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Possoch klärt: Was verrät der ESC über Europa? | BR24

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Possoch klärt: Was verrät der ESC über Europa?

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    Possoch klärt: Was verrät der ESC über Europa?

    Morgen findet das Finale des 64. Eurovision Song Contest in Tel Aviv, Israel, statt. Vor welchen Herausforderungen der ESC dort steht und wie politisch er ist: Possoch klärt!

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    "Der ESC ist ein Fenster zur Europa", sagte Irving Wolther, bekannt als "Dr. Eurovision", einmal im Interview mit der Westfalenpost. Der ESC führe einen zu Ländern, zu deren Kultur und Musik man sonst keinen Zugang hat.

    Politik gehört dabei schon immer zum Programm. Wer überhaupt am ESC teilnehmen darf, unter welchen Herausforderungen Tel Aviv den Wettbewerb meistern muss und was der Eurovision Song Contest über Europa verrät - Possoch klärt!

    Dieses Jahr singen Künstler aus 41 Ländern um den Sieg. Deutschland will mit dem Gesangsduo Sisters punkten. Den letztjährigen ESC in Lissabon gewann die israelische Sängerin Netta mit ihrem Song "Toy". Damit holte sie den Musikwettbewerb nach Tel Aviv.

    "Die Eurovision ist eine Gelegenheit für eine unglaubliche weltweite Präsentation." Ron Chuldai, Bürgermeister von Tel Aviv

    Tel Aviv will unter dem Motto "Dare To Dream!" ("Wage zu träumen!") glänzen. Das Finale steigt am Samstag, den 18. Mai, in der Veranstaltungshalle Expo im Norden der Stadt - unter strengen Sicherheitsvorkehrungen.

    ESC in Israel zu Zeiten des Nahostkonflikts

    Denn erst Anfang Mai hatten militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Hunderte von Raketen auf Israel abgefeuert. Die israelische Armee reagierte mit Vergeltungsangriffen. Auf beiden Seiten gab es Tote. Nun herrscht Waffenruhe, doch die Lage ist weiterhin angespannt. Das Auswärtige Amt warnt derzeit vor Reisen in den Gazastreifen. Von Aufenthalten im unmittelbar angrenzenden Gebiet wird dringend abgeraten.

    In Tel Aviv sei hingegen nichts von einer Krisenstimmung zu spüren, berichtet BR-Korrespondent Tim Aßmann. Zwar wurde das Sicherheitsaufgebot verstärkt und rund um die Stadt Luftabwehrbatterien mit Abfangraketen positioniert, trotzdem könne man auf der Fanmeile am Strand unbedenklich feiern. Man freue sich auf ein "heiteres, entspanntes Event weitab von Politik und Nahostkonflikt."

    Song Contest: Kritik und Boykottaufrufe im Voraus

    Die Ausrichtung des ESC in Israel sorgte im Vorfeld durchaus für internationale Kritik. Künstler aus aller Welt riefen dazu auf, die Veranstaltung zu boykottieren. Sie begründeten dies mit Israels Vorgehen gegen die Palästinenser und forderten die Verlegung des ESC in ein Land "mit einer besseren Menschenrechtsbilanz".

    Dass das ESC-Finale ausgerechnet in den jüdischen Schabbat fällt, sorgte außerdem bei vielen ultra-orthodoxen Juden für Entrüstung.

    Trotz Konflikt und Boykottversuchen rechnet Tel Aviv mit bis zu 10.000 ausländischen Touristen. Ein großer Besucherstrom wird wohl ausbleiben, die Hotelpreise wurden zuletzt wieder nach unten korrigiert. Diejenigen, die zum ESC reisen, können sich auf ein eigens errichtetes "Eurovision-Dorf", Gratis-Konzerte, Public Viewing und ein begleitendes Kulinarik-Festival freuen. Zur Sicherung der verschiedenen Veranstaltungen in Tel Aviv setzt Israel rund 8.000 zusätzliche Polizisten ein.

    Sisters ohne Favoritenrolle in Tel Aviv

    Als Favorit wird derzeit der niederländische Sänger Duncan Laurence ("Arcade") gehandelt. Auch John Lundvik aus Schweden ("Too Late For Love") und Kate Miller-Heidke aus Australien ("Zero Gravity") hätten laut den Buchmachern gute Chancen auf einen ESC-Sieg, genauso der Russe Sergey Lazarev ("Scream"), der es mit dem dritten Platz 2016 in Stockholm schon einmal auf das Siegertreppchen geschafft hat.

    Das deutsche Duo Sisters, das mit seinem Song "Sister" für mehr Solidarität unter Frauen werben will, wird dagegen bei Wetten eher im unteren Mittelfeld gesehen. Dies gilt auch für den israelischen Kandidaten Kobi Marimi ("Home"). Außer Konkurrenz sollen dieses Jahr zudem internationale Stars wie Madonna und die Schauspielerin Gal Gadot auf der Bühne stehen.

    Will ein Land am ESC teilnehmen, muss es nicht in Europa liegen

    Veranstaltet wird der Eurovision Song Contest von der European Broadcasting Union (EBU). Teilnehmen darf jedes Land, das zur EBU gehört. Dafür muss es nicht zwingend geografisch in Europa liegen, aber die europäischen Werte Freiheit und Demokratie hochhalten. Wie das funktioniert? Possoch klärt!

    Genau diese Werte untersucht der Freedom House Index seit 1973. Die Institution mit Sitz in Washington wird größtenteils von der US-Regierung finanziert und unter anderem auch vom EU-Menschenrechtsprogramm sowie von den Regierungen Kanadas, der Niederlande und Norwegens unterstützt.

    Wie frei und demokratisch sind ESC-Länder?

    Demnach werden dem ESC-Gastgeber-Land Israel 78 von 100 Punkten zugeschrieben. Favorit Holland vereint 99 Punkte auf sich, Deutschland 94. Russland hat 20 und Aserbaidschan 11 Punkte. Neben Freedom House gibt auch Reporter ohne Grenzen Auskunft über das Maß an Informationsfreiheit in einem Land. Das Ergebnis ist ähnlich: Die Lage in den Niederlanden wird als gut eingestuft, in Russland ist sie schwierig und in Aserbaidschan sehr ernst.

    Warum es beim Song Contest nicht nur um Musik geht

    Wie frei und demokratisch ein Land ist, bedeutet jedoch nicht automatisch eine positive Akzeptanz des ESC und seiner Kandidaten. Nachdem er den Vorentscheid gewonnen hatte, wurde der Franzose Bilal Hassani aufgrund seiner Homosexualität und marokkanischer Herkunft massiv angefeindet und erhielt sogar Morddrohungen.

    Warum es beim ESC also nicht nur um Musik geht und Gesangsqualität oder Performance nicht immer darüber entscheiden, wie viele Punkte ein Land bekommt, Possoch klärt!