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Penicillin - ein Wundermittel kommt in die Jahre | BR24

© picture alliance/chromorange/Christian Ohde

Antibiotika - die Entdeckung vor 90 Jahren schrieb Medizingeschichte, doch die einstige Wunderwaffe droht stumpf zu werden.

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    Penicillin - ein Wundermittel kommt in die Jahre

    Alexander Fleming hat 1928 den neuartigen Wirkstoff zufällig entdeckt. Am 9. Januar 1929 testete er ihn erstmals. 1942 kam das Penicillin als erstes Antibiotikum auf den Markt. 90 Jahre später ist das einstige Wundermittel altersschwach.

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    Es fing so gut an: Der Schotte Alexander Fleming, Mediziner und Bakteriologe (1881-1955), lässt 1928 eine Bakterienkultur mit Staphylokokken offen in seinem Labor liegen und fährt in den Urlaub. Nach der Rückkehr bemerkt er, dass sich auf der unverschlossenen Petrischale der Schimmelpilz Penicillium notatum gebildet und die Bakterien vernichtet hat. Fleming hält die Entdeckung für bedeutsam und experimentiert weiter.

    Am 9. Januar 1929 testet er erstmals eine Penicillin-Lösung an seinem Assistenten Stuart Craddock, allerdings erfolglos. Erst 14 Jahre später kommt der Erfolg - und Penicillin auf den Markt. 1945 erhält Fleming zusammen mit Howard Florey und Ernst Chain den Nobelpreis für Medizin und Physiologie. Die Entdeckung des Penicillins gilt als wichtiger Meilenstein der Medizingeschichte.

    Resistenzen gegen Antibiotika

    90 Jahre später haben das Penicillin und viele nachfolgende Antibiotika an Wirkung verloren. Viele Bakterien konnten sich anpassen und Resistenzen gegen die einstigen Wunderwaffen entwickeln. Schon Fleming warnte vor dieser Entwicklung. 2018 schlägt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm.

    Verlören Antibiotika ihre Wirkung, wären die Folgen fatal: "Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase oder an Lungenentzündung oder Sepsis, weil die Medikamente nicht wirken", sagt Marc Sprenger, der die WHO-Abteilung für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen leitet. Immer noch sind Antibiotika aus der Medizin nicht wegzudenken. Sie halten lebensgefährliche Bakterien in Schach und machen dadurch die Behandlung vieler Krankheiten erst möglich oder weniger riskant - das reicht von der komplexen Organtransplantation bis hin zur einfachen offenen Wunde.

    Todesfälle durch Antibiotika-Resistenzen

    Nach Schätzungen von Experten starben in der EU bereits vor zehn Jahren 25.000 Menschen im Jahr an einer Infektion mit Antibiotika-resistenten Bakterien. In Deutschland sind es laut Robert Koch-Institut (RKI) jährlich 15.000 Menschen, die einer Infektion aufgrund wirkungslos gewordener Antibiotika erliegen.

    Gründe für Antibiotika-Resistenzen

    Schuld daran, dass Antibiotika immer wirkungsloser werden, sind zum großen Teil wir selbst: Der Verbrauch von Antibiotika ist in den vergangenen 15 Jahren weltweit um rund 65 Prozent gestiegen, wie Wissenschaftler vom US-Forschungszentrum CDDEP (Center for Disease Dynamics, Economics & Policy) im März 2018 errechnet haben. Und gerade ein zu häufiger und falscher Einsatz von Antibiotika bei Mensch und Tier führt dazu, dass Bakterien immer bessere Überlebenschancen gegen Antibiotika entwickeln und die Wirkstoffe wirkungslos werden.

    Antibiotika-Konsum in EU-Ländern variiert stark

    In Griechenland und Zypern ist der Verbrauch von Antibiotika pro 1.000 Einwohner doppelt so hoch wie in Deutschland. In manchen Ländern sind Antibiotika ohne Rezept auf der Straße zu kaufen, in anderen werden die Wirkstoffe von skrupellosen Geschäftemachern verdünnt.

    Durch den falschen Umgang mit Antibiotika sind in vielen europäischen Ländern - wie etwa in Spanien, Griechenland, Ungarn, Rumänien und Polen - schon weit mehr als 50 Prozent bestimmter Bakteriengruppen gegen einzelne Antibiotika resistent. Zum Vergleich: In Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien sind bisher weniger als zehn Prozent der Bakterien gegen eine Antibiotika-Behandlung immun.

    Antibiotika-Konsum ist ein kulturelles Phänomen

    Für Marc Sprenger, Antibiotika-Experte der WHO, ist der extrem hohe Antibiotika-Konsum in manchen Ländern ein "kulturelles Phänomen". "Auch, wenn viele Infektionen nach ein paar Tagen von selbst weggehen, verlangen Patienten oft nach Antibiotika und Ärzte sind zu schnell dabei, ihre Wünsche zu erfüllen", erklärt Sprenger.

    Dabei seien die Unterschiede innerhalb der EU drastisch, so Sprenger. Während ein Arzt in Westeuropa Patienten inzwischen oft beruhigen und auch mit Hausmitteln nach Hause schicken könne, verlangten Patienten in ärmeren Ländern, die für einen Arztbesuch aus eigener Tasche bezahlen, häufig nach Medikamenten.

    Antibiotikaforschung: Suche nach neuen Wirkstoffen

    Um der steigenden Zahl an Resistenzen Herr zu werden, wären neuartige Wirkstoffe mit neuen Wirkmechanismen nötig. Aber Antibiotika-Experte Sprenger dämpft die Erwartungen: "Es sind neue Medikamente in der Forschungspipeline, aber wahrscheinlich haben wir in fünf bis sieben Jahren nur noch ein oder zwei potenzielle neue Präparate." Ein Grund für die schleppende Entwicklung neuer Antibiotika ist die teure Grundlagenforschung. Bei Präparaten, die später möglichst wenig eingesetzt werden sollen, lohnen sich die hohen Entwicklungskosten für die Pharmafirmen eher nicht.

    WHO setzt auf Aufklärung über Antibiotika

    Staatliche Unterstützung ist gefordert. Deutschland hat sich in der G-20-Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer für die Erforschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe stark gemacht. Marc Sprenger weist zudem darauf hin, dass starke Gesundheitssysteme gebraucht werden, damit Antibiotika nur über Ärzte nach Abklärung der Notwendigkeit ausgegeben werden. Dabei müssten reiche Länder die ärmeren unterstützen. Die WHO plant verstärkt Aufklärungskampagnen für Ärzte und Patienten.