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    Post-Covid-Syndrom: Das sind die schweren Spätfolgen von Corona

    Nach WHO-Angaben haben 80 Prozent der akut Corona-Erkrankten nur leichte Symptome. Jetzt zeigen erste Langzeit-Studien: Auch bei mildem Verlauf können Monate später noch schwere Spätfolgen auftreten, an Lunge, Muskeln, Gehirn, Herz oder Nieren.

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    • Astrid Uhr

    14 Tage Quarantäne, und dann schnell zurück an den Arbeitsplatz: So planen manche Corona-Infizierte. Denn wer an Covid-19 erkrankt, muss nicht einmal Fieber haben. Internationale Studien wie die Wuhan-Studie haben nun Covid-Patienten auf Langzeitfolgen untersucht. Ergebnis: Sechs Monate nach der Akut-Erkrankung litten drei von vier Patienten noch an schweren Langzeitfolgen, also an einem Post-Covid-Syndrom. Trotz eines zunächst milden Krankheitsverlaufs können später noch schwere Symptome auftreten.

    Milder Verlauf schützt nicht vor Corona-Spätfolgen

    Rebbeca ist jung, sportlich, ohne Vorerkrankungen. Anfang April 2020 erkrankt die 25-jährige Münchnerin an Corona. Sie erholt sich Zuhause, ohne stationäre Behandlung. "Nach zwei Wochen Quarantäne bin ich zurück ins Kinderheim zum Arbeiten", erzählt die Sozialpädagogin. Sie wollte "ihre Kinder" nicht alleine lassen. Im Herbst, fünf Monate später, hat sie Atemnot beim Treppensteigen, kann sich schlecht konzentrieren, fühlt sich schlapp.

    Ihr Hausarzt verweist sie zunächst an einen Lungenarzt, dann weiter an einen Kardiologen und an einen Neurologen. Die Nachuntersuchungen zeigen: Sie hat eine Herzmuskel-Entzündung, ihr linker Lungenflügel ist immer noch stark angegriffen, sie hat Konzentrationsprobleme. "Dass mich jungen, sportlichen Menschen Corona mal so hart erwischt, hätte ich nie gedacht", sagt Rebecca. Ein leichter Verlauf schützt also nicht vor schweren Spätfolgen.

    Post-Covid-Syndrom: Sammelbegriff für Spätfolgen

    Heute weiß Rebecca: Sie leidet an einem Post-Covid-Syndrom. So bezeichnen Wissenschaftler Symptome, die auch drei Monate nach der akuten Erkrankung noch festgestellt werden oder überhaupt erst auftauchen können. Das macht die Krankheit so schwer greifbar. "Bei manchen Patienten flammen sechs Monate nach ihrer Akut-Erkrankung solche Beschwerden auf, dass sie sogar stationär behandelt werden müssen", beobachtet Pneumologe Prof. Dr. Rembert Koczulla von der Schön Klinik Berchtesgadener Land, einer Reha-Klinik speziell für Covid-Patienten.

    Zu Post-Covid-Symptomen zählen primär Fatigue, also chronische Müdigkeit, Herzprobleme, Konzentrationsschwäche, Luftnot, Husten. Übrigens, im englischen Sprachraum hat sich der Begriff "Long Covid" durchgesetzt, deutschsprachige Wissenschaftler reden eher von "Post Covid".

    Reha-Aufenthalt: Langsam, aber sicher Fortschritte

    Mittlerweile achtet Rebecca auf ihren Körper. In der Reha-Klinik für Lungenheilkunde im oberbayerischen Schönau am Königssee trainiert sie ihre Muskulatur, ihre Ausdauerfähigkeit, ihr Lungenvolumen. Fünfmal die Woche tritt sie auf einem Fahrrad-Ergometer, für jeweils zehn Minuten, der Tritt-Widerstand wird langsam gesteigert, von 40 auf 50 Watt. So gewinnt die 25-jährige Münchnerin langsam wieder Vertrauen in ihren Körper. Ihr Traum ist, im Sommer wieder regelmäßig Sport zu treiben. Schwertkampf und Historisches Fechten im Verein sind ihre große Leidenschaft.

    Dank der Kur ist ihr Herz nun gesund und die Atemübungen in der Gruppe "mittel" schafft sie problemlos. Ihre Gesundheit bessert sich also - noch muss sie sich aber mit langsamen Spazierengehen zufriedengeben, bedauert Rebecca. "Ich bin eigentlich ein sehr ungeduldiger Mensch, aber Corona hat mich Langsamkeit gelehrt - und Geduld".

    Hausärzte gefordert: Nachsorge bei Corona-Patienten

    Während der ersten Pandemie-Welle im Frühjahr 2020 hätten sich die Mediziner vor allem auf die Lungenprobleme der Corona-Patienten konzentriert, erklärt Prof. Koczulla. "Heute wissen wir, dass wir viel breiter diagnostizieren müssen." Auch Herz, Niere, Gehirn, Gefäße könnten betroffen sein. Vor allem Fatigue sei ein prominentes Symptom in internationalen Studien.

    Es sei nun wichtig, über einen längeren Zeitraum Nachkontrollen durchzuführen, chronische Folgen zu vermeiden. Hier seien nun vor allem die Hausärzte gefordert: Sie müssten in der Nachkontrolle mögliche Post-Covid-Patienten herausfiltern und gegebenenfalls zu den entsprechenden Fachärzten weiterschicken. "Fachgesellschaften empfehlen einen multidisziplinären Ansatz", weiß Prof. Koczulla.

    Unterstützung bei Post-Covid-Ambulanz und Selbsthilfe-Gruppen

    "Ich bin so schlapp" oder "Ich vergesse ständig alles", das sagen Corona-Betroffene häufig noch Wochen später nach ihrer Erkrankung. Nach BR-Recherchen schämen sich auch viele Erkrankte für ihre Spätfolgen. Im Hintergrundgespräch bestätigen Mitarbeiter der Schön Klinik Berchtesgaden diesen Eindruck des schlechten Gewissens. Dazu käme noch: "Viele Covid-19-Patienten machen sich selbst Vorwürfe, andere unwissentlich angesteckt haben zu können." Betroffene brauchen also oft auch eine psychotherapeutische Begleitung, neben der Nachkontrolle organischer Einschränkungen.

    Die Spätsymptome sind immer noch sehr unspezifisch und schwer zu beurteilen in Bezug auf bleibende Schäden. Hilfe bieten neu eingerichtete "Post-Covid-Ambulanzen", wie z.B. die Ambulanz an der Medizinischen Klinik der Universität München. Die behandelnden Ärzte haben einen fächerübergreifenden Ansatz, sie lotsen die Betroffenen bei Bedarf weiter an Spezialisten.

    Reha-Kliniken spezialisieren sich auf Covid-19-Patienten

    Außerdem können Betroffene auch Heilbehandlungen in Anspruch nehmen, manche Reha-Kliniken in Bayern haben sich bereits auf Covid-19-Patienten spezialisiert, wie die Schön Klinik Berchtesgadener Land oder der Medical Park Chiemseeblick.

    Wichtig für Covid-19-Patienten ist auch der Austausch mit anderen Betroffenen, das ist in Selbsthilfe-Gruppen möglich. Die ersten Selbsthilfe-Gruppen im süddeutschen Raum sind Mühldorf am Inn, in Nürnberg und München gegründet worden.

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