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Erhängt und verhungert: Plastik - tödliche Gefahr für Basstölpel | BR24

© Bayerischer Rundfunk / IQ - Wissenschaft und Forschung

Auf Helgoland bauen Vögel ihre Nester nicht nur aus unscheinbaren Algen, sondern sie nehmen auch bunte Plastikschnüre vom Strand zu Hilfe. Besonders Basstölpel mit ihren langen Hälsen verheddern sich in dem Plastik und sterben.

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Erhängt und verhungert: Plastik - tödliche Gefahr für Basstölpel

Blau und orange leuchtet das Plastik von Helgolands Lummenfelsen, wo Seevögel wie Basstölpel und Trottellummen ihre Nester bauen. Denn der Plastikmüll ist beliebtes Baumaterial für ihre Nester - und eine tödliche Falle für die Tiere.

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Helgoland ist eine kleine Insel in der offenen Nordsee. Von der schleswig-holsteinischen Küste bei Sankt Peter-Ording sind es knapp 50 km bis zu dem Vogelparadies. In Helgoland werden europaweit besonders viele verschiedene Vogelarten nachgewiesen - darunter fünf für Deutschland einzigartige Brutvogelarten: Tordalk, Trottellumme, Eissturmvogel, Dreizehenmöwe und Basstölpel.

1991 wurde das erste Basstölpelpaar auf der Insel sesshaft. Mittlerweile gibt es mehr als 1.100 Brutpaare. Basstölpel sind erst mit fünf Jahren brutreif und können bis zu 37 Jahre alt werden. Sie bauen in den Felsen von Helgoland ihre Nester, in die sie ein Ei legen.

© picture alliance/Carsten Rehder/dpa

Vögel nisten auf dem Lummenfelsen auf Helgoland

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Basstölpel

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Tordalks

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Trottellummen

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Eissturmvogel

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Dreizehenmöwe

Nistplatz aus Plastik statt Algen

Im Frühjahr ist Brutzeit bei den Basstölpeln. Sie bauen ihre Nester auf dem Lummenfelsen, aber anstatt natürlicherweise nur Großalgen dafür zu verwenden, greifen sie zusätzlich auf den bunten Plastikmüll zurück, der im Meer treibt oder am Strand liegt. Zahlen des Umweltbundesamts zeigen: 98 Prozent der Nester in der Brutvogelkolonie von Basstölpeln auf Helgoland enthalten Kunststoff.

© picture alliance / blickwinkel

Basstölpelküken in einem Nest voller Plastik

Warum verbauen die Basstölpel Plastikmüll in ihren Nestern?

Warum die Vögel anstelle der Algen die Plastikschnüre nehmen, weiß man nicht genau, so der Ornithologe Elmar Ballstaedt. Er ist Schutzgebietsbetreuer der Naturschutzgesellschaft Verein Jordsand auf Helgoland.

Seiner Meinung nach könnte es an der Struktur liegen, die dem natürlichen Baumaterial, den Großalgen, sehr ähnlich ist - nämlich fadenförmig und lang. Zum anderen könnte es aber tatsächlich auch die bunte Farbe sein, die die Vögel anspricht. Das würde bedeuten, dass die Vögel das Plastik nicht "aus Versehen" verbauen, sondern es sich absichtlich herauspicken. Eine weitere Hypothese, die sich aber nur schwer überprüfen lässt, ist die, ob die monogamen, orts- und nesttreuen Tiere über die Zeit gemerkt haben, dass Plastik einfach stabil ist.

© dpa-Bildfunk/Carsten Rehder

Nester voller Plastik - Seevögel auf Helgoland

Basstölpel sterben durch den Plastikmüll

Das künstliche Nistmaterial kann für die Basstölpel aber zur tödlichen Gefahr werden. Die Tiere verheddern sich in den Plastikfasern, bleiben mit den Füßen, Flügeln oder Hälsen darin stecken und können sich nicht selbstständig befreien. Sie können kein Futter mehr erjagen oder stürzen von den steilen Felsen ab und erhängen sich in den Plastikschnüren.

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Basstölpel erhängt in Resten von Fischernetzen und Plastik

In einem Forschungsvorhaben des Umweltbundesamtes wurde ermittelt, wie viele der jungen Basstölpel sich in Müll verstricken und strangulieren, den die Elterntiere in die Nester gebracht haben: "Dadurch starben während der Brutsaisons 2014 und 2015 zwei- bis fünfmal so viele Jungvögel wie normalerweise", so Stefanie Werner vom Umweltbundesamt. Ballstaedt geht davon aus, dass sich der Bruterfolg der Basstölpel in den vergangenen beiden Jahren um je gut fünf Prozent vermindert hat.

© dpa-Bildfunk/Carsten Rehder

Basstölpel und Trottellummen nisten auf dem Lummenfelsen in Helgoland

Um wie viel Plastikmüll geht es am Helgoländer Felsen?

Bereits im Jahr 2015 wurden probeweise sieben Basstölpelnester außerhalb der Brutzeit aus dem Felsen genommen und gewogen, wie viel Plastikmüll darin verbaut war. Die sieben Nester enthielten zehn Kilogramm - hochgerechnet auf 1.150 Basstölpelnester wären das über 1.600 Kilogramm Plastikmüll.

Woher der Plastikmüll genau kommt, welche Auswirkungen er auf die Basstölpelpopulation hat und warum sie ihn in ihre Nester einbauen - diese Fragen will Ballstaedt in den kommenden vier Jahren im Rahmen seiner Promotion untersuchen. Mehrere Forschungseinrichtungen unterstützen ihn dabei.

© picture alliance / blickwinkel

Basstölpel in einem Nest voller Plastikmüll

Plastikmüll im Meer gefährdet viele Tiere

Plastikmüll ist ein weltweites Problem. Der WWF schätzt, dass mehr als 800 Tierarten, die im Meer oder in Küstenbereichen leben, von Plastikmüll beeinträchtigt werden. Meeresschildkröten verwechseln Kunststofftüten mit Quallen, von denen sie sich ernähren. Viele Tiere, zum Beispiel Robben und Seehunde, verheddern und strangulieren sich in den sogenannten Geisternetzen - Fischernetzen aus Plastik, die entsorgt wurden oder verloren gegangen sind. Auch die Vögel bleiben nicht verschont. Fast alle an deutschen Nordseestränden tot aufgefundenen Eissturmvögel zum Beispiel haben laut Umweltbundesamt Kunststoffe im Magen.

"An der Nordsee finden wir 390 Müllteile pro hundert Meter, an der Ostsee 70 – und der Großteil davon ist aus Plastik." Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes