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Umweltschützer: Pestizide verbreiten sich per Luft kilometerweit | BR24

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Glyphosat in Naturschutzgebieten? Oder in der Stadt? Ob das so ist, sollte eine deutschlandweite Untersuchung klären. Die Ergebnisse: Pestizide blieben nicht auf den Äckern, sondern verbreiten sich über weite Strecken über die Luft.

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Umweltschützer: Pestizide verbreiten sich per Luft kilometerweit

Durch Messungen an über einhundert Standorten belegen Umweltaktivisten: Pflanzenschutzmittel wie etwa Glyphosat bleiben nicht dort, wo sie vorschriftsmäßig verwendet werden. Sie können überall hingelangen. Die Naturschützer fordern Konsequenzen.

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Von
  • Eva Huber
  • Johanna Stadler

Passivsammler - so heißen die Geräte, mit denen Umweltaktivisten in den vergangenen eineinhalb Jahren Pestizide aus der Luft eingesammelt haben. Wie Karl Bär vom Münchner Umweltinstitut berichtet, haben er und seine Mitstreiter*innen vom Bündnis für enkeltaugliche Landwirtschaft überall Rückstände gefunden - auch in der Nähe von Biobetrieben oder in Naturschutzgebieten. Manchmal seien es gleich mehrere unterschiedliche Pflanzenschutzmittel auf einmal gewesen. An allen Messstellen war laut Bär Glyphosat im Sammler. Und an manchen Orten stießen die Aktivisten auch auf Altlasten - wie das längst verbotene Nervengift Lindan.

Der Weg der Pestizide

Aber warum bleiben die Spritzmittel nicht auf den Äckern, wo sie zugelassen sind? Bekannt ist das Phänomen der Abdrift, also wenn beim Spritzen Tropfen nicht ausschließlich auf dem vorgesehenen Feld landen, sondern in die Umgebung "abdriften". Diese Art der Abdrift ist relativ gut erforscht und wird für jeden Wirkstoff abgeklärt, bevor er zugelassen wird. Manche – flüchtige – Pestizide können verdunsten, wenn sie schon auf der Pflanze oder auf dem Boden sind – und über die Luft wegtransportiert werden. Eine weitere Möglichkeit nimmt das Umweltinstitut nun in den Fokus.

Der dritte Weg

Den Transport über Staubpartikel ist eine wichtige neue Variante. Darüber forscht seit einiger Zeit auch Violette Geissen, Professorin vor der Universität Wageningen in den Niederlanden. Ihr zufolge können sich Pestizide an winzige Bodenpartikel anheften, die dann leicht vom Wind wegtransportiert werden können. Geissen will bei ihrer Forschungsarbeit herausfinden, ob die Stoffe, die an diesen Staubpartikeln haften, die menschliche Gesundheit beeinflussen. Das ist noch nicht geklärt. Auch das aktuelle Projekt des Münchner Umweltinstituts lässt darauf keine Rückschlüsse zu. Es belegt, dass Rückstände vorkommen und auch Mischungen von Rückständen. Wie hoch diese jedoch sind, müsste weiter untersucht werden.

Biobauern haben den Schaden

Was aber feststeht: Biobauern leiden auf jeden Fall unter den fehlgeleiteten Spritzmitteln. Zum Beispiel Reinhard Brunner aus Weiden in der Oberpfalz. Vor ein paar Jahren fand er massive Pestizidrückstände auf seinem Kartoffelfeld. Doch woher? Das blieb unklar. In seinem Umfeld jedenfalls arbeiteten nur Biobauern. Doch in solchen Fällen bleiben die ökologisch wirtschaftenden Landwirte auf dem Schaden sitzen, bestätigt der Anbauverband Bioland.

Strenge Auflagen bei konventionellen Landwirten

Wer zugelassene Spritzmittel verwendet, muss sich an Vorgaben halten. Zum Beispiel darf ab einer bestimmten Windstärke nicht gespritzt werden; die Tauglichkeit der Spritzmaschinen wird vom TÜV alle drei Jahre kontrolliert. Eigentlich müssten sich die Landwirte darauf verlassen können, dass Mittel, die zugelassen sind, keinen Schaden anrichten.

Forderung der Umweltaktivisten

Die Ergebnisse ihrer Messungen müssen den Umweltschützern zufolge jetzt Konsequenzen nach sich ziehen. Fünf der am weitesten verbreiteten Pestizide müssten verboten werden, sagen sie. Und eine weitere Forderung lautet: Die Zulassungsverfahren müssten nun dringend angepasst werden.

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Bildrechte: Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa

Durch Messungen an über einhundert Standorten belegen Umweltaktivisten: Pflanzenschutzmittel wie etwa Glyphosat bleiben nicht dort, wo sie vorschriftsmäßig verwendet werden. Sie können überall hingelangen. Die Naturschützer fordern Konsequenzen.

Industrieverband Agrar: Thema "künstlich aufgebauscht"

Als alarmistisch und wissenschaftlich nicht valide bezeichnet der Industrieverband Agrar e. V. (IVA), der die Interessen der agrochemischen Industrie in Deutschland vertritt, die Studie. "Über diese Kampagne sind wir wirklich erstaunt. Die Hersteller-Firmen appellieren schon länger, die Fälle, bei denen Landwirte ihr Erntegut nicht mehr vermarkten konnten, klar zu benennen. Bisher haben wir keine konsistenten Hinweise aus der Bio-Branche erhalten. Hier wird der Dialog seit Jahren verweigert", sagt IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer.

"Funde selten und unbedenklich"

"Doch nicht nur die Funde sind offenbar selten; die dabei nachgewiesenen Mengen sind so minimal, dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind. Hier wird ein Thema künstlich aufgebauscht", so Gemmer. Heute lasse sich jeder beliebige Stoff im Spurenbereich nachweisen.

"Pflanzenschutzmittel leisten einen wichtigen Beitrag, Qualität und Ertrag unserer Nahrungsmittel zu sichern", so Gemmer. Überzogene Risikodebatten seien vor diesem Hintergrund wenig hilfreich. Als Verband stehe man als Gesprächspartner zur Verfügung, um den Dialog zu dem Thema fortzusetzen.

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