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Piksen oder nicht: Brauchen wir die Impfpflicht? | BR24

© picture-alliance/dpa

Symbolbild: Eine Frau lässt sich gegen Grippe impfen

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Piksen oder nicht: Brauchen wir die Impfpflicht?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat jüngst Alarm geschlagen und mangelnde Impfbereitschaft zu einem der größten Gesundheitsrisiken der Welt erklärt. Sollten die Behörden hierzulande einen Impfzwang einführen?

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Impfungen verhindern jährlich zwei bis drei Millionen Todesfälle – das hat die Weltgesundheitsorganisation ausgerechnet. Aber es gibt noch Luft nach oben: Weitere 1,5 Millionen könnten verhindert werden, wenn sich weltweit mehr Menschen impfen lassen. Dass dieses Potential noch nicht ausgeschöpft ist, liegt nicht nur am schwierigen Zugang zu Impfstoffen in manchen Regionen. In weit entwickelten Ländern wie Deutschland gehören Nachlässigkeit und mangelndes Vertrauen zu den Gründen.

Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte fordert Impfpflicht

Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte fordert seit Jahren verpflichtende Impfungen in Deutschland. Erst Ende Januar erklärte BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: "Nur mit einer gesetzlichen Impfpflicht werden wir das Ziel des Nationalen Aktionsplans erreichen, Masern bis 2020 in Deutschland dauerhaft auszurotten." Masernepidemien, wie sie jedes Jahr in Deutschland auftauchten, werde es nicht mehr geben, wenn mindestens 95 Prozent der Bevölkerung geimpft seien.

Erstklässler nicht ausreichend geschützt

Derzeit sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) nur 92,9 Prozent der Erstklässler zweimal gegen Masern geimpft. Zuvor hatte sich bereits der Gesundheitsexperte der SPD, Dr. Karl Lauterbach, für eine gesetzliche Impfpflicht für Masern ausgesprochen. Die Kinder- und Jugendärzte verlangen neben der verpflichtenden Maserimpfung auch eine Impfpflicht für Röteln, Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Mumps und Windpocken geben.

Große Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen

RKI-Präsident Professor Lothar Wieler ist allerdings skeptisch, was eine Impfpflicht angeht. Maßgebliche Ursache der Masern-Ausbrüche in den vergangenen Jahren seien große Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, nicht bei Kleinkindern. Eine RKI-Studie hat ergeben, dass mehr als 40 Prozent der 18- bis 44-Jährigen nicht gegen Masern geimpft sind. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt deshalb nach 1970 Geborenen, die Impfung nachzuholen.

Impfpflicht versus Überzeugungsarbeit

Eine Impfpflicht hält RKI-Präsident Wieler sogar für kontraproduktiv. Sie könnte "den Eindruck erwecken, dass sachliche Argumente doch nicht so gut sind". Außerdem hätten Forscher aus Erfurt und Aachen herausgefunden, dass der Zwang die Bereitschaft für weitere, freiwillige Impfungen deutlich senke.

So machen es andere Länder in der EU

In Frankreich müssen Kleinkinder unter zwei Jahren elf Impfungen erhalten bevor sie in einem Kindergarten oder einer anderen öffentlichen Einrichtung betreut werden können. Dazu gehören zum Beispiel die Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie oder Keuchhusten. Solche indirekten Verpflichtungen gibt es derzeit in 13 EU-Staaten. Italien droht Eltern seit Kurzem sogar direkt mit Bußgeldern, wenn sie ihre Kinder nicht gegen zwölf Krankheiten impfen lassen. Dazu gehört auch die Impfung gegen Masern. In den übrigen EU-Staaten sprechen Experten lediglich Empfehlungen aus.

Strenge Regeln für deutsche Kitas

Auch in Deutschland setzen die Behörden auf Freiwilligkeit: Die Ständige Impfkommission (STIKO) spricht Empfehlungen aus. Darüber hinaus hat das Bundesgesundheitsministerium 2015 ein paar kleine Verpflichtungen im sogenannten Präventionsgesetz verankert. Eltern müssen seitdem zum Beispiel beim Kita-Eintritt eine Impfberatung nachweisen. Treten in einer Gemeinschaftseinrichtung wie einem Hort oder einer Schule Masern auf, können die zuständigen Behörden nicht geimpfte Kinder vorübergehend ausschließen.

Impfpflicht für Kinder und Jugendliche in der DDR

Eine gesetzliche Impfpflicht gibt es derzeit allerdings nicht. Vor einigen Jahrzehnten war das anders. In der DDR gab es seit den 1950ern eine Impfpflicht. Unter dem Motto "Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe" bekamen Heranwachsende bis zu ihrem 18. Lebensjahr 20 Schutzimpfungen. Der Münsteraner Geschichtsprofessor Malte Thießen hat die rigorose Impfpolitik historisch aufgearbeitet und festgestellt: Der Impfzwang führte zunächst dazu, dass die Krankheitszahlen zum Beispiel bei der Kinderlähmung im Vergleich zum Westen massiv sanken. Später holte der Westen allerdings auf.

Impfpflicht für Kinder in der BRD

In der BRD musste von 1949 bis Ende 1975 jedes Kind im Alter bis zwölf Jahren gegen Pocken geimpft werden. Seit den 1950er Jahren wurde diese Impfpflicht aber immer wieder in der Öffentlichkeit diskutiert, weil sie nach Meinung von Kritikern gegen das Persönlichkeitsrecht verstieß.

Impfzwang im Notfall möglich

Rein rechtlich ließe sich ein Impfzwang heute in Deutschland sogar umsetzen: Bei sehr gefährlichen Viren hat der Bund eine sogenannte Verordnungsermächtigung, eine Impfpflicht einzuführen. Droht eine Epidemie darf sich das Gesundheitsministerium auf das Infektionsschutzgesetz berufen. Das ermächtigt es, mit Zustimmung des Bundesrats, bedrohte Teile der Bevölkerung zu einer Schutzimpfung zu verpflichten.

Verpflichtende Impfberatung für Eltern

Statt auf eine Impfpflicht setzt die zuständige Behörde, das Robert-Koch-Institut, auf verbesserte Aufklärung. Ärztinnen und Ärzte sollten die Eltern immer wieder ans Impfen erinnern. Und auch die verpflichtende Impfberatung vor dem Besuch einer Kindertagesstätte und die Kontrolle der Impfungen bei den Vorsorgeuntersuchungen seien wichtige Bausteine. RKI-Präsident Wieler plädiert außerdem dafür, die aufklärenden Gesundheitsämter personell und finanziell gut auszustatten.

Aufklärung statt Zwang

Ähnliche Töne schlägt die Politikwissenschaftlerin Dr. Katharina Paul von der Uni Wien an. Sie fordert im Gespräch mit dem BR eine größtmögliche Transparenz der Behörden beim Impfen. Dazu gehören Informationen zu möglichen Nebenwirkungen und zur Rolle der Pharmaindustrie – beides Themen, die immer wieder für Misstrauen bei Impfgegnern sorgen. Länder, die offener zum Impfen kommunizierten, wie die Niederlande zum Beispiel, könnten so deutlich bessere Impfraten erreichen.

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