am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde, bekräftigt allerdings die Vermutung der russischen Wissenschaftler, dass hinter den massenhaft angeschwemmten toten Meerestieren und der gelblichen Färbung des Meereswassers eine massive Algenblüte stehen könnte.

    Die beschriebenen Symptome ähnelten denen der von der Panzergeisselalge Karenia brevis verursachten Blüten in anderen Meeresgebieten. An den Küsten Floridas beispielsweise gehen diese regelmäßig mit einem Massensterben von Meerestieren einher.

    „Vorkommen von Karenia brevis wurden in jüngeren Studien allerdings auch vor der östlichen Küste Russlands nachgewiesen.“ Anke Kremp, Phytoplanktonökologin und Expertin für toxische Algen, Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde

    Indizien für Vergiftung durch natürliche Toxine

    Während der Blüte produziert Karenia brevis ein hochpotentes Nervengift, das sogenannte Brevetoxin. Dieses Gift sammelt sich in der Nahrungskette der Meerestiere an. „Brevetoxine können dabei nicht nur Fische und andere Meerestiere töten, sondern auch Vergiftungserscheinungen wie Schwindel und Atemprobleme beim Menschen hervorrufen“, sagt Algenexpertin Anke Kremp. Auch das gelblich gefärbte Wasser spreche für die Beteiligung von Karenia brevis am Geschehen vor Kamtschatka.

    Klimawandel könnte Rolle spielen

    Das Auftreten einer massiven Algenblüte, könnte durch den Klimawandel begünstigt sein. Veränderte Wetter- und Windverhältnisse führen vermehrt dazu, dass außergewöhnlich dichte Blüten entstehen, die mit ähnlichen wie den vor Kamtschatka beobachteten Auswirkungen auf marines Leben einhergehen, so Kremp. Einen Zusammenhang mit erhöhten Erdöl- und Phenolfunden im Meereswasser vor Kamtschatka sieht die Meeresforscherin nicht.

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