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Plastik als Gefahr: Wie Mikroplastik unseren Boden zersetzt | BR24

© picture alliance/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Plastiktüte in einer Wiese. Mit der Zeit zerfällt sie in Mikro- und Nanoplastikteilchen. Die reichern sich im Boden an.

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    Plastik als Gefahr: Wie Mikroplastik unseren Boden zersetzt

    Weggeworfene Plastiktüten und –becher sieht jeder, doch die Mikro- und Nanoteilchen, zu denen der Kunststoff zerfällt, keiner. Sie durchdringen den Boden. Was das für Folgen hat, ist kaum erforscht – könnte aber gefährlich für uns Menschen werden.

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    Unsere Ozeane sind vermüllt und voller Plastik – das ist mittlerweile bekannt. Auch, dass Mikroplastik über Mücken in Vögel gelangt, haben Forscher herausgefunden. Nun schlagen Wissenschaftler Alarm, weil sich immer mehr Mikroplastik auch in unseren Böden finden lässt. Wenn Plastik verrottet, zerfällt es in sehr kleine Teilchen, die ewig brauchen, um abgebaut zu werden. Diese Mikro- und Nanoplastikteilchen reichern sich im Boden an – die Folgen dieser Verschmutzung für den Menschen sind bisher noch wenig erforscht. Versuchsergebnisse mit Tieren deuten aber auch auf mögliche gesundheitliche Schäden für den Menschen hin.

    Vier Kilo Mikroplastik pro Kopf in Deutschland

    Als Mikroplastik werden Kunststoffteilchen bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind, während Partikel unter einem Mikrometer – das ist das Tausendstel eines Millimeters – als Nanoplastik gelten. Allein die Zahlen, die das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen in seiner Studie "Kunststoffe in der Umwelt: Mikro- und Makroplastik" am 21. Juni 2018 für Deutschland veröffentlicht hat, sind alarmierend: Demnach entsteht jedes Jahr eine Menge von rund 330.000 Tonnen ultrafeines Plastik. Das entspricht rund vier Kilo pro Kopf. "Die Verschmutzung durch Mikroplastik an Land ist dabei viel größer als in den Meeren – sie wird je nach Umgebung auf das Vier- bis 23-Fache geschätzt", unterstreichen auch Forscher des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der Freien Universität Berlin (FU) Ende 2017.

    Mikroplastik als unsichtbare Gefahr

    Das Problem dabei: Uns Menschen ist diese Gefahr deshalb nicht so präsent, weil wir sie mit bloßem Auge nicht sehen. Manche Nano-Partikel sind zehn Mal kleiner als ein Bakterium. Solch kleine Teilchen können die Membranen von Zellen passieren und Pflanzen nehmen sie mit ihren Wurzeln auf. "Damit würde Plastik nicht nur über Fisch und Meeresfrüchte in unsere Nahrungskette gelangen, sondern auch durch Agrarprodukte", sagt der Pflanzenökologe Matthias Rillig, der an der FU die Studie zu Plastik im Boden geleitet hat.

    Auswirkungen von Nanoplastik auf Menschen?

    Für Fische hat das IGB nachgewiesen, dass Plastik ins Blut und in die Organe gelangen kann, auch ins Gehirn. Auch Versuche mit Regenwürmern an der FU zeigten: Plastik fressende Würmer erreichten nicht mehr ihre normale Größe. Ob und welche Auswirkungen Nanoplastik genau auf den Menschen haben könnte, ist noch nicht bekannt, so der Pflanzenökologe. Doch zerfällt Plastik, treten mitunter Inhaltsstoffe wie Weichmacher und Stabilisatoren aus. Solche Stoffe können sich beispielsweise auf das Hormonsystem auswirken oder Krebs fördern. Die Frage ist, ob sie es in jener Konzentration, in der sie derzeit in der Umwelt vorhanden sind, auch wirklich tun. "Das würde mich auch interessieren", sagt die Forscherin Saskia Rehse vom IGB. Die Forschung stehe da noch ganz am Anfang, es gebe noch viele Fragezeichen, so Rehse. Zudem können die Plastikteilchen – auch wenn sie selbst ungefährlich wären – schädlich wirken, sagt Rillig, denn: "An ihrer Oberfläche können sich toxische Stoffe gut anheften."

    Mikroplastik: Autoreifen und ihr Abrieb als einer der "Hauptübeltäter"

    Das unsichtbare Plastik im Boden stammt aus vielen Quellen. So zerfallen weggeworfene Abfalltüten und -becher oder liegengelassenes Plastikgeschirr unter dem UV-Licht der Sonne sowie dem Einfluss von Wind und Wetter zu immer kleineren Partikeln. Bereits in kleinen Stückchen kommt Kunststoff aus Autoreifen auf den Äckern an – der Wind nimmt den Abrieb der Reifen von den Fahrbahnen mit. Nach aktuellen Erkenntnissen des Oberhausener Fraunhofer-Instituts sind Autoreifen die bei Weitem größte Quelle für Plastik im Boden – rund 1,2 Kilo pro Kopf und Jahr.

    Auch beim Wäschewaschen entstehen die Kunststoff-Winzlinge: Beim Schleudern von Wäsche mit Polyester-Anteil schwimmen sie mit dem Abwasser zur Kläranlage und verbleiben dort im Klärschlamm, der anschließend als Dünger auf die Felder kommt.

    Der Mikroplastik-Anteil, der aus Kosmetika wie Shampoos, Puder, Zahnpasta, Wimperntusche oder Lippenstift kam und letztendlich im Abwasser und über den Umweg der Kläranlage auf den Äckern landete, ist mittlerweile stark zurückgegangen. Wie Fraunhofer-Wissenschaftler Bertling erklärt, hätten die Hersteller in diesem Bereich reagiert. Mittlerweile sind viele Produkte heute nahezu plastikfrei. Allerdings stehen bei Kosmetika mit zum Beispiel Kieselsäure, Mineralstoffen oder zerstoßenen Obstkernen auch schon länger Ersatzstoffe zur Verfügung.